Wittighausen

Vortrag Naturfotograf Roland Günter über den Rückgang des Artenreichtums, über das Zusammenleben von Tieren und Pflanzen und das perfekte Foto

„In einer Wiese wimmelt es gewaltig“

Der Artenreichtum an Pflanzen und Tieren ist faszinierend: In einer Wiese summt und brummt es. Roland Günter lehrt die Zuhörer, die biologische Vielfalt zu empfinden.

Unerwittighausen. Die „Wunder Welt Wiese“ steht im Mittelpunkt eines Vortrags von Roland Günter. Er ist nicht nur ein großer Naturfreund, sondern auch ein versierte Fotograf und als solcher Herausgeber der Zeitschrift „Makrofoto“.

Am Samstag, 8. Februar, referiert er um 19 Uhr im Kindergarten in Unterwittighausen und will die Zuhörer für den Mikrokosmos faszinieren.

Ihr Vortrag heißt „Wunder Welt Wiese“. Was macht für Sie diese Wunderwelt aus?

Roland Günter: Eine Wiese strotzt vor Leben. Die meisten ihrer Bewohner leben vor uns Menschen verborgen. Schauen wir jedoch genauer hin, öffnet sich für uns eine Welt voller Wunder – eine „Wunderwelt“.

Haben sich die Wiesen und ihre Bewohner in den letzten Jahren verändert?

Günter: Viele früher vorhandene Wiesen sind gar nicht mehr da. In den vergangenen wenigen Jahrzehnten sind die meisten Wiesen zu Ackerflächen umgebrochen worden, sind also verschwunden. Und in den wenigen, die noch vorhanden sind, leben immer weniger Pflanzen und Tiere.

Wie wichtig ist eine artenreiche Wiese für eine intakte Umwelt?

Günter: Intakte Wiesen beherbergen eine enorme Artenvielfalt, die einen Teil der gesamten Artenvielfalt in unserer Landschaft stellt. Alles zusammen ist Voraussetzung für eine intakte Umwelt, für eine Umwelt, in der weiterhin Pflanzen, Tiere und auch Menschen existieren können.

Räumen wir der Natur zu wenig Raum in unserer Zivilisation ein?

Günter: Wir räumen ihr nicht nur zu wenig Raum ein, sondern wir unterwerfen sie fast komplett unserem reinen Nutzungsdenken. Wir haben eigentlich gar keine Natur mehr, vielleicht an wenigen Stellen noch ein wenig „Rest-Natur“. Nahezu alle Flächen dienen wirtschaftlichen Maximen wie Intensivierung und Gewinnmaximierung. Für wirkliche, sich selbst überlassene Natur gibt es keinen Platz mehr.

Wie lässt sich der Artenrückgang stoppen? Was kann jeder Einzelne selbst dazu betragen, etwa im eigenen Garten?

Günter: Wir können in unseren Gärten oder auch auf kommunalen Flächen nicht ersetzen, was beispielsweise durch die Landwirtschaft über viele Jahrzehnt hinweg kaputt gemacht wurde und immer noch wird. Aber es gibt zahlreiche Flächen in Gärten oder auch innerhalb unserer Kommunen, auf denen artenreiche Wiesen angelegt werden können. Engagierte Menschen können hier Wunder bewirken. Blumenweisen verbessern das Wohnklima, verschönern das Ortsbild, tragen zur Erhaltung der Artenvielfalt bei und bieten zudem noch die Möglichkeit, alten wie jungen Menschen die Faszination von biologischer Vielfalt zu zeigen – und zwar unmittelbar vor ihrer Haustüre. Um den Artenrückgang zu stoppen, muss jedoch wesentlich mehr gemacht werden – sowohl in der landwirtschaftlichen Flur als auch in unseren Wäldern.

Gibt es aus Ihrer Sicht eine ideale Wiese?

Günter: Es gibt nicht die ideale Wiese. Je nach Region und Bodenverhältnissen gibt es sehr viele verschiedene Wiesen-Typen. Und ein Landwirt wird wohl eher eine andere Sichtweise von einer idealen Wiese haben als beispielsweise ein Biologe.

Ich beobachte seit vielen Jahren verschiedene Wiesentypen und erlebe die große Dynamik, die großen Veränderungen dieses tollen Lebensraums. Egal, ob feuchte Stromtalwiesen oder trockene Flachlandmähwiesen: In extensiv genutzten Wiesen sehe ich etwas, was die meisten anderen Menschen nicht sehen – biologische Vielfalt. In einer Wiese wimmelt es, wenn man weiß, wohin man schauen muss. Bei einem Spaziergang durch eine Wiese nehmen die meisten Menschen nicht einmal ein Fünftel der tatsächlich vorhandenen Pflanzen und weniger als fünf Prozent der Tierwelt wahr.

Viele Landwirte würden bei der Beantwortung dieser Frage sicherlich andere Schwerpunkte setzen.

Sie halten viele Insekten und andere kleine Lebewesen mit Ihrer Kamera fest. Wie kamen Sie zur Naturfotografie?

Günter: Als Jugendlicher war ich oft tagelang in der Natur und hatte viele intensive und seltene Erlebnisse mit wildlebenden Tieren. Weil ich diese tollen Beobachtungen festhalten wollte, überließ mir mein Vater seine analoge vollmechanische Spiegelreflexkamera. So ein Ding war damals noch richtig wertvoll – und ich super stolz! Mittlerweile bin ich Betreiber einer europaweit einzigartigen Internet-Datenbank mit weit über 200 000 Fotos.

Was ist das Faszinierende für Sie an Wiesen?

Günter: Aufgrund ihrer enorm hohen Artenvielfalt zeigen uns Wiesen, wie das Zusammenleben von Pflanzen und Tieren sowie von Tieren untereinander funktioniert – und zwar nachhaltig, über einen langen Zeitraum. Zur Wunderwelt Wiese gehört auch der Mensch. Er hat die Möglichkeit, sie zu erhalten – oder zu zerstören. Er kann also seine Naturverträglichkeit hervorragend üben. Ich finde, das ist überaus faszinierend.

Mit welcher technischen Ausrüstung legen Sie sich auf die Lauer?

Günter: Viele Menschen meinen, tolle Fotos kämen immer aus großen, teueren Kameras. Dem ist nicht so. Ich arbeite mit recht unauffälligen, kleinen Kameras und Objektiven, die von jedermann überall gekauft werden können. Die Kunst liegt vielmehr in deren Bedienung und insbesondere im Wissen über die Motive. Je besser man seine Protagonisten kennt, desto bessere Fotos gelingen.

Wie lange dauert es, bis Sie das perfekte Foto haben?

Günter: Das ist sehr unterschiedlich. Manchmal dauert es Monate, manchmal auch nur Sekunden. Die Motive geben dies vor. Die Kamera in meiner Hand ist nur das Werkzeug.

Sie geben Ihr Wissen gerne weiter. Warum ist das für Sie so wichtig?

Günter: Weil ich Biologie und die Interaktionen zwischen Tieren und Pflanzen so interessant finde. Mir macht es einfach Spaß, zu erleben, wie biologische Vielfalt funktioniert – und das dann mit anderen Menschen zu teilen.

Was erwartet die Zuschauer in Wittighausen?

Günter: Ein intellektuelles und sinnliches Erlebnis. Sie werden sehen, dass sie für nahezu unbekannte Gefilde nicht erst ins All oder in die Tiefsee reisen müssen, sondern nur vor ihre Haustür. Ich erzähle ihnen Geschichten von Wiesenbewohnern, die noch nie erzählt wurden, mit Motiven, die oftmals zum ersten Mal überhaupt fotografiert wurden. Dazu kommt exklusiv komponierte Musik von Kai Arend. So erfahren die Besucher nicht nur, wie biologische Vielfalt funktioniert, sondern sie lernen, sie zu empfinden. Und schließlich erwartet die Zuschauer noch etwas: meine Begeisterung für die Natur. Ich hoffe, dass sie sich davon anstecken lassen.