Wittighausen

Gewässernachbarschaftstag Wittighausen Teilnehmer unternahmen eine Exkursion zum Naturdenkmal „Ried“, in dem der Biber schon seit zehn Jahren heimisch ist

Die Rückkehr der Ökosystemingenieure

Der Biber wird vielerorts als „Problemtier“ wahrgenommen. Er leistet aber einen wesentlichen Beitrag für Natur und Gewässer, wie die Biologin Victoria Bohle in ihrem Vortrag verdeutlichte.

Von unserem Redaktionsmitglied

Christopher Kitsche

Wittighausen/Main-Tauber-Kreis. Noch vor 100 Jahren war das Bibervorkommen in Deutschland auf ein Minimum geschrumpft. Heute ist er auch im Main-Tauber-Kreis, wieder sehr präsent. Doch nicht überall ist er willkommen.

Auch beim Gewässernachbarschaftstag in Wittighausen am Donnerstag stand das Nagetier im Fokus. Victoria Bohle vom Regierungspräsidium Stuttgart referierte bei der Tagung zum Thema „Die Rückkehr der Biber – Neue Chancen und Herausforderungen im Umwelt- und Naturschutz.“ Bohle berät Kommunen bei Neufunden und auftauchenden Problemen mit dem Biber. In ihrem Vortrag ging die Biologin auf Besiedlungsgeschichte, Grundlagen, Artenvielfalt und Durchgängigkeit der Biberdämme ein. Am Nachmittag besichtigten die Teilnehmer der Gewässernachbarschaftstage das Naturdenkmal „Ried“ am Insinger Bach an der Orts- und Landesgrenze bei Unterwittighausen. In dem Biotop gelang mittels Flurneuordnung und Flächenkäufen der Gemeinde eine gute Integration des Säugetiers.

Landschaftsgestalter

Victoria Bohle erklärte zur Einführung das Sozialleben der Biber. „Zwei Jahre bleiben die Jungtiere bei ihren Eltern, werden dann verdrängt und sind auf sich selbst angewiesen“, erläuterte Bohle. Auf der Suche nach einem neuen Zuhause käme es zu „heftigen Revierkämpfen“. Die größte natürliche Todesursache bei dem Tier seien deswegen Bisse von anderen Bibern.

„Biber sind Landschaftsgestalter“, hielt Bohle in ihrer Präsentation fest und nannte wesentliche Beiträge, die die Nagetiere für die Natur leisten. „Sie erhöhen den Wasserrückhalt in der Landschaft, schwächen und verzögern Hochwasserspitzen im Unterlauf. Als ‘Ökosystemingenieure’ tragen sie zur Revitalisierung der Gewässer bei.“ Davon würden viele Arten wie Libellen, Eisvögel, Blaukehlchen und Amphibien profitieren. Sich erwärmende Biberteiche, die für Nasswiesen sorgen, seien zudem optimal für Nassfrösche.

Die Wasserrahmenrichtlinie der Europäischen Union (EU-WRRL) verfolgt ein ganzheitliches Schutz- und Nutzungskonzept für die europäischen Gewässer. Hierzu zählt unter anderem, dass eine sogenannte „ökologische Durchgängigkeit“ der Gewässer für Fische und Kleinlebewesen (Makrozoobenthos) gewährleistet wird.

Der Biber wirkt diesem Ziel mit seinen Dammbauten oft entgegen, so der oft gehörte Vorwurf aus der Bevölkerung, wenn Maßnahmen zur Herstellung der ökologischen Durchgängigkeit an nicht durchgängigen, menschengemachten Bauwerken in diesen Bereichen umgesetzt werden sollen.

Bohle sprach dem entgegen: Die Dämme seien keine absoluten Wanderhindernisse, die Barrierewirkung sei viel mehr arten- und jahreszeitenabhängig. „Probleme treten immer dann auf, wenn zu wenig Raum vorhanden ist“, meinte die Biologin. Das Problem sei menschengemacht. Den Gewässern fehle der Platz dynamisch zu reagieren. Ein erster Lösungsansatz aus Bohles Sicht ist die Einhaltung der Gewässerrandstreifen.

Umdenken notwendig

Auch Jens Rögener, Umweltbeauftragter der Stadt Wertheim, befürwortet ein Umdenken bei diesem Thema. „Das Paradigma der Durchgängigkeit gilt für menschengemachte Anlagen nicht aber für Biberdämme.“ Sie seien zum Teil für Kleinfische und Kleinlebewesen durchgängig und können irgendwann wieder verfallen.

Viele Bauhofmitarbeiter aus der Teilnehmerrunde schilderten ihre Probleme mit dem Nagetier. Victoria Bohle äußerte Verständnis, betonte aber auch, dass eine einfache Entfernung des Biberdamms keine nachhaltige Lösung sei.

„Paradiesische“ Verhältnisse

Nahezu „paradiesische“ Verhältnisse findet der Biber im Naturdenkmal „Ried“ in Unterwittighausen an der Grenze zu Bayern vor, wohin die Gruppe am Nachmittag eine Exkursion unternahm. Nach Ankauf benachbarter Flächen zwischen dem Biotop und der Landesstraße wurde das Feuchtgebiet erheblich erweitert. Die Flächen wurden aus der landwirtschaftlichen Nutzung genommen und in ihrer weiteren Biotoperweiterung weitestgehend sich selbst überlassen.

„Mit der Flurneuordnung haben wir ein Instrument, womit wir den Konflikt zwischen der Aktivität des Bibers und der Landwirtschaft in Einklang bringen können“, sagte Jörg Hammerl vom Vermessungs- und Flurneuordnungsamt Main-Tauber-Kreis.

Dieses Verfahren sei eines der ersten dieser Art in Baden-Württemberg gewesen, erklärte Christian Andres vom Planungsbüro Andrena bei der Begehung. Zwei, vielleicht sogar drei Familien hätten im „Ried“ ihr Revier aufgebaut. „Wir haben hier eine irre Dynamik. Innerhalb kürzester Zeit passiert immer wieder etwas Neues“, beschrieb Andres die Situation im Feuchtbiotop. Die Nabu hat im Naturdenkmal auch einen Jägersitz in einen Beobachtungsstand von Wasservögeln umfunktioniert.

Vorzeigeprojekt

„Die Fläche hat sich durch die Flurneuordnung zu einem tollen Gebiet und Vorzeigeprojekt, in dem sich der Biber frei entfalten kann, entwickelt“, meinte auch Karl-Heinz Geier vom Umweltschutzamt Main-Tauber-Kreis.