Wertheim

VHS-Kino Verfilmter Klassiker „Deutschstunde“ / Vater benutzt seinen Sohn als Spitzel

Zwang und Pflicht dominieren

Archivartikel

Wertheim.Die VHS zeigt diese Woche Christian Schwochows gelungene Umsetzung der berühmten Romanvorlage von Siegfried Lenz, die auf eindringliche Weise von Deutschland in der NS-Zeit erzählt und der Rolle, die bedingungslose Pflichterfüllung darin spielte. Die Vorführungen finden am Dienstag, 19. November um 18.15 und Mittwoch, 20. November um 20.30 Uhr statt.

Deutschland, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Der als schwer erziehbar geltende Siggi Jepsen ist in einer Besserungsanstalt untergebracht, doch trotzt auch hier den Lehrern. Als er zum Thema „Die Freuden der Pflicht“ keinen Aufsatz verfassen kann, wird er in Einzelverwahrung gesteckt, bis die Aufgabe erledigt ist.

Und so schreibt Siggi von seiner Kindheit in Schleswig-Holstein während der Kriegsjahre. Er berichtet von seinem Vater, der streng war und dem NS-Regime in treuem Gehorsam folgte. Und von seinem Patenonkel, dem Maler Max Nansen, der eines Tages nicht mehr malen durfte, weil seine Kunst von denen in Berlin als „krank“ bezeichnet wurde. Als Siggis Vater seinen Sohn benutzen will, um den Maler auszuspionieren, gerät der Junge in einen Gewissenskonflikt.

Vor über 50 Jahren erschien mit „Deutschstunde“ einer der berühmtesten Romane von Siegfried Lenz - der sich darin nicht nur mit der NS-Zeit, sondern auch mit deren Aufarbeitung im Nachkriegsdeutschland auseinandersetzte. Regisseur Christian Schwochow ist es gelungen, die dichte Atmosphäre der Vorlage eindringlich auf die Kinoleinwand zu bannen. In von kalten Grautönen beherrschten, großen Bildern zeigen sie die Weite der rauen Landschaft und die Enge der Gesellschaft gleichermaßen, in der die Figuren gefangen sind und in der das Leben von Zwang und Pflicht beherrscht wird.

Den inneren Konflikt des Siggi Jepsen, der von seinem pflichtbesessenen Vater als Spitzel eingesetzt wird und sich irgendwann widersetzt, macht der Film ebenso greifbar wie die Situation des Malers, der seine künstlerische Freiheit über das Malverbot stellt. Dialoge und Gesten sind reduziert, das große Drama geschieht unterschwellig und ist doch als konstante Bedrohung spürbar, was auch an der großartigen Ensembleleistung liegt, allen voran Tom Gronau und Levi Eisenblätter, die Siggi als Jungen und jungen Erwachsenen verkörpern, Ulrich Noethen, der mit großer Intensität die Strenge und Dominanz des Vaters darstellt, und Tobias Moretti, der die Verzweiflung des Malers voll ausspielt.

Ein Kamerakonzept, das von langen, gleitenden Einstellungen dominiert ist, und ein Sounddesign, in dem Sturm und Regen ebenso symbolträchtig sind wie das leise Ticken der Wanduhr und die Stille eines verlassenen Hauses, erschaffen eine perfekte filmische Umsetzung einer literarischen Vorlage.

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