Wertheim

Brexit-Theater Jonathan Djanogly, der Abgeordnete der Partnerstadt Huntingdon, knickte nach der Drohung des Premierministers ein

Zum Rebellen reichte es dann doch nicht

Zunächst als Rebell gehandelt, knickte der Abgeordnete von Wertheims Partnerstadt Huntingdon doch ein.

Huntingdon/Wertheim. Es war eine spannende Woche im britischen Unterhaus. Mittendrin: Jonathan Djanogly. Er vertritt seit 2001 als konservativer Abgeordneter den Wahlkreis von Wertheims Partnerstadt Huntingdon. Vorige Woche galt Djanogly zunächst als möglicher Rebell gegen den neuen Premierminister Boris Johnson, der das Vereinigte Königreich „komme, was wolle“ aus der Europäischen Union führen will – selbst ohne „Scheidungsvertrag“, wie das umstrittene Abkommen zwischen der EU und Großbritannien gerne genannt wird.

Zwangspause abgelehnt

Der 54-Jährige zählte in den britischen Medien zunächst zu den Abtrünnigen, da er sich kritisch über die von Boris Johnson verordnete Zwangspause des Parlaments geäußert hatte. Weil der Austritt ohne Scheidungsvertrag keine demokratische Grundlage habe, sei die Unterbindung einer Debatte darüber „moralisch falsch“, verkündete er auf dem Kurznachrichtendienst Twitter. Selbst wenn man den „No-Deal-Brexit“ unterstütze, müsse man die Vorbereitungen der Regierung für ein solches Szenario kritisch unter die Lupe nehmen. Dies sei angesichts der Zwangspause nicht möglich und deswegen ein „großer Fehler“.

Anfang dieser Woche legte Djanogly nach und schrieb auf Twitter: „Vielleicht habe ich etwas nicht mitbekommen, aber kann mir jemand sagen, wie die Drohung, sich die eigene Kehle durchzuschneiden, eine glaubwürdige Grundlage für Verhandlungen sein soll?“ Eine Anspielung auf Boris Johnson, der behauptet, ernsthaft mit der EU zu verhandeln, was allgemein bezweifelt wird. Er, so Djanogly, setze sich für seine Wähler, deren Arbeitsplätze, die Wirtschaft und die Sicherheit des Landes ein. Deswegen müsse das Parlament geöffnet bleiben, um darüber debattieren zu können.

Als Boris Johnson dann Anfang der Woche allen konservativen Abgeordneten mit Ausschluss aus der Fraktion drohte, sollten sie für ein Gesetz stimmen, das einen EU-Austritt ohne Abkommen verhindert, wurde Djanogly wankelmütig. Ein solch abruptes Ende seiner Karriere wollte er offenbar nicht riskieren und votierte schließlich gegen die Vorlage, die nach einer langen Debatte in der Nacht auf Mittwoch angenommen wurde. Damit war er nicht Teil der 21, zum Teil altgedienten Konservativen, die per Handstreich ihrer politischen Heimat beraubt wurden, weil sie dem riskanten Kurs des umstrittenen Premierministers nicht folgen wollten.

Harsche Kritik

„Schwierige Wahl“, schrieb Djanogly danach. „Ich befürchtete, dass dieses Gesetz weder ein Abkommen bringt, noch den No-Deal aufhält“, so Djanogly. Es würde lediglich die Frist bis zu einem Austritt verzögern. Der Premierminister glaube daran, ein neues Abkommen bis zum 14. Oktober aushandeln zu können. Boris Johnson habe die Chance verdient, zu liefern.

Dieses Statement brachte ihm zum Teil harsche Kritik ein: „Schwache Entscheidung. Sie hätten Ihre 21 Kollegen unterstützen sollen“, schrieb eine Twitter-Nutzerin und ergänzte. „Sie hatten die Möglichkeit, die richtigen Dinge zu tun. Letztlich waren Sie ein Feigling.“ Dem Premierminister könne man nicht trauen, und mit Sicherheit wisse Djanogly das auch. Ein anderer Nutzer schlug in die gleiche Kerbe: „Sie hätten zu Ihren mutigeren Kollegen halten sollen, die ihre parlamentarische Karriere für das Wohl der Nation aufs Spiel gesetzt haben.“ Es gab auch ein paar Kommentatoren, die Djanogly unterstützten.

Allerdings dürften die meist negativen Stellungnahmen auf Twitter kaum repräsentativ für das Meinungsbild in Huntingdon sein.

Denn dass der Abgeordnete wieder in das Unterhaus einzieht, wenn er denn von seiner Partei aufgestellt wird, gilt als sicher. Der Wahlbezirk ist seit jeher in den Händen der Konservativen – mit wenigen Ausnahmen seit Anfang des vorherigen Jahrhunderts. Bei der letzten Unterhauswahl 2017 erreichte Djanogly 55 Prozent der Stimmen. Gefahr droht allenthalben von rechts. Die Brexit-Partei des Rechtspopulisten Nigel Farage hat bereits einen Kandidaten für die nächste Wahl, die noch gar nicht terminiert ist, aufgestellt.

Brexit-Gegner

Djanogly war im Übrigen anlässlich des Referendums 2016 für ein Verbleiben des Vereinigten Königreichs in der Europäischen Union. Die Wähler seines Bezirks stimmten allerdings mit 54 Prozent für den Brexit. In den darauffolgenden Monaten warb er beständig für einen geordneten Ausstieg Großbritanniens. Dem von der ehemaligen Premierministerin Theresa May mit Brüssel ausgehandelten Vertrag hatte er zugestimmt. Möglicherweise kommt dieser Vertrag ja noch einmal zur Abstimmung. Dass das Scheidungstheater im Vereinigten Königreich bald enden wird, darf bezweifelt werden. Zu tief sind die Gräben.

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