Wertheim

Ortschaftsrat Die erste Vorstellung des Bürgerprojekts fand nicht ohne Grund in Nassig statt / „Es hat noch tagelang geraucht“ / Im Keller verschanzt

Zeitzeugen berichten beeindruckend von der Nassiger Katastrophe

Archivartikel

Nassig.Es hatte einen guten Grund, die erste Vorstellung des Bürgerprojekts zur geplanten Herz-Dinkel-Gedenkstätte auf der Burg in Nassig abzuhalten. Ist dies doch der Ortsteil Wertheims, der als einziger in den Endtagen des Zweiten Weltkriegs zerstört wurde.

Dies haben Heinrich Herz und Anton Dinkel in der Kernstadt verhindert, indem sie auf er Burg die weiße Fahne hissten. Neben der Projektvorstellung beeindruckten die zahlreichen Besucher bei der öffentlichen Ortschaftsratssitzung besonders die Berichte der Zeitzeugen, die als Kinder den schicksalhaften Karfreitag erlebt hatten, als ihr Heimatdorf in Flammen aufging.

„Geraucht hat es noch tagelang“, erinnert sich der damals zwölfjährige Egon Hörner an die Ereignisse des 30. und 31. März 1945. Er sah Panzer und Feuer. Diese sind auch Ewald Dosch noch im Gedächtnis, obwohl er damals erst vier Jahre alt war. 28 Wohnhäuser, 64 Scheunen, die Kirche und die Schule fielen den Flammen zum Opfer. Außerdem starben zehn US-amerikanische Soldaten, fünf Zivilisten und 34 meist noch minderjährige deutsche Soldaten.

Ruth Scheurich, die Witwe des ehemaligen Bürgermeisters von Nassig Ernst Scheurich, erzählt, wie damals zunächst ihr Haus noch stand und dann, während sie sich im Keller der Nachbarin verschanzten, doch zerstörte wurde. Dem Vater gelang es gerade noch, Teile des Viehs aus dem Stall zu lassen.

Immer wieder war von den getöteten Soldaten des Ersatzbataillons aus Ansbach die Rede, die meist erst 15, 16 Jahre alt waren, als sie von Hitler als Kanonenfutter in den aussichtslosen Kampf geschickt wurden. Brigitte Dosch berichtet von der Aussage ihrer Mutter Emma Dosch, dass die ausgeteilten Handgranaten wohl Attrappen waren. Verschiedene Besucher fingen an zu erzählen, was ihnen Verwandte berichtet hatten. Etwa, dass man noch den Karfreitagsgottesdienst ganz normal gefeiert habe. Oder dass die nach Nassig abkommandierten Soldaten zum Mittagessen auf die Familien aufgeteilt wurden. Einige, die durchgekommen seien, hätten danach noch jahrelang immer wieder Nassig zu Gedenkfeiern besucht.

Eindringlich die Szene, als ein deutscher Soldat Veteranen aus dem Ersten Weltkrieg an die Wand stellte, die gegen die Verteidigung waren. Auch wenn er letztlich nicht schoss, kann man sich die Todesangst der Betroffenen vorstellen.

Ebenso interessant die Erinnerungen von amerikanischer Seite, die einer der Anwesenden in einem in Buchform veröffentlichten Bericht eines 19-jährigen GIs entdeckt hat. Als am Karsamstag um 15 Uhr die Waffen schwiegen, sei er von der Nassigern zunächst mal bekocht worden, heißt es da.

Das Ziel der Amerikaner war gar nicht Nassig, sondern die Anlagen am Reinhardshof, wird vermutet. Das Dorf wurde also vor allem deshalb von deutscher Seite zur Verteidigung ausgerufen, um die US-Soldaten auf ihrem Weg aufzuhalten.

Im nächsten Jahr stehe das Gedenken an 75 Jahre Zerstörung Nassigs auf der Agenda. „Wir sind froh, dass wir noch Zeitzeugen haben“, meinte Ortsvorsteher Volker Mohr. Er betonte, wie wichtig es für die nach dem Krieg Geborenen sei, sich mit dieser Zeit zu beschäftigen. „Die Veteranen des ersten Weltkriegs haben es damals besser gewusst, aber es hat keiner auf sie gehört. Hören wir auf die Zeitzeugen.“ Dieser Appell beendete eine beeindruckende Ortschaftsratssitzung der ganz anderen Art. nad

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