Wertheim

Vortrag Thomas Kreuz vom Landkreistag referierte über die positiven Auswirkungen von EU-Fördermitteln / Man muss sich selbst kümmern

Wertheim profitiert auf vielfältige Weise

Archivartikel

In einem Vortrag der Volkshochschule im Rathaus wurde deutlich, wie die Wertheimer auf verschiedene Weise von der EU profitieren.

Wertheim. Der Referent Thomas Kreuz schwärmt für Europa. Der Mitarbeiter der Beratungsstelle für Regionale ESF (Europäischer Sozialfond) beim Landkreistag Baden-Württemberg begleitet die meisten der 42 ESF-Arbeitskreise in den Land- und Stadtkreisen beratend in Fragen des Fonds. Er verwies in diesem Zusammenhang auf eine Besonderheit. „Nur in Baden-Württemberg können die Stadt- und Landkreise in Eigenverantwortung über ESF-Mittel entscheiden“, im ganzen Rest von Europa erfolge die Vergabe zentraler.

Ziel seines Vortrags war es, aufzuzeigen, dass es viele Möglichkeit für Menschen gibt, von Europa zu profitieren. „Sie müssen sich aber selbst kümmern“, verwies er auf die notwendige Eigeninitiative bei den Anträgen.

Dieter Zimmermann, Leiter der VHS Wertheim, berichtete, er habe Kreuz bei den Sitzungen der ESF-Arbeitsgruppe des Landkreis kennengelernt. Der Referent sei Experte und ein guter Rhetoriker. Zimmermann freute sich, dass Kreuz seinem Wunsch nachkam, die Fördermöglichkeiten direkt für Wertheim aufzuzeigen.

„Wir müssen akzeptieren, dass Europa Einfluss auf Wertheim hat“, verwies Kreuz darauf, dass Europarecht Landesrecht bricht. Er wolle Bilder in den Köpfen erzeugen, die die Zusammenhänge und Vorteile Europas für die Stadt verdeutlichen. Die Gesetzgebung in Europa sei demokratisch durch die Wahlen des Europaparlaments legitimiert, betonte er. Er griff ein Zitat von Landrat Reinhard Frank auf, der Europa vor allem als Friedensgemeinschaft sah, mehr noch denn als Wirtschafts- und Währungsunion.

„Gerade einmal 312 Euro pro Jahr muss jeder durchschnittlich für den EU-Haushalt aufbringen, dass ist weniger als einen Euro pro Tag.“ Die EU habe nicht, wie oft behauptet, einen Mammuthaushalt. Er sei gerade dreimal so hoch, wie der Haushalt von Baden-Württemberg, fördere aber alle Mitgliedsstaaten der EU. „Nur sechs Prozent des Geldes gehen in die EU-Verwaltung“, sagt er.

Die EU tue viel für die Menschen. Er zählte auf: „Niederlassungsfreiheit, freier Warenverkehr, Reisefreiheit, gemeinsame Währung, Abschaffung der Roaminggebühren, einheitlicher Notruf 112 und finanzielle Unterstützung auf verschiedenste Weise. Seine Töchter hätten beispielsweise die Studienförderung Erasmus genutzt. Eine seiner Töchter habe ein Interrailticket für junge Leute zum kostenlosen Reisen gewonnen. „Die Chance dazu ist mit eins zu vier gut.“

In Wertheim kommt die EU-Förderung unter anderem in Fördermittel für Firmenbauten, in Maßnahmen der Agentur für Arbeit, in der Landwirtschaftsförderung, in der Leader-Förderung für den ländlichen Raum und in Fördermaßnahmen für das Berufsschulzentrum Wertheim (BSZ) an. Der Landkreis habe entschieden, die Fördermittel vor allem in die junge Generation zu investieren. Damit weiche er von der Forderung Baden-Württembergs zu einer gleichmäßigeren Aufteilung auf alle Generationen ab.

Im Jahr 2018 habe der Main-Tauber Kreis EU-Mittel zur institutionellen Förderung in Höhe von 25 Millionen Euro bekommen. Die Mehrheit von rund 21 Millionen Euro entfiel auf die Landwirtschaft. Das BSZ erhielt für Projekte 29 000 Euro, über Leader flossen rund eine Millionen Euro für Bildungs- und Betreuungsmaßnahmen von Langzeitarbeitslosen über das Jobcenter circa 155 000 Euro.

Aus dem Europäischen Sozialfond 2014 bis 2020 (ESF) gehen 180 000 Euro jährlich in Verantwortung des Main-Tauber-Kreises. Ziel der aktuellen ESF-Förderperiode sei es, Menschen in Arbeit zu bringen, die soziale Eingliederung zu fördern und eine bessere allgemeine und berufliche Bildung leistungsschwacher jungen Menschen zu erreichen.

Auf Nachfrage eines Zuhörers, warum die Mittel erst von Deutschland an die EU und nicht direkt an die Landkreise gezahlt werden, erklärte der Referent: „Die Mittelvergabe über die EU ermöglicht uns von Projekten aus anderen Ländern zu lernen und es ist wichtig in größeren Maßstab zu denken.“

Zudem verwies er darauf, dass auch die heimische Wirtschaft über Absatzmärkte profitiert, wenn die Volkswirtschaft anderer EU Staaten gefördert werde.

Zur Verteilung der Mittel im Main-Tauber-Kreis erklärte Kreuz, die regionale ESF-Arbeitsgruppe habe zwölf gleichwertig stimmberechtigte Mitglieder unter anderem aus Kirche, Wirtschaft, Bildung, Jobcenter und Landkreisverwaltung. „Diese erstellen eine Arbeitsmarktstrategie auf Grundlage vorliegender Daten.“

Auf Basis dieser Strategie erfolge die Ausschreibung, auf die sich Projektträger bewerben können. Die Arbeitsgruppe entscheide dann, was gefördert wird. Außerdem wird die langfristige Wirkung der Maßnahmen evaluiert. Aktuell werden im Main-Tauber-Kreis zwei Projekte via ESF gefördert. Ziel von beiden ist die Vermeidung von Schulabbrüchen, sogenannter Systemsprenger. Zum einen wird die Schulsozialarbeit an beruflichen Schulen gefördert (71 500 Euro ESF-Mittel und gleich viele Mittel des Landkreis). Zielsetzung dessen ist es, 60 ausstiegsgefährdete Jugendliche zu betreuen. Zum anderen wird die „Übergangsgruppe Wertheim“ gefördert (45 500 Euro ESF, 45 000 Euro Kofinanzierung Kreis). Ziel ist es 22 benachteiligten Schülern, die als nicht mehr beschulbar gelten, die Reintegration in die Regelschule zu ermöglichen, in dem sie zeitweise die Übergangsgruppe besuchen.

Kreuz ging dann auf weitere Förderprogramme der EU ein, wie Ersamus für den internationalen Bildungsaustausch, die Fachkursförderung zur Weiterbildung und die Förderung von Teilzeitausbildung Alleinerziehender und ehrenamtlicher Pflegender. „Die EU-Förderung ist komplex, da sie viele Bereich abdeckt“, räumte er ein. Zum Abschluss verwies er noch auf die direkten Beteiligungsmöglichkeiten der EU-Bürger bei der Planung für die ESF Förderperiode 2021 bis 2027.

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