Wertheim

Badische Landesbühne Mit viel Liebe zum Detail brachte das Ensemble „Die Vermessung der Welt“ auf die Bühne

Von Zauber und Grenzen der Wissenschaft

Archivartikel

Wertheim.Wie bringe ich einen Roman, der durch mehrere Jahrzehnte und auf verschiedenen Erdteilen spielt, auf die Bühne? Besonders dann, wenn ich nur sechs Schauspieler zur Verfügung habe und das Bühnenbild so gestalten muss, dass es mit dem Tourneetheater quer durch Baden fahren kann?

Dieses Bravourstück gelang der Badischen Landesbühne, als sie am Samstag vor einem begeisterten Publikum „Die Vermessung der Welt“ nach dem Roman von Daniel Kehlmann aufführten.

Durchdachte Details

Zu dem Erfolg trugen nicht nur die Schauspieler bei, die in verschiedene Rollen schlüpften und Gefühlszustände von Angst über Schmerz bis zu Begeisterung durch ihr Spiel lebensecht darstellten. Auch die Bühnenbildner rund um Ella Späte und der für die Lichtgestaltung zuständige Tilo Schwarz hatten großen Anteil, indem sie viele durchdachte Details einbrachten. So wird etwa die Schulzeit des einen Protagonisten, Carl Friedrich Gauß (Martin Behlert) mit Hilfe von Puppenspiel dargestellt und die Reiseroute des zweiten porträtierten Wissenschaftlers Alexander von Humboldt (David Meyer) auf die hintere Bühnenwand projiziert.

Schlaglichtartig tauchen die Zuschauer ein in die Lebenserfahrung der beiden Männer, die nicht weniger als das Ziel hatten, die Welt wissenschaftlich zu verstehen und zu vermessen. Die Wege, die sie dafür wählen, sind allerdings komplett unterschiedlich.

Während Humboldt mit seinem Assistenten, dem Franzosen Aimé Bonpland (Elena Weber) die Welt bereist und sich auf gefährliche Expeditionen begibt, betreibt Gauß seine Wissenschaft vom heimischen Schreibtisch aus mit Fernrohr, Stift und Papier. Beide haben für die Nachwelt Erstaunliches geleistet.

Und beide kommen an ihre Grenzen: Etwa, als Gauß Frau (Sina Weiß) unter Qualen im Kindbett stirbt und sein revolutionsbegeisterter Sohn Eugen verhaftet wird. Oder als Humboldt seinen Kompagnon nicht vor dauerhaftem Hausarrest in Paraguay retten kann. Eine Begegnung der Vordenker des 19. Jahrhunderts findet erst statt, als sie bereits mit den Tücken des Alterns zu tun haben. Humboldt lädt den stets mürrischen Gauß 1828 zum Naturforscherkongress nach Berlin ein.

Humor kommt nicht zu kurz

Neben aller Tiefgründigkeit kommt der Humor im Stück nicht zu kurz, dafür sorgen vor allem die liebevoll gestalteten Nebenfiguren.

Etwa, wenn Stefan Holm aus dem Goethe-Bildnis heraus als Humboldts Mentor Tipps gibt oder ein Fotograf in Berlin verzweifelt versucht, ein Bild von den beiden Geistesgrößen anzufertigen. Halten sie doch nie lange genug still. Dabei dauerte so ein Foto seinerzeit lediglich 15 Minuten.

Gelungen ist in dem zweistündigen Stück außerdem der Umgang mit Sprache und Dialekten. Nicht nur das französische Deutsch eines Bonpland, sondern auch die verschiedensten Dialekte aus deutschen Landen verliehen einigen Szenen einen besonderen Charme.

Besonders erwähnt werden sollten die Kostüme, die Kerstin Oelker mit ihrem Team ausgewählt hat. In Windeseile erschafft das Ensemble hiermit Wahrsager, den greisen Kant, eine spanische Tänzerin oder sogar einen Hund und gibt dem Zuschauer das Gefühl, mitten hineingetaucht zu sein in das 19. Jahrhundert. Und dabei einiges über Zauber und Grenzen der Wissenschaft gelernt zu haben.

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