Wertheim

Jubilar Josef Stang feiert an diesem Freitag im Kreis seiner Familie seinen 90. Geburtstag

Von Sibirien nach Wertheim gekommen

Archivartikel

Dörlesberg.„Im Dorf kennt ihn jeder“, sagt der Sohn von Josef Stang. Denn der Wolgadeutsche war und ist ein kommunikativer Mensch, der auch gerne mal mit anpackt. An diesem Freitag feiert Stang mit seiner Familie seinen 90. Geburtstag.

Geboren wurde Josef Stang 1m 17. Juli 1930 in der Wolgarepublik. Dort wuchs er mit sechs Geschwistern auf und besuchte drei Jahre die deutsche Grundschule. Zu Kriegsbeginn wurde die deutschstämmige Familie dann nach Sibirien verschleppt. Hier brach Stang nach zwei Jahren die Schule ab. „Das war alles auf Russisch. Ich habe nichts verstanden“, erklärt er seinen damaligen Entschluss. Trotzdem lernte er alles, um als Landmaschinenmechaniker auf der Kolchose arbeiten zu können. Sein Vater brachte ihm das dafür Notwendige bei. In dem Dorf Marienfeld, in das sie umgesiedelt worden waren, sprach jeder Deutsch.

Ein Schicksalsschlag ereilte Stang als 16-Jähriger, als sein Vater mit nur 38 Jahren starb. Als Ältester trug er nun die gesamte Verantwortung für die Familie. 1942 heiratete er, seine Frau war ein Mädchen aus dem gleichen Dorf. In den kommenden Jahren bekam das Paar sieben Kinder.

Dann kam das Jahr 1993, dass das Leben Josef Stangs veränderte. „Das war wie eine Lawine, die losgetreten wurde“, erinnert sich der Jubilar an den Zeitpunkt, als die Grenzen sich öffneten und eine Übersiedlung nach Deutschland möglich wurde. „Der Wunsch war schon lange da, aber es ging eben nicht.“ Außer einer Tochter, die bereits in jungen Jahren bei einem Unfall ums Leben kam, siedelten alle Kinder Stangs in diesen Jahren nach Deutschland über. Vier leben noch heute in Wertheim. Inzwischen vervollständigen 16 Enkel, sechs Urenkel und sogar zwei Ur-Ur-Enkel die Familie.

Doch der Anfang im neuen Land war nicht leicht. „In Russland war ich der Faschist, hier war ich der Russe“, beschreibt Stang seine Irritation von damals. Auch sein Deutsch unterschied sich von dem der Umgebung und so machte er einen Sprachkurs. Schnell fand er sich in der neuen Heimat zurecht, war aktiv im Kleingärtnerverein. Solange es gesundheitlich ging, arbeitete er im Garten des Hauses, das die Familie 1999 in Dörlesberg bezog.

Und half auch mal aus, wenn er beispielsweise mitbekam, dass irgendwo auf Gemeindegrund Hecken geschnitten werden mussten. So wurde er rasch vom Fremden zum Nachbarn und Bekannten. Eine große Feier hat Stang für seinen Geburtstag nicht geplant. Er freut sich, wenn Familienmitglieder zum Gratulieren vorbeischauen. Die Fränkischen Nachrichten schließen sich den Glückwünschen an. nads

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