Wertheim

Jüdischer Friedhof OB verkündet auf Facebook angekündigte Spenden von über 20 000 Euro für Sanierung / Interner Spendenaufruf bei bei Pro Wertheim

Verein will Nachforschungen anregen

Bislang wurde die Geschichte des jüdischen Friedhofs in Wertheim kaum aufgearbeitet. Das will der Historische Verein ändern. Indes ist die Summe der angekündigten Spenden weiter gestiegen.

Wertheim.Die plötzliche Schließung rückte den jüdischen Friedhof Mitte des vergangenen Jahres in den Fokus der öffentlichen Debatte. Die Wege sind nicht mehr verkehrssicher und dringend sanierungsbedürftig, doch der Stadt fehlt das Geld, um die Instandsetzung für geschätzte 100 000 Euro allein stemmen zu können. Nach einiger Diskussion beschloss der Gemeinderat Ende des Jahres, trotz klammer Finanzlage zumindest 15 000 Euro im Haushalt 2021 einzustellen – allerdings versehen mit einem Sperrvermerkt. Private Spender stellten damals rund 15 000 Euro in Aussicht.

Obwohl der jüdische Friedhof historisch sehr interessant sei, existierte er in der Vergangenheit oft eher am Rande des Bewusstseins, räumt Frank Kleinehagenbrock, Vorsitzender des Historischen Vereins, ein: „Niemand hat wirklich seine Geschichte aufgearbeitet, auch als Spiegel der jüdischen Gemeinde und ihrer Entwicklung in Wertheim.“ Das soll sich nun ändern.

Quellenlage eher dünn

Der historische Verein will Nachforschungen anregen und plant 2021 mehrere Veranstaltungen. Das Landesdenkmalamt habe den Friedhof wie alle seiner Art dokumentiert und erfasst, berichtet Kleinehagenbrock. In den späten 80er-Jahren beschäftigten sich Schüler des Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasiums mit dem Thema und trugen verschiedene Informationen zusammen. Von dieser Arbeit seien nur noch wenige Exemplare – zum Teil handgeschrieben – erhalten. Ansonsten sehe die Quellenlage eher dünn aus.

Zur Diskussion um das Kriegsende in Wertheim hatte der Historische Verein eine Masterarbeit angestoßen, die mittlerweile abgeschlossen ist und in diesem Jahr vorgestellt wird. Ähnliches wünscht sich Frank Kleinehagenbrock für den Friedhof. „Auch über die Geschichte des Nationalsozialismus in Wertheim wissen wir bis heute relativ wenig“, gibt er zu bedenken. „In gewisser Weise ist das ein blinder Fleck.“ Um solch ein Wissen einer breiten Masse zugänglich zu mach, müsse man es aber erst einmal haben.

Oberbürgermeister Markus Herrera Torrez verkündet indes auf Facebook positive Nachrichten: Die Summe der angekündigten Spenden ist auf über 20 000 Euro gestiegen – und könnte weiter wachsen. Beim Bürgerverein Pro Wertheim läuft aktuell ein interner Spendenaufruf. „Die Erinnerung an die jüdische Gemeinde ist ein zentrales Anliegen unseres Vereins“, betont Werner Peschke. „Als letzte erhaltene Baulichkeit hat der Friedhof eine ganz besondere Bedeutung.“ Peschke plädiert dafür, den Friedhof instand zu setzen, aber ansonsten in seinem Zustand zu belassen.

Diskussion über Verantwortung

„Er sollte für interessierte Menschen, die sich mit der Vergangenheit auseinander setzen wollen, zugänglich sein“, erklärt er. Den Friedhof längere Zeit komplett aus dem Gedächtnis der Menschen verschwinden zu lassen, weil er nicht mehr begehbar ist, wäre in Peschkes Augen mit der Erinnerung an die jüdische Gemeinde und die Verbrechen der NS-Zeit nicht vereinbar.

In seinem Facebook-Beitrag schreibt der Oberbürgermeister: „Ich sehe die Umsetzung dieser Aufgabe als ein Projekt, an dem sich mehrere beteiligen sollten. Es darf nicht nur die Aufgabe der Großen Kreisstadt Wertheim sein.“ Zumal die Stadt nicht Eigentümer des Friedhofs sei. Das lässt Werner Peschke nicht gelten, wie er in einer Stellungnahme unter dem Beitrag des OB deutlich macht. In finanziell schwierigen Zeiten sei es „völlig legitim“, um Unterstützung zu bitten. Aber: „Eine alternativlose Übernahme der Hauptverantwortung für den Zustand des Friedhofs wäre ein beispielhaftes Signal gegen das Vergessen gewesen.“ Eine Kostenbeteiligung der Israelitischen Religionsgemeinschaft (IRG) Baden – Eigentümerin des Friedhofs – dürfe nicht Voraussetzung sein, die im Haushalt eingestellten Mittel freizugeben, verweist er auf die „historische Verantwortung nach dem Holocaust“.

Befremdlich findet Peschke auch, dass erst eine Schließung dazu führte, dass dieser Ort in den Fokus rückte. Positiv hebt er das Engagement von Stadtführerin Ursula Kohout hervor, die sich für eine Sanierung eingesetzt hatte. Mit seinem internen Spendenaufruf möchte Pro Wertheim eine Signalwirkung erzielen: „In Zeiten klammer Kassen ist es selbstverständlich, dass sich die Bürger an Projekten beteiligen.“ Allerdings sieht Werner Peschke beim Thema Spenden ein gewisses „Defizit an Informationen an die Bevölkerung“. Ein zentrales Spendenkonto gebe es bislang nicht – und vonseiten der Stadtverwaltung ist vorerst auch keines geplant, wie Pressesprecherin Angela Steffan mitteilt.

Weitere Gespräche geplant

Dafür sei es noch zu früh. Zunächst sollen Gespräche mit allen Beteiligten geführt werden. Auf Facebook kündigt OB Herrera Torrez an, in diesem Jahr wieder an das Landesdenkmalamt und die IRG herantreten zu wollen und um Unterstützung zu werben. „Darüber hinaus werden wir uns noch einmal genau ansehen, welcher Bereich des Friedhofs für Besucher tatsächlich zugänglich gemacht werden sollte, und welcher Bereich ein stiller Ort der Ruhe bleibt“, so der OB weiter. Auf keinen Fall solle der Friedhof zur Besucher- oder Touristenattraktion werden.

Dem stimmt Frank Kleinehagenbrock zu: „Bei allem, was mit den Friedhof passieren soll, ist an erster Stelle zu berücksichtigen, dass es sich um einen Begräbnisort und damit um einen Ort religiöser Praxis handelt.“ Dementsprechend müsste Ausgangspunkt jeder Überlegungen die jüdische Gemeinde sein. „Den Friedhof als Erinnerungsort zu erschließen, heißt für mich zunächst einmal, mehr über ihn zu wissen“, erklärt der Historiker.

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