Wertheim

Vortrag Kirchturm der Stiftskirche ist 600 Jahre alt / Historiker Peter Rückert berichtete viel Neues über den alten Bau

Turm steht auf ehemaligem Friedhof

Archivartikel

Der Kirchturm der Stiftskirche hat eine 600 Jahre lange Geschichte hinter sich. Peter Rückert, Historiker beim Landesarchiv, hielt zum Jubiläum des Turms einen Vortrag.

Wertheim. Schon von weitem ist der Turm der Stiftskirche zu erkennen und eines der Wahrzeichen Wertheims. Fast von allen Seiten kann man den rund 33 Meter hohen Turm sehen. Seine seine sechs Glocken klingen weit ins Tauber- und Maintal hinein.

Wie der Turm entstand und vor allem seine bewegte Geschichte, das war Thema eines Vortrages des gebürtigen Urpharers Peter Rückert vom Landesarchiv Baden-Württemberg. Über 70 Zuhörer wollte von ihm im Stiftshof Näheres über die Geschichte der Kirche, ihres Turmes und der Stadt erfahren. Eingeladen hatte der Förderverein Stiftskirche Wertheim.

Bereits vor zehn Jahren, als die Stiftskirche umfassend renoviert worden war, hatte Rückert einen umfassenden Vortrag gehalten und über viele neue Erkenntnisse berichtet. Nun stand also der Turm der Kirche im Mittelpunkt seiner Ausführungen.

Doch bevor Rückert seinen Vortrag begann, konnten die Zuschauer noch einen besonderen Hörgenuss erleben. Die Fränkischen Herolde Dertingen gaben auf dem Kirchplatz ein Platzkonzert. Mit ihren Trommeln und Fanfaren verliehen sie den Feierlichkeiten zum Jubiläum des Turms einen würdigen Rahmen für die Feierlichkeiten.

Nach einem Grußwort des stellvertretenden Bürgermeisters Johann Vogelsang, der darauf hinwies, dass die Stadt Wertheim vor zehn Jahren bei der Renovierung der Kirche einen Zuschuss von 350 000 Euro gegeben hatte, war es an Peter Rückert, die Geschichte des Turmes zu beleuchten.

Der heutige Turm der Stiftskirche wurde auf einem ehemaligen Friedhof errichtet. Denn rund um die damalige Stadtkirche befand sich ein „Gottesacker“, wie es damals üblich war. Rückert bezeichnete die Kirche in ihrer Gesamtheit als eine „kulturhistorische Sehenswürdigkeit ersten Ranges“.

Separat errichtet

Dazu gehöre auch der Kirchturm, der separat stehe und nicht in den Kirchenbau eingebunden sei. Erbaut worden ist der Turm und die Erweiterung der Kirche mit Geld aus dem Ablasshandel. Rund 100 Jahre vor der Reformation war diese Geldquelle eine willkommene Einnahmemöglichkeit der Kirche.

Bis Anfang des 13. Jahrhunderts war die Wertheimer Kirche eine Tochter der Mutterkirche in Reicholzheim. Erst langsam emanzipierte man sich. Beispiel dafür war die Schule direkt am Gotteshaus, die es Kindern wohlhabender Wertheimer Bürger ermöglichte, eine Schulbildung zu erhalten. Keine Selbstverständlichkeit für die damalige Zeit, so Rückert.

1384 legte Graf Johann I. den Grundstein für die heutige Form der Stiftskirche. Die Erweiterung war bereits 1388 abgeschlossen. Sie hatte eine romanische Vorgängerin, wie der Grundriss noch heute zeigt. Erst im Jahr 1419 schließlich wurde mit dem Turmbau begonnen. Doch alten Aufzeichnungen zufolge muss es bereits vorher einen Glockenturm gegeben haben.

Frühere Quellen berichten von einem „Glöckner“. Unter dem Kleriker Heinrich von Mömlingen wurde mit dem Bau einer Totenkapelle über dem „Beinhaus“ begonnen, der Grundstein für den heutigen Turm. Bereits damals beteiligte sich die Stadtverwaltung am Bau, so Rückert. Auch dies sei nicht selbstverständlich gewesen.

Zentraler Gedenkort

Ein sichtbares Zeichen für die alte Kapelle ist die heute als „Chörle“ bekannte gotische „Laterne“, die aus der Wand herausragt. Nach dem Tod Johanns I. im Jahr 1407 übernahm dessen Sohn Johann II. die Herrschaft in der Grafschaft und baute die Stadtkirche zum zentralen Gedenkort für seinen Vater aus: daher der heutige Name „Stiftskirche“.

So sind im Fries des dritten Obergeschosses die Wappen seiner Familie eingearbeitet. Der Name der Bauhütte ist allerdings nicht überliefert, so Rückert. Erst 100 Jahre später kam die große Turmuhr hinzu, die lange Jahre als eine der größten ihrer Umgebung galt. Im Jahr 1481 schließlich wurde die Stiftskirche vom Papst offiziell als Kirche anerkannt, vorher hatte sie offiziell noch den Status einer Kapelle. Auf ein Detail wies Rückert noch hin. Die Stundenglocke, die noch heute schlägt, stammt aus dem Jahr 1458. Für seinen Vortrag erntete Peter Rückert viel Beifall, hatte man doch „sehr viel Neues über Altes“ erfahren.

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