Wertheim

Geschichte Albrecht Dürer reiste vor 500 Jahren von Nürnberg in die Niederlande / Weil er wohlhabend war, konnte er sich die Fahrt auf dem Main leisten

Superstar der europäischen Kunst macht in Wertheim halt

Wertheim.Der Sommer ist jene Jahreszeit, in der man sich gewöhnlich auf Reisen begibt. Heute geschieht das bequem im Automobil, mit der Eisenbahn oder im Flugzeug. Manch einer gönnt sich eine Flusskreuzfahrt – auch auf dem Main.

Als Jörg Paczkowski 1987 sein Buch mit dem Titel „Sie alle kamen nach Wertheim“ veröffentlichte, listete er darin eine lange Reihe bildender Künstler auf, welche uns mehr oder minder bekannte Ansichten der Main-Tauber-Stadt hinterließen.

Gefährliche Reise mit Kutsche

Den Namen Albrecht Dürers erwähnte er darin nicht – mit einiger Berechtigung, denn als Dürer vor 500 Jahren an die Taubermündung kam, fand er Wertheim entweder nicht reizvoll genug, um zum Stift zu greifen, oder es mangelte ihm ganz einfach an Zeit.

Schließlich war er auf Durchreise und hatte ein wichtiges Ziel vor Augen: die Niederlande. Bequem war seine Reise ohnehin nicht.

In der Kutsche sitzen, das hieß: über Bodenwellen, Wurzelwerk oder groben Schotter geschaukelt werden und dabei ständig Gefahr laufen, unter die Räuber zu fallen. Nur der Wasserweg, vor allem flussabwärts, bot ein gewisses Maß an Komfort und Sicherheit. In der Mitte des Stroms durfte man sich wenigstens vor Wegelagerern und wilden Tieren sicher fühlen. Nur so ließen sich Reisedauer und Ankunftszeit einigermaßen genau voraussagen.

Wichtige Leute kamen vorbei

Wer es sich leisten konnte, vor allem vermögende Kaufleute und Adlige, zog das Reisen auf dem Fluss dem beschwerlichen Reiten oder der Kutschenfahrt über holprige Landstraßen vor. Deshalb verwundert es nicht, wenn zahlreiche wichtige Persönlichkeiten per Schiff an der Taubermündung vorbeifuhren. Karl der Große zum Beispiel nahm nicht nur einmal diesen Weg. Im Jahr 790 führte ihn die Reise von Worms über Mainz, Frankfurt und Wertheim nach Neustadt an der Saale.

Vier Jahre später verbrachte er das Weihnachtsfest in Würzburg und fuhr von dort mainabwärts nach Frankfurt. Kaiser Friedrich Barbarossa benutzte ebenfalls den Wasserweg zu seinem Lieblingsaufenthalt Würzburg, wo er Beatrix von Burgund heiratete und 1165 Reichstag hielt.

Nicht ohne Gefahr

Trotzdem war man auch auf dem Wasser dem Wetter ausgesetzt und ganz gefahrlos war die Fahrt auf der schwankenden Nussschale auch nicht.

Der vielgewundene Main, damals noch ungezähmt und mit zahlreichen, Untiefen, Stromschnellen, sumpfigen Uferstreifen und unkalkulierbaren Hochwässern war nicht vergleichbar mit dem heute kanalisierten und gemächlich dahinströmenden Gewässer.

Im Juli 1520 befuhr Albrecht Dürer, von Nürnberg kommend, unseren Mainabschnitt. Er wollte nach Holland. In dieser Woche jährt sich die denkwürdige Reise des Bedeutendsten unter den deutschen Malern zum 500. Mal.

Zenit der Laufbahn

Dürer stand damals auf dem Höhepunkt seines Schaffens, galt als Superstar und Lichtgestalt der europäischen Malerei. Dürer hatte die deutsche Kunst auch im Ausland zu höchsten Ehren gebracht. Mehr noch: Er galt nicht nur als einer der größten Maler, Kupferstecher und Formschneider, nicht nur als Erfinder der Ätzkunst und des Tondrucks, sondern war auch ein überaus erfolgreicher Buchdrucker, Verleger und Sortiments-Buchhändler.

Kurzum: Dürer war ein berühmter Mann geworden, ein früher Superstar, der nicht bloß von Kaiser, Königen und Fürsten, sondern auch vom einfachen Volk mit allen Ehrenbezeugungen empfangen wurde und mit berechtigtem Stolz von seinen kleinen und großen Triumphen berichten konnte.

Es war nicht die erste große Reise des Meisters, denn zuvor hatte er bereits zwei andere nach Venedig unternommen. Vermutlich hat ihn die drohende Pestgefahr im Herbst 1494 – obwohl erst seit wenigen Monaten verheiratet – aus Nürnberg weggehen lassen. Im Frühjahr 1495 kehrte er zurück.

Die zweite Italienreise, 1505/07, ist besser belegt. Dürer kam auch nach Padua, Bologna, vermutlich sogar nach Rom. In Venedig waren damals die größten Renaissancemaler tätig. Am meisten beeindruckte ihn Giovanni Bellini, den er in einem Brief als „den pest in gemell“ (den Besten in der Malkunst) pries.

Offerte ausgeschlagen

Obgleich Dürer in Venedig hohe Anerkennung gefunden und ihm vom Rat der Stadt ein Jahresgehalt von 200 Dukaten angeboten wurde, wenn er sich nur bereitfände, sich dort dauerhaft niederzulassen, schlug er die Offerte aus. 1506 beendete er einen Brief an seinen Freund Willibald Pirckheimer in Nürnberg mit dem Seufzer: „Oh, wie wird mich nach der Sonne frieren. Hier bin ich ein Herr, daheim ein Schmarotzer.“

Trotzdem trat Dürer im Folgejahr die Rückreise in seine Vaterstadt an. (Fortsetzung folgt)

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