Wertheim

Vortrag im Schlösschen Constanze Neuendorf über „Expressiven Realismus im Rhein-Main-Gebiet“

Stilelemente der Zeit angepasst

hofgarten.Zur Ausstellung „Verfemt und vergessen – Maler des expressiven Realismus“ im Museum „Schlösschen im Hofgarten“ fand ein umfangreiches Begleitprogramm statt. Sechs Vorträge mit insgesamt mehr als 300 Zuhörern wurden veranstaltet. Constanze Neuendorf hielt nun den sechsten Vortrag mit dem Thema „Expressiver Realismus im Rhein-Main-Gebiet“.

In der Ausstellung sind sieben Künstler aus dieser Gegend vertreten. Zudem wurde Franz Karl Delavilla vorgestellt, über den Neuendorf promoviert hat. Die Referentin gab zunächst einen Überblick über die hessischen Kunstzentren dieser Zeit. Die expressive Kunst in allen Variationen war - nach Meinung der Referentin - durch die maßgeblichen Künstler, ihre Galeristen und Sammler im Rhein-Main-Gebiet um 1920 stark vernetzt. Auch berühmte Maler wie Jawlensky, Kirchner oder Beckmann waren in der Rhein-Main-Gegend zeitweilig zu finden und eine ganz besondere spielte die Malerin, Sammlerin und Kunsthändlerin Hanna Bekker vom Rath.

Constanze Neuendorf stellte dann die maßgeblichen Künstlervereinigungen in Frankfurt, Wiesbaden aber ganz besonders auch in Darmstadt vor. Zunächst die ungewöhnliche Gruppe „Dachstube“.

Wichtig war die Zeitschrift „Das Tribunal – hessische radikale Blätter“. Bedeutende Schriftsteller wie Flake, Zuckmayer und Becher aber auch Künstler wie Beckmann, Kokoschka, Klee, Schmidt-Rottluff schlossen sich an. Ihr zentrales Anliegen– hoch aktuell – war der völkerverbindende Europagedanke.

Schließlich wurde die „Darmstädter Sezession“ gegründet. Ihr gehörten Carl Gunschmann, Ludwig Meidner, Will Hofferbert - diese Maler sind in der laufenden Ausstellung alle vertreten. 1920 fand eine Ausstellung der Darmstädter Sezession statt, in der 700 Kunstwerke gezeigt wurden, darunter – neben den „einheimischen“ Künstlern – waren Barlach, Chagall, Jawlensky, Kandinsky, Macke, Marc, Braque, Picasso vertreten. In dem damals erschienen Katalog wurde jedoch schon ein sich abzeichnender Abgesang auf dem Expressionismus formuliert.

Auch das Darmstädter Theater spielte in der Zeit nach dem ersten Weltkrieg eine führende Rolle in den modernen Bestrebungen. Das Jahr 1933 brachte für die Künstler eine entscheidende Zäsur. Ihre Werke wurden aus den Museen entfernt und es kam zu Repressalien.

Nach dem Zweiten Weltkrieg „erlebte der Expressionismus eine Neubelebung und inspirierte die um die Einflüsse der ,Neue Sachlichkeit’ und die Abstraktion erweiterte Malerei.“ Constanze Neuendorf stellte die Maler mit ihren Viten vor, die aus der Rhein-Main-Gegend in der Ausstellung vertreten sind: Ludwig Meidner, Friedrich Lippmann, Otto Wachsmuth, Carl Gunschmann , Alexander Posch, Willi Hofferbert, Willem Grimm, Bruno Müller-Linow. Als Fazit fasste die Referentin zusammen, dass diese Künstler neue Stilelemente aufnahmen und ihre Themen der Zeit anpassten. Insgesamt verfolgten sie einen gemäßigteren, weniger gesellschaftskritisch-anklagenden und sachlicheren Stil. Bruno Müller-Linow spielt für Wertheim eine besondere Rolle. Schon Max Liebermann förderte diesen Maler, der auf Einladung von Wolfgang Schuller Anfang der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts in Wertheim arbeitete.

Er war begeistert von der Stadt und erwähnte immer wieder, wie bedeutend Otto Modersohn und Friedrich Ahlers-Hestemann für diese sind, und: „Malen in Wertheim und das Betrachten der Uferpartien des Mains und der Tauber kann zu einem stillen Ereignis werden, das im Museum in der Begegnung mit den frühen Wertheim-Bildern die ausstrahlenden geistige Substanz dieser Stadt dokumentiert.“