Wertheim

Gedenktag Vor 115 Jahren kam er als Pfarrverweser nach Wertheim – heute jährt sich der Todestag des Pfarrers Karl Bär zum 50. Mal

Seelsorger, Vereinsgründerund Kritiker

Archivartikel

Er war standhaft zur Zeit des Nationalsozialismus, auch deshalb verlieh ihm der Gemeinderat die Ehrenbürgerwürde der Stadt Wertheim. Heute jährt sich zum 50. Mal der Todestag von Pfarrer Karl Bär.

Wertheim. Er hätte es sich einfach machen und die Anfeindungen gegen sich wahrscheinlich mit einem Schlag beenden können. Aber Stadtpfarrer Karl Bär wollte dem Vorschlag des Erzbischöflichen Ordinariats in Freiburg, ihn zu versetzen, nicht folgen. „Nein! Soll ich Feigling sein?“, lehnte Bär diese „Lösung“ ab und „in dieser handschriftlichen Notiz ist die Empörung bis heute zu spüren“, schrieb Archivleiterin Dr. Monika Schaupp in ihrem Artikel „Standhaft im Nationalsozialismus: Der Wertheimer Stadtpfarrer Bär“, der auf der Internetseite des Archivverbundes nachzulesen ist.

Dort findet sich auch ein Angebot für Schulen zum Thema „Widerstand im Nationalsozialismus“ am Beispiel des Geistlichen, der schon unmittelbar nach der sogenannten „Machtergreifung“ mit den Nazis aneinandergeriet und sich als deren Gegner positionierte. Bürgermeisterstellvertreter Karl Lutz würdigte in seiner Festansprache zur Verleihung der Ehrenbürgerwürde an Bär am 30. Dezember 1960 – dessen 80. Geburtstag – der Pfarrer habe „zu den wenigen gehört (. . .), die durch ihr Eintreten an Gewissen und Vernunft appellierten, die den Willen aufbrachten, dem nationalsozialistisch geprägten Gedankengut jene weltanschaulich geprägte Auffassung von Recht und Unrecht entgegenzustellen, die Gott sei Dank nur zwölf Jahre außer Kurs gesetzt war“.

Zur Welt kam Karl Bär am 30. Dezember 1880 in Freiburg. Hier besuchte er die Schule, legte das Abitur ab, studierte Theologie und wurde am 5. Juli 1905 in St. Peter zum Priester geweiht. Nach verschiedenen Tätigkeiten als Kaplan und ab 1911 als Pfarrverweser in Adelsheim, kam er 1913 in gleicher Funktion nach Wertheim, wo er 1915 als Pfarrer an der Stadtkirche St. Venantius investiert wurde.

Vereinsgründer

In dem Städtchen an Main und Tauber betätigte sich der Seelsorger auch als Vereinsgründer; genannt seien als Beispiele der Krankenverein oder der Katholische Gesellenverein. Und er engagierte sich politisch, ab 1914 als Vorsitzender der Ortsgruppe der Zentrumspartei, deren Mitglied er 1905 geworden war. Im Jahr 1916 wurde er zum Flüchtlingskommissar für den Amtsbezirk Wertheim ernannt, seiner Obhut waren die Evakuierten aus dem Elsass anvertraut.

„Mut und Standhaftigkeit“ bescheinigten die Fränkischen Nachrichten in ihrem Nachruf dem heute vor 50 Jahren verstorbenen Stadtpfarrer. Dr. Monika Schaupp schrieb in dem schon erwähnten Artikel „Standhaft im Nationalsozialismus“: „Als offener Kritiker des Hitler-Regimes prangerte Pfarrer Bär in seinen Predigten die NSDAP an und rief zum Einkauf in den boykottierten jüdischen Geschäften auf. Mit seinen jüdischen Mitbürgern pflegte er weiterhin einen normalen Umgang, den Hitlergruß verweigerte er. Obwohl er aufgrund seines langjährigen seelsorgerischen und sozialen Engagements in der Stadtbevölkerung hoch geachtet war, führte dies während des Dritten Reichs zu zahlreichen Anfeindungen.“

Viel Unterstützung vom Erzbischöflichen Ordinariat erfuhr der Geistliche nicht. Nicht nur einmal, aber stets vergeblich, versuchte dieses, ihn zu einem Wechsel der Pfarrstelle zu bewegen. „Nach heftigen Auseinandersetzungen in Wertheim wurde er schließlich Ende 1939 in den vorzeitigen Ruhestand versetzt.“ Karl Lutz sagte bei der Verleihung der Ehrenbürgerwürde: „So mancher ist Ihnen damals in großem Bogen aus dem Weg gegangen – mit der Absicht, möglichst nicht aufzufallen. Mag Sie diese Tatsache damals oft schmerzlich berührt haben, so waren Sie doch mit dem Verständnis dessen ausgerüstet, dem die Schwäche menschlichen Denkens und Handelns nichts Neues und Überraschendes bedeutet. Mannhaft und aufrecht haben Sie diese Jahre harter Prüfung durchgestanden - ohne Kompromisse und mit menschlicher Größe.“

Soziales Engagement

Mit dem Eintritt in den Ruhestand waren die seelsorgerische Tätigkeit und das soziale Engagement von Pfarrer Karl Bär aber keineswegs beendet. „In vielen Gemeinden sprang er dann ein, wenn ein Geistlicher fehlte“, erinnerten die Fränkischen Nachrichten in ihrem Nachruf. „Als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging, wuchs die Zahl der Gläubigen und Hilfsbedürftigen immer mehr an. Dazu kam die Arbeit in der Diasporagemeinde Kreuzwertheim, bis der Rastlose in seinem Heim in der Hans-Bardon-Straße seinen Lebensabend genießen durfte.“ Die war übrigens nach dem langjährigen Bürgermeister benannt, dem als Letztem vor Karl Bär die Ehrenbürgerwürde verliehen worden war und der, wie Karl Lutz anmerkte, „gleich Ihnen ob seiner politischen Gesinnung, seines aufrechten Bekenntnisses und seiner menschlichen Haltung nicht die Liebe und Anerkennung jener politischen Führung gefunden hat, welche damals richtunggebend und führend war“.