Wertheim

Aktionstag Anatoli Uschormirski war auf der Wertheimer Burg zu Gast / Messianischer Jude sprach über seinen Einsatz für die Gemeinschaft von Juden und Christen

Religionen versöhnen und verbinden

Archivartikel

Einen Aktionstag widmete die Evangelische Allianz Wertheim am Sonntag der Erinnerung an die jüdischen Wurzeln des Christentums und der Gemeinschaft mit den jüdischen Glaubensbrüdern.

Wertheim. „Das Christentum ist aus dem Judentum erwachsen, daher finde ich es wichtig, dass meine christlichen Geschwister die jüdischen Wurzeln ihres Glaubens kennen“, erklärte Anatoli Uschormirski im Gespräch mit den FN. Er war der Hauptredner des Tages. Uschormirski ist messianischer Jude: Er lebt seinen jüdischen Glauben und seine Traditionen und glaubt zugleich an Jesus Christus als den Messias.

Sein Anliegen ist es, jüdischen Menschen den Messias nahe zu bringen, Versöhnung mit Christen in Deutschland zu leben und Christen zu helfen, die jüdischen Wurzeln ihres Glaubens zu entdecken.

Uschormirski wuchs in einer jüdischen Familie in der Ukraine auf und kam später nach Deutschland. Er studierte Theologie und jüdische Schriften. Heute leistet er einen umfangreichen Vortrags- und Predigtdienst bundesweit. Eingeladen wurde der Referent von Fritz Joas, stellvertretender Vorsitzender der evangelischen Allianz Wertheim, der zuvor an mehreren Seminaren des Gastes teilgenommen hatte.

Der Aktionstag begann mit einem Gottesdienst im Burggraben. In seiner Predigt betonte Uschormirski, er sehe die Bibel durch die „jüdische Brille“. Judentum und Christentum bildeten eine Einheit. Diesen Blick auf die gemeinsame Geschichte müssten die Gläubigen beider Religionen zurückgewinnen.

Auf den Spuren des jüdischen Lebens in Wertheim und zur Deportation der Juden fand am Nachmittag eine Führung statt. Sie begann am Gedenkort für die Synagoge am Malerwinkel. Monika Dietz, Vorsitzender der evangelischen Allianz, betonte, wie wichtig die Erinnerung an die jüdischen Opfer und die Aufarbeitung ihrer Geschichte seien. Antisemitismus gebe es noch heute in einigen deutschen Köpfen.

Stadtführerin Helga Hiller erklärte, der Platz am Ende der Gerbergasse sei früher jüdisches Zentrum der Stadt gewesen. Sie lobte den Bürgerverein „Pro Wertheim“ für die Einrichtung der Gedenkstätte. Die jüdische Geschichte Wertheims sei in Wellen verlaufen, in denen sich Akzeptanz und Verfolgung abwechselten. Schon ab 1400 hätten sich Juden in Wertheim angesiedelt. „Von 3000 Bürgern waren in der Geschichte der Stadt teilweise 200 Juden, ein hoher Prozentsatz.“ Der vorherige Name der Gerbergasse, Judengasse, zeige die Bedeutung des Platzes für die Juden. Die Linien des Schattenwurfs auf dem Platz sei eine Erinnerung an die Synagoge, sowie das jüdische Bad, die Mikwe, und den Untergang der jüdischen Bevölkerung in Wertheim. „Die Synagoge wurde in den 1960er grundlos abgebrochen.“

Hiller wies weiter auf den sehr bedeutenden jüdischen Friedhof in der Stadt hin. Dort finden sich insgesamt 500 Grabsteine, der älteste stammt aus dem Jahr 1405. Mit einigen Beispielen verdeutlichte sie die Bedeutung der jüdischen Bürger für die Entwicklung Wertheims. So war der erste Bänker der Stadt ein Jude. Die jüdischen Familien seien bedeutend und hochgebildet gewesen. Sie hatten viele Kinder, denen eine gute Schulbildung zu teil wurde. „Für mich ist es unverständlich, was bei der Judenverfolgung passiert ist.“ Man solle nie aufhören, an diese grauenvolle Zeit zu erinnern und darüber nachzudenken. So etwas dürfe nie wieder passieren.

Verfolgung im Dritten Reich

Dieter Fauth, Leiter des Schülerprojekts Stolpersteine Wertheim, berichtete über die Verfolgung der Juden in der Zeit des Nationalsozialismus. Dabei suchte die Gruppe verschiedene Stolpersteine auf. Fauth sagte, insgesamt habe es in Wertheim fünf Synagogen gegeben. Die ersten drei befanden sich in der Kapellengasse, die letzten beiden in der Gerbergasse. Bis Mitte des 15. Jahrhundert hatten bereits drei Pogrome stattgefunden. Insgesamt wurden 110 aus Wertheim stammende Juden, das waren rund ein Drittel bis 40 Prozent, deportiert. 19 direkt aus Wertheim im Oktober 1940, viele weitere aus größeren Städten in die sie geflohen waren.

Etwas mehr als 50 Prozent der jüdischen Bevölkerung war ins Ausland zwangsemigriert. 15 der 19 aus Wertheim deportierten Juden seien getötet worden. Fauth ging ausführlich auf einige beeindruckende Einzelschicksale und deren Rettung ein. Er lobte die Wertheimer Bevölkerung und den Gemeinderat für ihre Offenheit gegenüber der Erinnerungskultur.

Eine Station der Führung war das Haus der Familie Klaus in der Maingasse, an dessen Stelle heute ein Hotel steht. Die Teilnehmer lernten unter anderem, dass die 18 Blumen am Haus für die 18 Juden stehen, die in der Zeit im Haus lebten, als es zum Judenhaus erklärt wurde. Dietz betonte auf Basis von Bibelstellen: „Wir Nichtjuden haben den Juden unser Heil zu verdanken.“ Die Gemeinschaft mit jüdischen Menschen sei sehr wichtig.

Uschormirski, der erstmals in Wertheim war, betonte, dass ihm die Erinnerungskultur in der Stadt gefalle. Es sei interessant, in Wertheim lebende Menschen jüdischen Glaubens in die Erinnerungskultur einzubeziehen. Sein Großvater, seine Tante und zwei Cousins mit damals fünf und drei Jahren seien zur NS-Zeit getötet worden.

Suche nach Spiritualität

Im Interview mit Joas berichtete der Gast auf der Burg, dass ihn seine Suche nach Lebenssinn und Spiritualität erst erfolglos zum Buddhismus geführt habe. Im Juni 1992 sei er zum Glauben an Jesus gekommen. Von seinem Ziel, nach Israel auszuwandern, habe er aufgrund der dortigen Konflikte Abstand genommen. In der Ukraine hätte er wegen der unvorstellbaren Folgen von Tschernobyl und dem wachsenden Antisemitismus aber nicht bleiben wollen.

Die Bewilligung der deutschen Botschaft, in die Bundesrepublik zu emigrieren, habe er als Zeichen Gottes gesehen. Weiter ging er im Interview unter anderem darauf ein, dass man die Bibeltexte mit den Augen der jüdischen Erstleser sehen müsse. In seinem anschließenden Vortrag „Jesus neu sehen“, ging er auf die für viele Menschen verborgene, jüdische Seite von Jesus ein und reflektierte dessen Umgang mit den Menschen auf Basis der damaligen jüdischen Rechts- und Ethikbasis. „Ich sehe mich als eine Art Brücke zwischen Juden und Christen.“

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