Wertheim

Leserbrief Zu „Fehlende Disziplin der Schüler kritisiert“ (FN, 5. November)

„Nicht Disziplin der Schüler anprangern, sondern Verbesserung auf den Weg bringen“

Ich gehe mal davon aus, dass das beobachtete Fehlverhalten der Schüler am Busbahnhof durch das Ordnungsamt nur ein kleiner Aspekt der Sitzung des Corona-Lenkungsstabs war.

Zumindest gab es im Artikel dazu nur eine Bemerkung. Durch das Bild und die Überschrift wurde aber ein großer Aufreißer daraus. Blöd, dass Aufreißer manchmal das einzige sind, was gelesen wird, und sie damit bewusst Stimmung in eine Richtung machen.

Im Artikel werden sehr viele positive Beispiele genannt, wie die Verordnungen umgesetzt werden und wie verantwortungsvoll mit der gemeinsamen Aufgabe, die Pandemie im Griff zu behalten, umgegangen wird. Warum keinen positiven Aufreißer? Das bräuchten wir! Ich selbst erlebe in meinem privaten und Arbeitsumfeld meist auch genau das: Nicht ausreizen, was nach den Verordnungen geht, sondern eher noch einen Schritt weiter zurückgehen, weil es der Situation und dem gemeinsamen gesellschaftlichen Ziel entspricht.

Nicht alles, was in den Verordnungen immer gerade dran ist, ist auch sauber aufeinander abgestimmt oder logisch zu erklären (zum Beispiel Schließung der Gastronomie, obwohl es dort fast keine Übertragungen gibt und beibehalten der Gottesdienste, weil es dort fast keine Übertragungen gibt).

Aber unsere gesellschaftliche Aufgabe ist doch nicht, die Unlogik mancher Verordnungen in den Dreck zu ziehen und es als Anlass zu nehmen, uns das lascheste zusammen zu bauen, unsere Aufgabe ist es, den Sinn der Pandemiebekämpfung anzunehmen und mit Hilfe der Verordnungen daran mitzuarbeiten! Aufgabe von Politik ist es hier, die Brücke von Wissenschaft zur Gesellschaft zu schlagen und zu motivieren, statt anzuklagen. Nebenbei auch das Ohr an der Gesellschaft zu haben und Unklarheiten zu erklären und gegebenenfalls zu beseitigen.

Im Falle der Schüler am Busbahnhof hieße das, sowohl politisch wie auch redaktionell, differenziert zu berichten und Verbesserungen auf den Weg zu bringen: Kinder und Jugendliche sind in ihrer Entwicklung auf menschliche Kontakte angewiesen. Gerade in der Pubertät ist da die Familie nicht immer der passende Bezug.

Wo haben sie jetzt Alternativen außer in den schulischen Kontakten, wenn Vereine, Jugendgruppen und Treffs wegfallen? Was kann die Gesellschaft tun, um ihnen trotz Pandemie eine menschliche Entwicklung zu ermöglichen? Das Jugendschutzgesetz gibt es, weil Jugendliche selbst für sich und ihre Entwicklung nicht immer die richtigen Dinge tun würden, wenn es keine Grenzen gäbe.

Deshalb haben wir Erwachsenen diesen Leitfaden, um Jugendlichen eine altersgemäße Entwicklung zu ermöglichen. Im Fall des Busbahnhofes sollte man also nicht die fehlende Disziplin der Schüler anprangern, sondern das in diesem Fall nicht geschützte Umfeld, in dem sie sich bewegen.

Überfüllte Busse im Schülertransport sind seit Jahrzehnten Thema zwischen Elternbeiräten, Schulen, Busunternehmen, VGMT und der Stadt als Schulträger.

Es ist günstiger (finanziell und organisatorisch), den Schülertransport über den Linienverkehr zu organisieren als einen eigenen Schulbusverkehr zu haben.

Deshalb nimmt man die Nachteile gern in Kauf. Die Nachteile sind jetzt, dass die Schüler in den Schulen zwar in Clustern getrennt bleiben, in den Bussen aber cluster- und schulübergreifend eng an eng transportiert werden.

Zusätzliche Schulbusse einzusetzen, ist kaum möglich, da es ja ein Linienverkehr ist. Die Eltern zu bitten, nach Möglichkeit die Kinder zu fahren, um die Busse zu entlasten, ist auch nicht möglich, es würde einen verkehrstechnischen Zusammenbruch bedeuten und Einnahmeausfälle bei der VGMT.

Die Cluster an den Schulen zu unterschiedlichen Zeiten zu beschulen und so den Schülertransport über die Uhrzeiten zu entzerren, ist nicht möglich, weil es ja eine massive Fahrplanveränderung geben müsste, die sich, selbst wenn man wollte, nicht einmal über Monate hinweg realisieren lassen würde. Es ist eben nicht so einfach, wie es dieser Artikel suggeriert: „Die Disziplin der Schüler ist schuld.“

Damit ich richtig verstanden werde: Wir müssen vereinfachen, damit die komplexe Aufgabe der Pandemiebekämpfung in der Gesellschaft schnell und gut umgesetzt werden kann. Aber wir müssen die komplexen Zusammenhänge vereinfachen und nicht vereinfacht einzelne Aspekte aus der Komplexität herausreißen.

Das stellt nicht die Komplexität vereinfacht dar, sondern ist Stimmungsmache.

Und das Stimmungsmache eher zur Verunsicherung mancher und zu weniger Akzeptanz der gesellschaftlichen Aufgabe führt, das können wir doch wirklich zu Genüge allenthalben beobachten.

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