Wertheim

Muss die Show weitergehen?

Der 29-jährige Jacob Blake wurde am 23. August in Kenosha/USA von Polizisten schwer verletzt. Sieben Mal wurde ihm in den Rücken geschossen. Kameras filmten das Geschehen, überall konnte man es sehen. Daraufhin erhob sich eine beispiellose Boykottbewegung im US-Sport.

In verschiedenen Ligen, Basketball, Football, hagelte es Spielabsagen.

Eine deutsche Tageszeitung berichtete darüber und zeigte ein eindrückliches Titelbild:

Vier kniende Sportlerinnen sind darauf zu sehen, ihr weißes T-Shirt mit sieben roten Farbtupfern erinnert an den Angriff auf Jacob Blake.

Am meisten bewegt hat mich aber die Überschrift: „The show must NOT go on.“

Die Journalisten fügten ein „NOT“ ein in den in Krisenzeiten oft bemühten Satz „Die Show muss weitergehen.“ Das „not“ macht aus dem „muss“ ein „darf nicht“.

Nein, die Show muss nicht weitergehen - sie darf es gar nicht.

Gemeint ist der Spielbetrieb, das nächste Liga-Spiel, zurück zum Alltag. Nein, die Show darf nicht weitergehen.

Der Satz bewegt mich, weil er genau das Gegenteil ist zu den Sätzen, die sonst unsere Welt regieren.

„Höher, schneller, weiter“ heißt es doch eher. Und „Beiß die Zähne zusammen.“ Oder „Augen zu und durch!“ „Halte durch!“ „The show must go on!“ „Zurück zur Tagesordnung.“

Und auf Postkarten lese ich Sätze wie: „Hinfallen ist nicht schlimm, nur liegen bleiben ist schlimm.“

Diese Sätze regieren die Zeit in der wir leben. Und als ich den Satz gelesen hab „The show must NOT go on!“ dachte ich: Sie sind alle so falsch, diese Sätze.

Es gibt Momente, da darf man liegenbleiben. Da muss man nicht aufstehen, weitermachen, back to normal, alles wie immer.

Es gibt Momente, da fällt man - und man darf liegenbleiben. Klagen. Bemerken, dass Dinge anders geworden sind und das betrauern. Schmerz aushalten statt wegschieben. Das gilt für das persönliche Leben und für große weltbewegende Ereignisse.

Mit der Absage der Spiele haben die Sportler den Verletzten gewürdigt.

Sich sozusagen zu ihm gelegt, zu dem, der am Boden lag.

„The Show must NOT go on“, das ist eine zutiefst christliche Haltung.

Das hat etwas mit gnädig sein zu tun. Sich selbst und anderen zugestehen, dass man manchmal liegenbleiben muss, bevor es weitergehen kann. Veränderungen ernst nehmen.

Ich will das selbst beherzigen lernen. Ich bin nämlich auch eine, die denkt, „The show must go on“.

Ich will mir das merken, dass es gut ist, manchmal erstmal liegen zu bleiben. Gnädig zu sich zu sein.

In der allergrößten The-Show-must-go-on-Geschichte der Welt war das übrigens auch so: Nach drei Tagen ist Jesus auferstanden.

Und nicht sofort.

Pfarrerin Carolin Knapp, evangelische Kirchengemeinde Wertheim

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