Wertheim

Kabarett Angelika Beier war mit ihrem Programm „Zwischen Sex und 60“ auf der Wertheimer Burg zu Gast

Momente aus der besten Lebenshälfte

Archivartikel

Wertheim.„Hallo, ich bin Fanny, die alte Schachtel!“, begrüßt Kabarettistin Angelika Beier am Samstagabend ihr Publikum auf der Wertheimer Burg. Eigentlich hätte sie schon vor einigen Wochen im Convenartis Keller auftreten sollen, doch das war nicht möglich. So war die Freude groß, dass der Verein die Chance hatte, die Künstlerin nun auf die Burg einzuladen.

Mit einem gefühlten Alter von 39 Jahren und 40-jähriger Bühnenerfahrung hat sie jede Menge zu berichten, wie es Frauen in der zweiten Lebenshälfte – in den besten Jahren – geht. „Zwischen Sex und 60“ heißt da auch treffend ihr Programm, das voller schlüpfriger Geschichten aus dem Leben über 60 ist.

Von einer Freundin bekam sie einen Fresskorb zum Geburtstag, warum auch nicht, erklärt Fanny. Schließlich ist „das Essen der Sex des Alters“. Statt Sinneslust habe man nun Fleischeslust in Form von Fleischpflanzerl und statt heißer Dessous zum Geburtstag gibt es nun einen Thermomix. So singt sie auch die erotisch anmutende Menükarte zur Melodie von Je t’aime.

Während ihres Auftritts schlüpft Angelika Beier in verschiedene Charaktere und präsentiert so die vielen Facetten des Älterwerdens. Da kommt Fannys Freundin Gisa aus Gießen, die von „Shades of Grey“ inspiriert mit ihrem Mann Willi die Fesselspielchen probiert. Völlig miteinander verwurschtelt müssen sie von der Feuerwehr befreit werden. Josefine kommt als Flaschensammlerin im Hippiekostüm um die Ecke. Sie will zurück nach Sansibar und singt von ihrem Traum.

„Event, Event, der Rentner rennt“, nimmt sie die „Silver Ager“ auf die Schippe, die mit ihrem Hackenporsche (Ziehwägelchen) die Gegend unsicher machen. Mit blonder Perücke im engen Kleidchen berichtet Kadiza mit polnischem Akzent, dass ihr Körper zu „90 Prozent aus Ersatzteilen“ besteht. Zähne aus Budapest, Nabel aus Shanghai und Busen aus Bogota – totale Schönheit ist eben global.

Schlüpfriger Ausflug ins Internet

Besonders schlüpfrig wurde es, als Tante Else im Internet auf die Suche nach einem Callboy geht. Da schwanken die Preise für den gut aussehenden Chris zwischen zehn Euro die Stunde für 20-Jährige, bis 120 Euro ab 55 Jahren und ab 60 Jahren stehen gar keine Preise mehr da.

Innere Erleuchtung sucht Fanny dann im Mönchskloster im Himalaya. Doch wie soll man dort ohne Radio und ohne Fernsehen Erleuchtung finden? Auf einer Reise in die Mongolei lernt sie Hurga kennen, mit dem sie ihre innere Wildnis ausleben und alles hinter sich lassen will. Wirklich? Die Espressomaschine, den Flachbildfernsehen, die bequeme Couch, Freunde, Yoga? Nein, lieber nicht.

Fast schon melancholisch wird es gegen Ende ihres Programms, als sie von den charakteristischen Begegnungen zwischen Menschen berichtet. Den Nerv der Zeit trifft sie mit Gisas Bericht über ihren Tagesablauf. „So fad, so fad.“ Es war der einzige Moment, in dem die aktuelle Pandemie ein kleines Bisschen thematisiert wurde – und das war gut so. Schließlich wollten die Besucher Unterhaltung. Und diese wurde in hervorragendem Maß geboten.

Mit viel Applaus dankten die Zuschauer Angelika Beier für ihren ersten Auftritt seit langem. Schließlich gab es noch eine kleine Zugabe in Form eines Kuchenrezepts, bei dem man sehr, sehr viel Whisky braucht.

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