Wertheim

Freispruch Angeklagter hat die Medikamente womöglich erst kurz vor Ende der Fahrt eingenommen

Mit Tabletten intus in den Graben gefahren

Wertheim.Oberhalb von Urphar an der Kreisstraße 2824, Höhe Obstanlagen, trafen im März zwei Autofahrer einen verwirrten Mann an, der über die Straße schwankte. Er wirkte deprimiert und stammelte, sein PKW liege im Graben und er gehe spazieren. Es schneite aber und war schon 22 Uhr. Die Autofahrer verständigten die Polizei.

Einer von ihnen suchte nach dem PKW und fand ihn unverschlossen an einem Feldwegrand nahe der Höhefelder Windräder und halb im Graben. Innen roch es nach verschmorter Kupplung. Er zog den Schlüssel ab und übergab ihn der inzwischen eingetroffenen Polizei. Der verwirrte Mann äußerte gegenüber den Beamten, er habe 30 bis 40 Tabletten geschluckt.

Im Krankenhaus Wertheim wurde eine Blutprobe entnommen und die Untersuchung ergab einen sehr hohen Spiegel der Beruhigungsmedikamente Zolpiden und Zopiclon. Daraufhin wurde gegen den 48-jährigen Mann aus dem Südspessart wegen fahrlässigen Führens eines Kraftfahrzeugs trotz Fahruntüchtigkeit durch berauschende Mittel ein Strafbefehl über 40 Mal 40 Euro erlassen, mit Entzug der Fahrerlaubnis und Sperrfrist von sechs Monaten.

Der Beschuldigte legte Einspruch ein. In einer Verhandlung beim Amtsgericht Wertheim war nicht auszuschließen, dass der Angeklagte die Tabletten erst 500 Meter vor Fahrtende auf einem Parkplatz eingenommen hatte. Die Polizei fand dort später leere Blisterpackungen und die Wirkung der Medikamente setze erst nach einer halben Stunde ein, so ein Sachverständiger. Deshalb kam es zum Freispruch.

In der Verhandlung nannte der Angeklagte als Grund für die Einnahme der Medikamente seit langem bestehende Probleme mit der Familie und am Arbeitsplatz. Er habe abschalten wollen und sei losgefahren, um sich abzureagieren. Die Tabletten habe er erst nach dem Abstellen des Wagens eingenommen – da er keine Wirkung verspürte immer mehr. Dann setze seine Erinnerung bis zur Notaufnahme im Krankenhaus aus.

Laut Polizei hatte der Beschuldigte in der Vorfallsnacht zunächst gesagt, er habe die Tabletten zu Hause geschluckt. Dort fand man laut telefonischer Nachfrage aber keine leeren Packungen.

Dann äußerte der Mann, er habe sie unterwegs genommen, und schließlich habe er von einem Parkplatz gesprochen. Nach dem Abtauen des Schnees fanden die Beamten auf einem Parkplatz, zwei Kilometer oberhalb des Ortes, an dem die Person angetroffen wurde, zugehörige Packungen. Die Strecke von dort bis zum Fundort des PKW beträgt nur 500 Meter.

Ein Diplompsychologe für den Bereich Verkehrsmedizin nannte als Nebenwirkung einer Überdosierung von Zolpiden und Zopiclon unter anderem Orientierungslosigkeit. Auch wenn Medikamente im Körper seien, setze die Wirkung nicht sofort ein. Sei der Beschuldigte gleich vom Parkplatz zur Auffindestelle des PKW gefahren, sei er zu diesem Zeitpunkt noch nicht fahruntüchtig gewesen.

Der Staatsanwalt sagte, es sei ungewiss, wann die Tabletten genommen wurden. Er beantragte Freispruch. Verteidiger und Gericht schlossen sich an. goe