Wertheim

Nachruf Wertheimer Urgestein im Alter von 93 Jahren gestorben / Nach dem Krieg in Gefangenschaft / „Vater der Fremdenführer“ / Karriere bei der AOK

Mit Ludwig Dreikorn geht ein beliebter Zeitzeuge

Archivartikel

Wertheim.„Ich bin ein Wertheimer Kind und liebe diese Stadt“, sagte Ludwig Dreikorn in einem Gespräch mit den FN anlässlich seines 90. Geburtstags. Jetzt muss die Stadt von ihm Abschied nehmen. Ludwig Dreikorn, ein bekanntes Gesicht, ist am Montag im Alter von 93 Jahren gestorben.

„Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal 90 Jahre alt werde“, sagte das Wertheimer Urgestein damals. Er gehörte zu jener Generation, die im Jugendalter in den Krieg ziehen musste. Nachdem er zunächst mit 17 Jahren zum Reichsarbeitsdienst eingezogen worden war, ging es später zur Wehrmacht. Zwei Jahre kämpfte er als Infanterist in Ungarn und der Tschechoslowakei. Weitere zwei Jahre verbrachte er ab 1945 in sowjetischer Gefangenschaft. Aus der Hölle eines sibirischen Bergwerks kam er „halbtot“ in seine Heimatstadt zurück, wie er berichtete.

Schon bald nahm er wieder seine Arbeit bei der AOK auf. Hier hatte er nach dem Besuch der Volksschule Anfang der vierziger Jahre eine Ausbildung absolviert. In insgesamt 40 Dienstjahren arbeitete er sich zum Abteilungsleiter hoch. Am Ende seiner Karriere war er Leiter der Leistungsabteilung im Rang eines Oberamtsrats.

Ein schwerer gesundheitlicher Schlag zwang ihn zur Beendigung seiner Berufslaufbahn. Nach der Pensionierung berichtete er 25 Jahre aus dem Gerichtssaal für die „Wertheimer Zeitung“.

Ludwig Dreikorn gab seine Erfahrungen und Erlebnisse aus der Kriegs- und Vorkriegszeit auch an jüngere Generationen weiter. Der Autor dieser Zeilen erinnert sich gerne daran, wie Dreikorn den Geschichtsunterricht in der Schule mit Schilderungen aus der Weimarer Republik und der Nazizeit anreicherte.

Voller Terminkalender

Sein Wissen um die Stadt gab Dreikorn in über 30 Jahren als Stadtführer weiter. Der „Vater der örtlichen Fremdenführer,“ wie ihn Oberbürgerbürgermeister Stefan Mikulicz bezeichnete, bildete seine Kollegen aus und legte großen Wert auf Qualität. Ludwig Dreikorns Terminkalender war trotz seines Ruhestandes prall gefüllt. Er engagierte sich in der politischen Erwachsenenbildung, in der evangelischen Stiftskirchengemeinde und der Bezirkssynode. Sehr gerne sang er – als aktives Mitglied im Gesangverein Frohsinn, im Sängerbund Eichel und im Chor der Stiftskirche sowie anderen Vereinen. Seit 1972 war er Mitglied der Sozialdemokratischen Partei.

Mit seiner Frau Gertrud, geborene Henning, war er mehr als 65 Jahre verheiratet, bis sie im April 2016 starb. Beide waren Ur-Wertheimer. Die Spuren der Familie Ludwig Dreikorns lassen sich bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen. Mit den drei Söhnen der Dreikorns trauern vier Enkelkinder. Ein stadtbekannter Mensch ist gegangen. Mit ihm gehen Erinnerungen an die Zeitgeschichte.

Die Trauerfeier findet am Samstag, 7. September, um 14.30 Uhr in der Stiftskirche statt.

Zum Thema