Wertheim

Literarischer Abend Norbert Stallkamp beleuchtete den Schriftsteller Bertolt Brecht / Musikalische Umrahmung durch Christina Gläser und Ronny Horn

Mann der Widersprüche und klugen Sätze

Archivartikel

Wertheim.Bertolt Brecht stand am Freitagabend im Mittelpunkt eines literarischen Abends im Grafschaftsmuseum Wertheim. Norbert Stallkamp begab sich im Otto-Modersohn-Saal auf Spurensuche, Christina Gläser (Gesang) und Ronny Horn (Klavier) begleiteten ihn musikalisch. Fast 60 Menschen ließen sich durch den Vortrag und die Lieder mitreißen.

Museumsleiterin Stefanie Arz bezeichnete Bertolt Brecht eingangs als Ausnahmetalent, der als außergewöhnlicher Mensch mit Ecken und Kanten bahnbrechende Neuerungen gestaltet habe. Die „Ballade von der Unzulänglichkeit menschlichen Planens“ bildete den Auftakt der Veranstaltung.

Stallkamp stellte „Da es so ist, bleibt es nicht so“ an den Anfang seiner Spurensuche, welche die ganze Breite von Aspekten des ob seiner großen Theaterstücke unsterblichen Bertolt Brecht beleuchtete. Der Vortragende erzählte von eigenen Erlebnissen als Lehrkraft, erläuterte, Brecht sei sehr bürgerlich aufgewachsen, was diesem wiederum nicht behagt habe und zeigte auf, wie aus Brechts erster großer Liebe eines der schönsten und bekanntesten Liebesgedichte der modernen Literatur entstand.

Stallkamp bezeichnete den jungen Brecht als rebellisch und großmäulig. Als Schüler habe er den Ausspruch, dass es süß und ehrenvoll sei, für das Vaterland zu sterben, als Zweckpropaganda entlarvt. Brecht sei Provokateur geblieben wie Heinrich Heine oder Heinrich Böll, habe ideologisch ungeschliffen, ebenso wild wie altklug erste Erfolge gefeiert und dabei einen der größten Thea-terschlusssätze herausgehauen: „Das Chaos ist aufgebraucht, es war die beste Zeit.“

Gläser und Horn setzten fort mit der Moritat von Mackie Messer. Ihre drei Beiträge zeigten sich gleichermaßen engagiert und einfühlsam vorgetragen, lakonisch und düster, scharfzüngig, temporeich und geistvoll und innerhalb der musikalischen Herausforderung aufregend.

Stallkamp unterstrich, Brecht habe sich äußerlich inszeniert mit schwarzer Lederjacke, Kappe, frechem Grinsen, Zigarre und Nickelbrille. Die Dreigroschenoper habe den Meister der Selbststilisierung berühmt gemacht, aber auch ernster und nachdenklicher. Brecht habe um das Oben und das Unten in der Gesellschaft gewusst. Die ungleichen sozialen Verhältnisse seien für ihn zu einem seiner großen Lebensthemen geworden.

Stallkamp bezweifelte, dass Brecht Kommunist gewesen sei. Er habe gewusst, dass er eine ideologische Basis für seine Dramen brauche, und sei so auf die Idee gekommen, den Marxismus als eine solche Basis für sein episches Theater zu nehmen.

Bertolt Brecht habe im Jahr 1933 eine Zäsur erlebt, so der Referent, denn er habe fliehen müssen, seine Bücher wurden verbrannt. Schließlich sei er in den USA gelandet, im „Schauhaus des easy-going“ seien seine großen, heute als klassisch geltenden Werke entstanden. Stallkamp ging näher auf „Das Leben des Galilei“ ein, welches er oft mit seinen Schülern gelesen habe, und stellte heraus, dass der Sieg der Vernunft nur der Sieg der Vernünftigen sein könne.

Der Referent meinte, Brechts Keuner-Geschichten zeigten ihn als späten Aufklärer im Geiste alter chinesischer Literatur. „Herr Keuner“, so Stallkamp, sei „ein guter Lehrmeister für meine Schüler und auch für mich“ gewesen.

Brecht sei schließlich aus dem Exil in ein Land, das es so nicht mehr gab, zurückgekehrt, spann Norbert Stallkamp den chronologischen Faden weiter. Brecht habe nie in die DDR gewollt, das sei wohl die Tragö-die seines Lebens gewesen. Indes habe er dort den Traum vom eigenen Theater umsetzen können. Der Referent bezeichnete Brechts Reaktion zum Arbeiteraufstand am 17. Juni 1953 als widersprüchlich und unverständlich. Insgesamt sei Brecht ein Virtuose der Widersprüchlichkeit gewesen, weshalb es nicht leicht sei, ihm auf die Spur zu kommen. Der Vortragende ging auch auf den Lyriker Brecht ein, dessen Werke in diesem Genre er als „aufmerksam, fürsorglich, zärtlich“ bezeichnete.

Stallkamp zitierte Brecht zu einer möglichen Inschrift auf dessen Grabstein: „Er hat Vorschläge gemacht, wir haben sie angenommen. Durch eine solche Inschrift wären wir alle geehrt.“ Die Frage „was bleibt von Brecht“ beantwortete der Referent selbst mit „seine Poesie, seine Bukower Elegien, Herr Keuner, Mutter Courage und sein Galilei“. Zum Abschluss seiner Ausführungen wiederholte Stallkamp das anfangs Gesagte: „Da es so ist, bleibt es nicht so.“ Es lohne sich, darüber nachzudenken.

Gläser und Horn interpretierten anschließend „Die Seeräuberjenny“ aus der „Dreigroschenoper“. Es gab viel Beifall für das vortragende Trio. Nach knapp einer Stunde gleichermaßen intensiver wie breitgefächerter Spurensuche ließen Zuhörer und Vortragende den Abend gemeinsam im Gespräch ausklingen. hpw