Wertheim

Lesung der besondern Art Frauenverein, Buchhandlung und Stadtbücherei luden am Donnerstagabend zum beliebten Literaturabend „Unsere Lieblingsbücher“ ein

„Lesen heißt, den Appetit zu stillen“

Archivartikel

Eminente Empfehlungen für lange Leseabende wurden am Donnerstag in der Wertheimer Stadtbücherei erteilt.

Wertheim. Der in Zusammenarbeit mit dem Frauenverein Werheim e.V.der Buchhandlung Buchheim ausgerichtete Literaturabend „Unsere Lieblingsbücher“ erfreute viele Freundinnen und einige Freunde des gepflegten Lesestoffs.

In ihrer Begrüßung brachte Büchereileiterin Michaela Stock die Freude darüber zum Ausdruck, einen solchen „literarischen Abend unter Freunden“ ausgerechnet am internationalen Tag der Bibliotheken einleiten zu dürfen. Seitens der Buchhandlung Buchheim fand Andrea Schwitt-Graf ein passendes Bonmot: „Lesen heißt, den Appetit zu stillen“, betonte sie.

Die ersten Bücher stellte Michaela Stock vor. Sie hatte mit „Alles okay“ der Autorin Nina LaCour eine vielschichtige Liebesgeschichte ausgewählt, welche die Geschehnisse am Ende eines Sommers schildert. „Anfängliche Tristesse weicht hoffnungsvollen Passagen, auf die ein Happy-End folgt“, erklärte sie. Gleich vier Werke aus dem Schaffen des US-Amerikaners Neal Shusterman hatte sie mit „Dry“, „Scythe“, „Vollendet“ und „Kompass ohne Norden“ mitgebracht. Tiefer widmete sie sich letzterem Buch, in dem das Leben und Leiden eines immer weiter in den Teufelskreis der Schizophrenie absteigenden Jugendlichen dargestellt wird. „Das Buch ist beklemmend, aber wichtig – fernab gängiger Vorurteile sensibilisiert es und macht Mut“, begründete Stock ihre Wahl.

Das neueste Buch Martin Suters („Elefanten“) stellte Stefanie Boelk vor: Jenes von präziser, lakonischer Erzählweise gekennzeichnete Werk beschreitet auf spannende Weise die Gratwanderung zwischen Zürichs Obdachlosenszene, der schillernden Zirkuswelt und mitunter tragischen Folgen fragwürdiger Experimente, ohne ein klassischer Krimi zu sein.

Einen gänzlich anderen Charakter weist das Buch auf, mit dem Constanze Schwab sich an das Publikum wandte: Unter dem Titel „Uhren gibt es nicht mehr“ singt, spielt oder politisiert der Österreicher André Heller nicht etwa, sondern zeichnet oft sehr bildhaft das Altern mit seinen Begleiterscheinungen und dem Tod in den Mittelpunkt rückende Gespräche nach, die er mit seiner 2018 im Alter von 104 Jahren gestorbenen Mutter Elisabeth während ihrer letzten Lebensjahre führte.

„Manche Bücher sind wie Perlen, so auch dieses“, fasste Schwab ihr Lese-Erlebnis zusammen und leitete über zu Trudi Graf, die mit „Südlichter“ von Nina Georg eine Liebeserklärung an die Provence und ihre Bewohner vorstellte. „Die Protagonisten wie auch die Handlung rund um eine in den 60er Jahren gegründete Überland-Bibliothek wachsen einem sehr ans Herz“, räumte sie ein.

Gleich vier allesamt in Colorado angesiedelte Werke des 2014 verstorbenen Kent Haruf empfahl Uschi Wehner: Während „Unsere Seelen bei Nacht“ die weiße Mittelschicht portraitiert, widmet sich „Abendrot“ der Unterschicht; das „Lied der Weite“ schildert die zärtlichen, jedoch auf Widerstand des Umfeld stoßenden Gefühle zweier älterer Menschen. „Es handelt sich um sehr realitätsnahe Bücher, die bekannte Probleme nicht ausklammern. Man leidet beim Lesen teilweise förmlich mit“, bilanzierte Wehner.

„Maschinen wie ich“ lautet der Titel des von Heike Gröger vorgestellten Werks: Geschrieben von Ian McEwan, dreht es sich um den erfolglosen Börsenspekulanten Charly, der einen von 25 Androiden erwirbt. Leider ist ihm die künstliche Intelligenz in jeder Hinsicht überlegen und ein „moralischer Übermensch“, was die Grenze zwischen Mensch und Maschine aus einem besonders schonungslosen wie fesselnden Blickwinkel zeigt.

Auf zwei berührende Lebenslinien wies Gaby Hügel hin, die den Roman „Brüder“ von Jackie Thomae vorstellte.

In der DDR als Kinder des Senegalesen Idris getrennt voneinander aufgewachsen, schlagen die Halbbrüder Michael und Gabriel völlig unterschiedliche Richtungen ein, ohne von der Existenz des Anderen zu wissen. „Dieses Buch analysiert gekonnt, welchen Einfluss das Lebensumfeld auf die Entwicklung der Menschen haben kann“, erklärte Hügel.

Nach kurzer Pause wandte sich Heide Fahrenkrog-Keller an die Besucherschaft, um mit dem Buch „Blaupause“ der Autorin Theresia Enzensberger auf die interessante, hier mit einer Zweierbeziehung verbundene Peripherie des Weimarer Bauhauses hinzuweisen. Mit „Eine Nacht“, „Löwen wecken“ und „Lügnerin“ hatte Gerlinde Ernst schließlich gleich drei Bücher von Aylet Gundar-Goshen mitgebracht.

Manuela Faulhaber hingegen ermutigte zum Lesen der von Margret Atwood beschriebenen „Zeuginnen“, ehe Andrea Schwitt-Graf die packenden, unter dem pragmatischen Titel „Herkunft“ zusammengefassten Lebenserinnerungen Sasa Stanisics vorstellte.

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