Wertheim

Lesung Dr. Robert Meier berichtete von Geschichten aus Wertheim und der Grafschaft

Intrigen Tür und Tor geöffnet

Wertheim.Das Archiv ist ein staubiger Ort mit langweiligen Dokumenten? Wer dieser Meinung ist, der hat noch keinen Vortrag von Dr. Robert Meier, früher Mitarbeiter im Staatsarchiv in Bronnbach, erlebt. Allzu humorvoll sind die Geschichten, die er in seinem neuen Buch „Land und Leute – Geschichten aus Stadt und Grafschaft Wertheim“, basierend auf Archivmaterial über die Main-Tauber-Stadt, zum Besten gibt.

Manches kommt den etwa dreißig Besuchern der Lesung in der Stadtbücherei bekannt vor, etwa der Langzeitstudent aus dem Jahre 1580, der fast acht Jahre für sein Jura-Studium in Wittenberg brauchte und an den Vater vor allem die Botschaft sandte: „Schick Geld!“

Doch zunächst ging es um den Jahreswechsel, und man hörte erstaunt, dass bereits 1748 aus Gründen des Brandschutzes und aus Rücksicht auf die Gesundheit der Bürger Böllerei von der Obrigkeit verboten wurde. Auch „Exzesse“ jeder Art wurden nicht gerne gesehen, wobei im Jahre 1896 verfügt wurde, dass die Wachen „zwischen 12 und 12.15 Uhr die Aufsicht etwas freier gestalten sollen“.

Als dann im Jahr 1938 das Böllern gar zum deutschen Kulturgut erklärt wurde, verteidigte sich der damalige Bürgermeister ohnehin mit der Notiz, man habe das Böllern zwar verboten, dieses Verbot aber nie durchgesetzt.

Beim „Fleischmann“ bestellt

Da schriftliche Quellen meist von den Männern vorbehaltenen Geschäften handeln, ist wenig über die Frauen auf der Wertheimer Burg bekannt. Eine Ausnahme macht hier die elffache Mutter Anna von Löwenstein, über die Meier berichtete. Ende des 16. Jahrhunderts führte sie den Haushalt und bestellte wie auch ihr Mann beim „Fleischmann“, dem damaligen Gemischtwarenhändler Wertheims. Er beschaffte ihnen alles: von Zwetschgen und Lebkuchen bis hin zu frischen Feigen und Pomeranzen.

Nach den Ausführungen über von Wertheim in die Welt gereiste Studenten, die beispielsweise in Wittenberg, Jena und Heidelberg ihr Glück – und den Wein – suchten, ging es um ein gerade recht aktuelles Thema: Die Bürgermeisterbestellung.

Dazu muss man wissen, dass die Löwensteiner Besitz und Amt nicht dem ältesten Sohn vermachten, sondern allen zu gleichen Teilen – und diese sich dann einigen mussten, etwa auf einen Bürgermeister. Der Stadtrat hatte nur Vorschlagsrecht. Dass hier allerlei Intrigen Tür und Tor geöffnet waren und sich ein Vater von vier unehelichen Kindern in das Amt einkaufen wollte, ist ohne Weiteres vorstellbar.

Untermalt wurde die launige Veranstaltung mit zur jeweiligen Geschichte passenden Musik, dargeboten von dem Duo Julia Grimmer (Querflöte) und Hubert Steiner. So entspannte sich zwischen dem Wertheim-Experten Meier und den beiden Musikern ein Austausch, bei dem die Zuhörer zum Beispiel erfuhren, dass Lautenspieler auf der Wertheimer Burg – und nicht nur da – die Musiker mit dem höchsten Gehalt waren.

Lautenspieler bestens bezahlt

Dies konnte Steiner damit erklären, dass Lautensaiten extrem teuer waren und die Musikanten mit ihrem Einkommen ihre Instrumente finanzieren mussten. Zum Glück konnte man den schönen Melodien der beiden Künstler in der Stadtbücherei ganz kostenlos lauschen.

Die Lesung war rundum gelungen, für die, die Neues über ihre Stadt erfahren wollten, für die, die eine amüsante Lesung bei guter Musik genießen wollten – und natürlich für all die, die beides wollten. nasch