Wertheim

Corona Erneuter Lockdown trifft Kosmetik- und Tattoostudiobesitzer sehr hart / Unterschiedliche Handhabe stößt auf Unverständnis in der Branche

„Ich habe mich hingesetzt und geweint“

Archivartikel

Kosmetikerinnen, Tätowierer und Fußpflegekräfte sind vom erneuten Lockdown betroffen. Auch in Wertheim kämpfen die Geschäftsinhaber in diesen Branchen ums Überleben.

Wertheim.Yasemin Yilmaz hat erst Mitte September diesen Jahres ihr Kosmetikstudio in der Fußgängerzone in Wertheim neu eröffnet. Nur zwei Monate später, am 2. November, musste sie schon wieder schließen – voraussichtlich für vier Wochen. Doch nicht nur die junge Einzelunternehmerin trifft es hart.

In Deutschland gibt es nach Angaben des Bundesberufsverbands der Fachkosmetiker und Fachkosmetikerinnen (BfD) rund 60 000 Kosmetikunternehmen, wovon viele als Einzelunternehmen geführt werden. Für die meisten von ihnen ist der zweite Lockdown „eine riesige Katastrophe“, erklärt der Pressesprecher des BfD, Heinz Gerber.

War es nach dem ersten Lockdown schon extrem schwierig, so wird die erneute Schließung für einige der Unternehmen das endgültige Ende bedeuten. Allein in der ersten November-Woche hätten sich bereits mehrere Kosmetikstudioinhaber beim BfD gemeldet und ihr „Aus“ bekannt gegeben.

Aufgeheizte Stimmung

Die Stimmung sei in der Branche sehr aufgeheizt, gibt Gerber zu. Als eine der Ursachen dafür sieht er das uneinheitliche Handeln der Bundesländer an. So dürfen sowohl in Thüringen als auch in Sachsen-Anhalt die Kosmetikstudios und Fußpflege-Einrichtungen weiter öffnen. Wie einer Mitteilung der Handwerkskammer in Sachsen-Anhalt zu entnehmen ist, begründete die Arbeitsministerin Petra Grimm-Benne diese Entscheidung mit den Worten: „Diese Bereiche haben alle ihren festen Kundenstamm und es sind eins zu eins dieselben Personen, die sich dort begegnen.“

Dass Friseure Wimpern und Augenbrauen färben können, trage laut Gerber auch nicht gerade zur Beschwichtigung der Lage bei. Mehrfach benutzt er in diesem Zusammenhang die Worte „undurchdacht“ und „sauer“. Im Gespräch mit den Fränkischen Nachrichten betont er jedoch mit Nachdruck, dass man dem Friseurhandwerk den Weiterbetrieb nicht neide. Allerdings stoße die unterschiedliche Handhabung nicht gerade auf Zustimmung. „Wir haben schon vor Corona mit Mundschutz und vielen Hygienemaßnahmen gearbeitet“, führt Gerber an.

Als Konsequenz daraus schrieb der BfD am 3. November einen offenen Brief an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, in dem der Verein ihn bittet, sich für die Öffnung der Kosmetikstudios einzusetzen. In dem Brief heißt es unter anderem: „Im Zuge der Gleichbehandlung sollte somit allen Betrieben das Weiterarbeiten in allen Bundesländern ermöglicht werden; gleichwohl im Hinblick auf die von den Maßnahmen nicht betroffenen Friseurbetriebe, die ebenfalls weiter Kunden empfangen dürfen.“ Wie Gerber berichtet, sind inzwischen „Massen von Klagen“ eingereicht worden.

Klagen wird Yasemin Yilmaz nicht. Erschüttert über die Maßnahme ist sie dennoch: „Gerade jetzt, wo mich die Leute ein wenig kennenlernen und mein Geschäft ganz langsam anfängt zu laufen, muss ich wieder schließen. Das trifft mich schon sehr hart.“ Der Ärger ist der Jungunternehmerin anzumerken. „Ganz ehrlich, ich kann mir die merkwürdige Aufteilung, dass Friseure öffnen können und in anderen Bundesländern weiter gearbeitet werden kann, nicht erklären“, sagt sie. Yilmaz will den Friseuren nicht zu nahe treten. Im Gegenteil. „Aber welchen Abstand können die einhalten, den wir nicht einhalten können?“, fragt sie sich die ganze Zeit. Auch habe man immer schon mit Handschuhen, Mundschutz und Desinfektion gearbeitet. „Wieso gefährden wir die Menschen jetzt mit unserer Arbeit? Das ist unverständlich.“ Eine Teileinschränkung der angebotenen Leistungen wäre für sie sinnvoller gewesen.

Hilfe erhält Yilmaz von der Handwerkskammer, denn ein Vergleichsmonat 2019 kann in ihrem Fall für einen finanziellen Ausgleich durch den Staat nicht herangezogen werden. Um den Ausfall leicht abzufangen, hat die Kosmetikerin alle für November vereinbarten Termine ein ganzes Wochenende lang vor der Schließung noch abgearbeitet, „um die Miete für November rauszuholen“, sagt sie. Um das gerade eröffnete Studio zu unterstützen, kamen sogar Kunden vor dem Lockdown und wollten noch kurzfristig einen Termin. Auch wenn sie sie abweisen musste, hat sie dieses Verhalten emotional sehr berührt. „Irgendwann an dem Tag habe ich mich dann hingesetzt und angefangen zu weinen“, erzählt sie.

Jetzt bleibt Yasemin Yilmaz nichts anderes übrig, als ab und an nach dem Rechten zu schauen, Blumen zu gießen und Staub zu wischen. „Sonst kann ich hier ja nicht viel machen“, sagt sie und streicht noch einmal die parat gelegten Handtücher auf der Behandlungsliege glatt.

Giuliano Tondo betreibt seit 2015 in der Hospitalstraße in Wertheim ein Tattoo- und Piercing-Studio. Auch er musste am 2. November zum zweiten Mal in diesem Jahr sein Geschäft für längere Zeit schließen. Und auch er kann das Berufsverbot für die Branche nicht nachvollziehen. „Ganz ehrlich, wir arbeiten auf einem Hygieneniveau wie mancher Arzt nicht“, meint er.

Nachdenklich sei man in seiner Branche vor allem mit Blick auf die Friseure. „Ich freue mich für sie, dass sie weiter arbeiten können. Aber die Friseure können den Abstand zum Kunden genauso wenig einhalten wie wir“, argumentiert er.

In den Untergrund getrieben

Der Tattoo-Künstler sieht aus einem weiteren Grund das Berufsverbot sehr kritisch. Seiner Meinung nach treibt man einige der Tätowierer damit in den Untergrund. Auf Internet-Plattformen gepostete frische Tätowierungen geben dem Fachmann recht: „Die sind alle an irgendeinem Küchentisch entstanden.“ Hier müsse seiner Ansicht nach der Staat deutlich aktiver werden, um den schwarzen Schafen das Handwerk zu legen.

„Giules“, wie ihn seine Kunden nennen, hat genauso wie Yasemin Yilmaz noch kurz vor Schließung umdisponiert. Anstatt Urlaub zu machen, legte er am Freitag, 30. Oktober, für seine Kunden noch einmal einen Piercertag ein.

Helfen werden ihm diese Einnahmen jedoch nicht. „Den ersten Lockdown habe ich eigentlich gut verdaut und den zweiten werde ich auch überleben“, sagt er.

Mit seiner Tätigkeit als Diplom-Informatiker konnte er die Einbußen etwas abfedern. Allerdings müsse er nun an seine Altersvorsorge gehen, um die laufenden Kosten decken zu können. „Bei einem dritten Lockdown werde ich darüber nachdenken, ob ein weiterer Betrieb noch Sinn macht. Denn das ständige on-off machen meine Nerven nicht mit.“ Sicher ist sich der Studiobesitzer, dass er bei einem vierten Lockdown definitiv in den Ruhestand gehen wird.

Die bereits gemachten Termine für Tätowierungen hat er auf unbestimmte Zeit verschoben: „Wer weiß denn schon, wie lange der Lockdown tatsächlich anhält.“

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