Wertheim

„Reformbedarf im Familienrecht“ Expertengespräch mit hochkarätiger Besetzung im Dinges / Verantwortliche führen fehlende Zuschauer auf Angst zurück

„Ich bin kein Umgang, ich bin ein Vater“

Archivartikel

Der Interessenverband Unterhalt und Familienrecht (ISUV) hatte Experten zu einer Gesprächsrunde in das Restaurant „Dinges“ eingeladen, aber die Zuhörer blieben aus.

Wertheim. „Ich bin kein Umgang, ich bin ein Vater.“ So erklärte ein geschiedener Vater, der das Wechselmodell praktiziert und anonym bleiben möchte, sein Unbehagen in Bezug auf das derzeitige Sorge- und Umgangsrecht. Der Interessenverband Unterhalt und Familienrecht (ISUV) hatte hochkarätige Experten zu einer Gesprächsrunde in das Restaurant „Dinges“ eingeladen.

Anlass war ein Thesenpapier, welches das Bundesjustizministerium bei Juristen in Auftrag gegeben hatte. Im März soll es zur Diskussion in den Rechtsausschuss des Bundestags kommen. Dabei geht es unter anderem um die Besserstellung unehelicher Kinder und ihrer Väter.

Obwohl die Veranstaltung öffentlich war, hatte sich nur ein Zuhörer eingefunden. Die Experten vermuteten, dass dahinter nicht mangelndes Interesse stecke, sondern die Angst, sich bei diesem Thema zu outen. Denn der Handlungsbedarf ist in diesem Bereich immens. Das machten die vielen Beispiele deutlich, die die Diskutierenden in ihrer täglichen Praxis erleben.

Es diskutierten neben dem betroffenen Vater die Bundestagsabgeordnete des Kreises, Nina Warken (CDU), Astrid Leonhardt, die lange Jahre beim Jugendamt Mosbach tätig war, und Nina Bruckner, Fachanwältin für Familienrecht. Moderiert wurde die fast zweistündige Diskussion vom ISUV-Ehrenvorsitzenden Josef Linsler.

Zu Beginn erinnerte Linsler, dass gerade 30 Jahre UN-Kinderrechte gefeiert würden. Daran sähe man, wie sich die Gesellschaft verändert habe. Vor 30 Jahren hätte es sehr viele kritische Stimmen gegeben, ob man die Konvention unterschreiben sollte, heute überlege man, die Kinderrechte ins Grundgesetz aufzunehmen. Was sich ebenfalls geändert habe, sei die Rolle der Väter. Das Konzept der erziehenden Mutter und des für das Geld sorgenden Vaters habe ausgedient. Dennoch fuße die Rechtssprechung häufig darauf. So zahlten viele Väter 100 Prozent Unterhalt, obwohl die Kinder ein Drittel bis die Hälfte der Zeit bei ihnen verbringen würden. Besonders schwer hätten es Väter noch immer, ihre Rechte einzufordern, wenn sie nicht mit der Kindsmutter verheiratet gewesen seien, berichtete Bruckner.

Einig waren sich alle, dass es schwierig sei, familienrechtlich etwas vorzuschreiben, etwa, wie die FDP wünsche, das Wechselmodell. Das Beste sei, die Parteien an einen Tisch zu bekommen, beispielsweise bei einer Mediation. Hierbei müsse immer das Wohl des Kindes im Vordergrund stehen. Wichtig sei zudem eine gute Ausbildung der Mediatoren. Manche Berater würden noch immer aus Tradition der Mutter den Vorzug geben. Linser lobte das italienische System. Hier ist die Mediation in den Gerichtsprozess eingebunden und kann verpflichtend angeordnet werden. Auch einige Bundesländer versuchen bereits, dieses Angebot mit Familienrichtern umzusetzen. Klar sei, dass am Ende immer eine verbindliche, schriftlich festgehaltene Entscheidung stehen müsse.

Auch die Rolle des Jugendamts müsse sich ändern, war Leonhardt überzeugt. Es handle teilweise immer noch als „Weisungsbehörde“, obwohl es schon lange eine „Dienstleistungsbehörde“ sei. Warken zeigte das Dilemma des Parlaments auf, bei der Neuordnung etwas zu finden, das für alle praktikabel ist, auch für Eltern, die überhaupt nicht mehr miteinander reden können. Einigkeit herrschte darüber, dass sich das Konzept von der alleinerziehenden Mutter, die Unterhalt erhält, hin zu Trennungseltern entwickeln sollte.

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