Wertheim

Visite in Wertheim Shimon Schwarzschild ist 1936 mit seiner Familie in die USA emigriert und so dem Naziterror entronnen

Hass durch Versöhnung überwinden

Shimon Schwarzschild hat ein Projekt. Einen Film, der sein Leben erzählt: die Flucht vor den Nazis, sein Hass auf alles Deutsche und letztlich die Versöhnung. Auf Spurensuche war er in Wertheim.

Wertheim. Ein gut gelaunter, lächelnder alter Herr steigt aus dem Auto. Er winkt. Eine geraume Zeit haben die Teilnehmer am Rundgang durch Dertingen auf Shimon Schwarzschild gewartet. Sein Mietauto war eingeparkt in einer Wertheimer Hoteltiefgarage, begründet er die Verspätung.

Dieter Fauth, Initiator des Stolperstein-Projekts in Wertheim und Autor des in diesem Zusammenhang entstandenen Gedenkbuchs, hatte die Wartezeit mit Erläuterungen zur Familiengeschichte der unterschiedlichen Zweige der Schwarzschilds sowie historischen Einordnungen überbrückt. Der 95-jährige Walter Baumann wusste als Zeitzeuge so einiges über den Schmied Adolf Schwarzschild zu berichten. Das traurige Schicksal, Deportation nach Gurs und späterer Tod in Auschwitz, führte Fauth aus.

Beleidigt und beschimpft

Die Eskalation des nationalsozialistischen Terrors haben Shimon Schwarzschild und seine Eltern nicht mehr in Deutschland erlebt. Im August 1936 emigrierten sie in die USA. „Ein Braunhemd hat an unserem Haus in der Veitsgasse in Wertheim an die Tür gepocht, ist einfach eingetreten und hat meinen Vater beleidigt und beschimpft“, berichtet der heute 93-jährige Sohn. Der Vater habe dem SA-Mann daraufhin einen Faustschlag versetzt.

Zwei Wochen Gefängnis waren die Strafe für Abraham Schwarzschild. Der Entschluss, Deutschland zu verlassen, war der konsequente Schritt aus dem Wissen, selbst im eigenen Haus nicht mehr sicher zu sein. Eine entfernte, in den USA lebende Tante bürgte für die Familie und so ging es ohne Geld und Hab und Gut über Bremerhaven nach New York.

Was die Nazi-Herrschaft mit ihrem Rassefanatismus bedeutete, hatte Shimon Schwarzschild, dessen Vater aus Dertingen stammte, im Ansatz erfahren. „Die deutschen Kinder hatten in der Schule eine Stunde pro Woche zum Thema Erbegesundheit“, berichtet er. Nach und nach verschwanden die Spielkameraden, mit denen er früher herumgetobt war. Er, der Jude, wurde gemieden.

Shimon Schwarzschild hat viel zu erzählen. „Wenn man zehn Jahre alt ist, ist man alt genug, um sich zu erinnern“, sagt er über seine Kinderzeit in Deutschland. Sein Leben in den USA sollte spannend werden. Mit Charme, Witz und einer großen Portion Altersweisheit berichtet er von Erlebtem und seinen Überzeugungen. Er sei ein „trouble maker“ beschreibt er sich selbst. Einer, der sich auflehnt, Fragen stellt und die Initiative ergreift. Sein Leben ist mit Brüchen verlaufen. Der eine war die Emigration in die USA, wo die ganze Familie zunächst zu „enemy aliens“ – ausländischen Feinden – erklärt wurde. „Mein Bruder und ich sind sofort zur Schule gegangen. Für das Englischlernen habe ich sechs Monate gebraucht“, erinnert er sich an die Anfangszeit in Amerika. Viel Zeit zum Nachdenken hatte niemand, denn es wurde nicht gearbeitet, sondern geschuftet, erinnert er sich.

Neben der Schule trugen die Schwarzschild-Jungs Zeitungen aus. „Wir waren immer adrett gekleidet. Darauf hat unsere Mutter geachtet“, so Shimon Schwarzschild. Das hieß mit weißem Hemd und Lederhosen der Arbeit nachzugehen. Ein Blickfang waren sie mit diesem für die USA untypischen Aufzug allemal, so Schwarzschild lachend.

„Meine Mutter hat sich in Amerika emanzipiert“, beschreibt Schwarzschild die familiäre Situation. Sie lernte, im Gegensatz zu seinem Vater, der in Wertheim eine Viehhandlung betrieben hatte, schnell Englisch und fand feste Arbeit in einem Damenbekleidungsgeschäft. Sein Vater hangelte sich von einem kleinen Job zum nächsten. Mal war er Lagerarbeiter, mal Hausmeister. Der Lebensweg von Shimon Schwarzschild ist spannend. Er war Radartechniker bei der US-Marine, studierte Elektrotechnik, zog Anfang der 1950er Jahre in den Korea-Krieg und wurde dann Partner in einer Firma, die für die Rüstung fertigte. „Ich wollte raus aus der Army“, sagt Schwarzschild. Sein weiterer Weg: Er zog an die Westküste, leitete Hostels in San Francisco und baute weitere in ganz Kalifornien auf.

Auch diese Aufgabe sollte nicht von Dauer sein, sondern vom Engagement für den Tier- und Umweltschutz abgelöst werden. Schwarzschild war Direktor des Wal-Zentrums in Oakland, Leiter von Umweltorganisationen und Gründer der Organisation zum Schutz von Singvögeln in Assisi. Mit 93 verfolgt er nun sein persönliches Projekt. Shimon Schwarzschild: „Ich hoffe nur, dass es fertig wird.“

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