Wertheim

Rotary-Vortrag Dr. Stephan Schlesong über Weltethos, gemeinsame Werte und eine historische Dringlichkeit

Gemeinsame Werte als Verbindung

Archivartikel

„Weltethos: Gemeinsame Werte in einer globalisierten Welt?“ – so lautete der Titel eines Vortrags, der am Donnerstagabend viele Menschen interessierte.

Bronnbach. Dr. Stephan Schlesong, Generalsekretär der „Stiftung Weltethos“ (Tübingen), referierte auf Einladung des „Rotary Clubs Wertheim“ im Bernhardsaal des Klosters Bronnbach. Dabei wurde das Gesprächsforum „Zukunft gestalten - Rotary im Gespräch“ fortgesetzt.

Michael Bannwarth, diesjähriger Präsident des Rotary Clubs Wertheim, meinte bei der Begrüßung, es gehe um Fragen, wie konstruktives Zusammenleben möglich sei, wenn global agiert werde, und wie ein Grundkonsens aussehe. Diese Fragen seien 2019 aktueller denn je. Bannwarth bezeichnete es als Ehre, solch einen namhaften Referenten hören zu können.

Stephan Schlesong stellte sich als Religionswissenschaftler und Ethiker vor. Er arbeite mit Hans Küng zusammen, habe dabei wissenschaftliche Abenteuer miterlebt.

Man lebe gerade in einer Zeit gesellschaftlicher Polarisierung und des politischen Populismus, so der Referent. Politiker spalteten statt zu versöhnen, Intoleranz und Radikalisierung gehörten zum Alltag genauso wie „me first“. Solch ein Zeitgeist sei nichts Abstraktes, präge im Großen wie im Kleinen, im Privaten wie im Öffentlichen. „Wir brauchen ein Miteinander“, betonte Schlesong. Die Idee „Weltethos“ sei ein solcher Gegenentwurf mit dem zentralen Thema ethische Werte.

Der Fachmann zitierte Ernst-Wolfgang Böckenförde mit „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann“. Diese Voraussetzungen müssten von Men-schen von sich aus als Vorleistung eingebracht werden. Benötigt werde ein verbindender Ethos, gemeinsame Werte, die von der Mehrheit geteilt würden, damit ein Zusammenleben im Staat gelingt. Küng sei aus anderer Richtung kommend zum gleichen Ergebnis gekommen: „Kein Weltfrieden ohne Religionsfrieden.“

Ein solcher Friede könne nur entstehen durch Dialog und Verständigung. Indes seien Weltbilder nicht verhandelbar. Aber man könne sich verständigen auf Werte zum Umgang miteinander und mit der Umwelt.

Seit Jahrtausenden hätten Menschen überall auf der Welt ethische Werte und Normen entwickelt, so Schlesong. Konfuzius habe die goldene Regel gefunden, was Gesellschaft zusammen halte. Es sei die Fähigkeit, sich in die Situation des anderen hinein versetzen zu können, das finde man in allen großen heiligen Schriften. Zum anderen solle der Mensch als Mensch behandelt werden.

Der Referent ging ein auf die Entwicklung des Parlamentes der Weltreligionen in der Frage des Verhältnisses von Religion und Gesellschaft sowie der globalen Bedeutung von Werten. Die großen Fragen der Weltgesellschaft seien auch ethische Fragen, eine konstruktive Lösung hänge von den Überzeugungen der Akteure ab.

Schlesong erläuterte, dass die Gründung der „Stiftung Weltethos“ auch auf Mahatma Gandhis Gedanken zu den sieben sozialen Sünden fuße: Politik ohne Prinzipien, Geschäfte ohne Moral, Wohlergehen ohne Arbeit, Bildung ohne Charakter, Wissenschaft ohne Menschlichkeit, Genießen ohne Verantwortung, Religion ohne Opfer. Die Säulen der Stiftung seien Dialog und Wertevermittlung, beides „vielschichtig und kompliziert“.

Man wolle interkulturelle Kompetenz vermitteln, so der Referent, Foren schaffen, wo solche Dialoge stattfinden könnten. Es gebe einen landesweiten runden Tisch der Religionen, dies sei auch auf kommunaler Ebene möglich. Der frühere Gedanke, Ethik koste nur, gelte nicht mehr, „Ethik ist ein Wettbewerbsvorteil“.

Schlesong akzentuierte, eine schulische Vermittlung von Werten könne nur gelingen, wenn entsprechende Grundlagen in der Familie gelegt seien. Die Stiftung begleite Wertekultur in der Schule. Der Referent erläuterte Beispiele ausführlich. Es gelte, Jugendliche an Demokratie heran zu führen hin zur Befähigung, sich mit anderen Lebenswelten auseinandersetzen zu können. Die Gesellschaft trage Probleme auch in Sportvereine. Die Stiftung helfe, hier Konzepte zu entwickeln.

Ein „Miteinander leben lernen in Vielfalt“ bringe positive Erfahrungsräume, vermittle Dialogfähigkeit. Wichtig sei, einen Standpunkt zu haben, sagte Schlesong, dazu müssten manche Menschen angeleitet werden.

Der Referent zitierte Heribert Prantl mit dessen Aussage, „Weltethos“ sei wohl ein großartiger feierlicher Name. Es gehe jedoch nicht um Erhabenes, so Prantl, es gehe um den Alltag, um Grundsätze des alltäglichen Zusammenlebens, um Grundsätze des guten Miteinanders wie Fairness, Toleranz, Respekt.

Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, so Schlesong, habe ein überzeugendes Plädoyer für gemeinsame kulturübergreifende Werte gesprochen. Dies sei laut Steinmeier allerdings eine Arbeit wie die des Sisyphos, es gebe jedoch keine Alternative. Denn die Idee des Weltethos sei von historischer Dringlichkeit.

Alle großen gesellschaftlichen Fragestellungen seien Fragen mit ethischer Dimension, fasste der Re-ferent zusammen, zugleich Fragen, deren Umsetzung Jahrzehnte dauere. Der Stiftung sei klar, es gehe nicht nur um ethische Reflexion, sondern man müsse auf gesellschaftliche Wirkung und Veränderung drängen.

Nach einer knappen Stunde inhaltsreichem Vortrag applaudierten die Zuhörer stark und lange. Dr. Jörg Paczkowski moderierte die anschließende Fragerunde. Bannwarth verwies abschließend auf mögliche Spenden für die „Stiftung Weltethos“.

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