Wertheim

Geschichte Eigenwilliger Hofrat verhinderte die Berufung eines gebürtigen Wertheimers, der später in der Oberpfalz ein reiches Schaffen entwickelte

Fast wäre Stolzenberg Kantor geworden

Das Hin und Her zwischen den Regenten sowie das ungeschickte Verhalten des Hofrats Sürsen sorgte dafür, dass der gebürtige Wertheimer Christoph Stolzenberg an anderem Ort Karriere machte.

Wertheim. Im Wertheimer Jahrbuch 1936 hat Richard Treiber mit seinem Aufsatz über „Kantor Johann Wendelin Glaser (1713 bis 1783) und die Wertheimer Kirchenmusik im 18. Jahrhundert“ einen Abriss über den damaligen Werdegang des Kantorats vorgelegt. Neuerliche Archivalienfunde machen es immer wieder möglich, einzelne Vorgänge und Entwicklungen genauer in den Blick zu bekommen. Dies gilt in unserem Fall besonders der Frage der Neubesetzung des Kantorats nach dem Weggang von Johann Marcus Fliedner 1710.

Fliedner, 1702 ins Amt gekommen, hatte die in ihn gesetzten Erwartungen nicht erfüllt. 1707 war ihm der Kontrakt für das Orgelspiel rückgängig gemacht worden; er solle „das Orgelschlagen erst besser lernen“, hieß es zur Begründung.

Ein noch vernichtenderes Urteil enthält ein Brief des mitregierenden Grafen Ludwig Moritz von Löwensteim-Wertheim-Virneburg an seinen katholischen Vetter Graf Maximilian Carl vom 12. August 1710, in dem er schreibt: „Nun haben wir bißhero einen solchen Cantorem gehabt, durch welchen die Music völlig in Abgang gekommen“. Fliedner hatte sich offenbar wohlweißlich wegbeworben und war nach Worms gezogen.

Zwist zwischen Herrscherlinien

Nun begann erneut das Spiel um die Neubesetzung. Wie fast immer gab es Widerstreit zwischen den beiden konfessionsverschiedenen, in Gemeinschaft regierenden Linien Löwenstein, in dieser Zeit noch besonders dadurch erschwert, dass Graf Maximilian als kaiserlicher Administrator über Kurbayern in München residierte. Vor Ort führte die Geschäfte in seinem Auftrag Hofrat Johann Heinrich Sürsen, ein eigenwilliger Charakter.

Aus dem zitierten Brief vom 12. August 1710 geht hervor, dass die katholische Linie den 1690 in Wertheim geborenen Bewerber Christoph Stolzenberg, der in Nürnberg weilte, als Nachfolger sehen wollte, die evangelischen Grafenvettern Ludwig Moritz und Heinrich Friedrich sich hingegen für den Remlinger Kantor Gottfried Keil aussprachen.

Hauptbeweggrund war in diesem Fall zweifellos das verheerende Brandunglück, das am 6. Mai 1710 das Dorf Remlingen fast vollständig zerstört und dabei auch Kantor Keil getroffen hatte.

Hier handelte es sich sozusagen um einen Sozialfall. Die evangelischen Grafen waren indes auch überzeugt, dass Keil „gewiß in der Music wohl erfahren, auch in der Information der Jugendt sich also geriret, daß keine Klagen gegen ihn zu hören“.

Nun hatte man Keil empfohlen, unmittelbar bei Hofrat Sürsen vorstellig zu werden. Dieser war mittlerweile angesichts der gegenläufigen Positionen gewillt, wenn schon nicht Stolzenberg, dann einen Dritten zur Bewerbung auszusuchen. In dieser Situation kam ihm Keil als Besucher und Bittsteller höchst ungelegen.

Übelst beleidigt

Wie er ihn in übelster Weise behandelte, geht aus dem Beschwerdebrief von Graf Ludwig Moritz hervor. Danach hat er Keil mit „garstigen Schändworten also abgefertiget, daß, wann der Remblinger Cantor nicht in Zeiten sich aus dem Staub gemacht, er solchen wohl gar die Stiegen hinunter geworfen, wohl wißend, daß er von ihme alß einem verbranden Mann dasjenige nicht haben könnte, was er vieleicht schon vom Stoltzenberger hat oder doch gewiß bekommen würde“.

Sürsen hatte seine Kompetenzen überschritten. Es war nicht das erste Mal, dass sein Dienstherr, Graf Maximilian Carl, ihm derartige Eigenmächtigkeiten, ja Eigennützigkeiten nachdrücklich untersagen musste. Die Chance, den Favoriten Christoph Stolzenberg oder auch einen Dritten als Wertheimer Kantor durchzubringen, war damit aber vertan.

Der evangelischen Linie zuliebe musste man jetzt in die Berufung Keils einwilligen. Dass der gebürtige Wertheimer Stolzenberg nicht zum Zug kam, geht eindeutig auf Hofrat Sürsens Konto.

Christoph Stolzenberg bewarb sich im folgenden Jahr 1711 erfolgreich als Kantor in der pfälzischen Residenz Sulzbach in der Oberpfalz. Von dort wechselte er 1714 als Kantor und Kirchenmusikdirektor nach Regensburg, wo er bis zu seinem Tod am 11. Juni 1764 ein reiches musikalisches Schaffen entfaltete und ein Werk hinterließ, das ihn bis heute berühmt macht.

Vom Wertheimer Kantor Gottfried Keil ist nichts Nennenswertes zu berichten.

#Er muss recht jung gewesen sein, denn seine Frau Anna Elisabetha, die Ende September 1714 hier starb, war erst 27 Jahre alt. Musikalisch kam man mit ihm auf keinen grünen Zweig. Schon 1717 bat Keil um seine Entlassung.

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