Wertheim

30 Jahre Mauerfall Die Dresdner Sylke und Tino Fischer sind heute echte Kembacher – Mauerfall und Familie Ott aus Bestenheid sorgten dafür

Eine unaufgeregte Ost-West-Geschichte

Das Schicksal der beiden Dresdener Sylke und Tino Fischer gleicht dem vieler Ostdeutscher und ist doch einzigartig. Es nahm auf ihrer Hochzeitsreise nach Budapest die entscheidende Wendung.

Kembach/bestenheid. „Oh Tino, du siehst noch genauso aus wie damals. Nur deine Haarfarbe ist heute heller“, Erika Ott, Sylke und Tino Fischer lachen herzlich. Gerade eben hat Tino seinen Personalausweis rausgeholt, ausgestellt Anfang der 80-er Jahre in Dresden.

Die Drei sitzen an diesem Dienstagnachmittag bei den Fischers in der Küche und schwelgen in Erinnerungen. Auf dem Tisch steht neben dem dampfenden Kaffee auch eine Kiste mit Fotos. Die sind recht klein und irgendwie leicht braun – so wie es eben Farbfotos an sich haben, die vor über 30 Jahren entstanden sind.

Auf den Bildern sind Sylke und Tino Fischer zu sehen, wie sie vor einem Hotel am Tisch sitzen. Ein weiteres Foto ist eindeutig aus einem der höheren Stockwerke aufgenommen und zeigt einen Reisebus. Nur mit sehr viel „Gutwill“ könnte man den Namen Ott-Reisen auf dem Bus entziffern.

Die Fotos sind im September 1987 in Budapest entstanden – auf der Hochzeitsreise der Fischers. Die beiden waren mit einer Reisegruppe aus der damaligen DDR in einem Hotel auf dem Messegelände untergebracht.

Der erste Kontakt

Als eine Reisegruppe aus Westdeutschland ins Hotel einzog, mussten die Fischers und alle anderen „DDR-ler“ ihre Mahlzeiten in einem anderen Hotel einnehmen. Denn die Versorgung der Bundesbürger unterschied sich deutlich von denen der DDR-Bürger.

Doch es kam, was kommen musste, eines Abends saßen die beiden Reisegruppen vor dem Hotel. Fischers hielten sich jedoch bewusst etwas abseits.

Genau dieses Verhalten rief die Bestenheiderin Erika Ott auf den Plan. „Ich hatte gehört, dass die jungen Leute aus der DDR waren und angeblich anders behandelt wurden als wir. Weil ich neugierig bin, bin ich zu den jungen Leuten hin, die etwas abseits saßen, und habe gefragt“, erinnert sie sich. „Nu, das mit dem Essen war auch so“, bestätigt Tino Fischer im immer noch deutlich hörbaren Sächsisch. „Ganz ehrlich? Die haben mir so leidgetan. Aber ich konnte ja nichts machen“, Erika Ott zuckt entschuldigend mit den Schultern.

In einer unbeobachteten Minute wurden Adressen getauscht. Noch schnell drückte Erika der jungen Sylke ihre restlichen Forint in die Hand. „Wir dachten – okay, das war’s dann. Da wird man nie wieder etwas hören“, erzählt Tino.

Das erste Päckchen

„Als wir von der Reise nach Hause kamen, war unser allererstes Westpäckchen da“, sagt Sylke Fischer. Jetzt müssen beide lachen. Denn im Päckchen war unter anderem eine frische Ananas. „Wir mussten erst mal gucken, wie man überhaupt an das Fruchtfleisch kommt“, die beiden grinsen, während sie davon erzählen.

Der Kontakt zwischen Erika Ott aus Wertheim und den Fischers in Dresden war hergestellt. Liebe Briefe gingen über die Grenze hin und her, in denen die Schreiber vom ihrem Alltag berichteten oder von schönen Ereignissen, wie der Geburt der beiden Fischer-Kinder.

Und dann kam das Jahr 1989. Auf beiden Seiten der Grenze verfolgten die Fischers in Dresden und die Otts in Wertheim die Ereignisse im Fernsehen. Schabowskis berühmte Pressekonferenz am 9. November verpassten die Dresdner jedoch. „Wir haben zu der Zeit unsere kleinen Kinder ins Bett gebracht“, erinnert sich Sylke Fischer.

Auch wenn sie in Dresden kein „Westfernsehen“ empfangen konnten, durch die enorme Mund-zu-Mund-Propaganda waren Fischers über die Montagsdemos in Leipzig und auch am Dresdener Hauptbahnhof immer im Bilde. Und als die Bilder von der Prager Botschaft, Hans-Dietrich Genschers kurze Ansprache, „Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise....“ rund um die Welt gingen, wussten Sylke und Tino Fischer genau: „Hier ist etwas Großes im Gang.“

Während Fischers fast ungläubig die Nachrichten verfolgten, längere Zeit noch skeptisch blieben, saßen 420 Kilometer entfernt Erika und Manfred Ott vor dem Fernseher, sahen Genscher, die Züge voller Auswanderer, die durch Dresden fahren mussten und dann die Pressekonferenz, auf der Günter Schabowski die neue Regelung für Reisen ins westliche Ausland für DDR-Bürger verkündete, die seines Wissens „sofort, unverzüglich“ in Kraft trat. „Ich habe gedacht: Was für ein Glück, jetzt können Tino und Sylke kommen“, sagt Erika Ott und tätschelt dabei Tinos Arm. Ergriffenheit macht sich plötzlich am Kaffeetisch breit.

Doch Tino Fischer lockert die Situation auf, indem er vom Geldtausch in Münchberg im Dezember 1989 erzählt. Mit einem voll besetzten Barkas B 1000 (Kleintransporter) fuhr man über die Grenze bei Hof. Eine Müller-Milch war das Erste, was sich Tino von den 100 D-Mark Begrüßungsgeld kaufte. „Man, war die lecker“, lacht er. Ob es Erdbeere oder Banane war, weiß er nicht mehr.

Ostern 1990 war es dann soweit. „Das war so schön, als die beiden vor der Tür standen“, die Bilder und Emotionen haben sich bei der heute 80-jährigen Bestenheiderin eingebrannt. Natürlich zeigten die Otts den Fischers Wertheim, die Burg, die Flüsse, die Firmen. „Wir sind mit eurem Opel rumgefahren, der roch noch ganz neu“, erinnert sich Tino Fischer. Erika Ott guckt ihn über ihre Brille hinweg an „Ein Opel? Da musst du dich irren“, die beiden lachen. Fischers erster Eindruck von Wertheim: „Ich glaube, die Wiesen sind hier wirklich grüner“, habe Tino damals gesagt. Erstaunt waren die Dresdener darüber, dass es auch „im Westen“ Schmuddelecken gab. „Das hatten wir so nicht erwartet“, gibt Sylke Fischer rückblickend zu.

Dabei blättert sie in ihren alten DDR-Personalausweisen. Dicke, große Stempel sind darin zu sehen: 24.11. 1998, Grenzübergang Glienicker Brücke, 18.12.1989, Grenzübergang Sonnenallee – ist da zu lesen.

Neun Monate später trat Tino Fischer seinen Job bei Alfi in Wertheim an. Seine Heimat für die nächsten drei Jahre war ein Dachgeschosszimmer in einem Mietshaus in Bestenheid. Nur zwei Treppen runter gab es für ihn Familienanschluss bei den Otts. „Mein drittes Kind – bis heute“, sagt Erika und schaut Tino in die Augen. Die herzliche Bindung der Beiden ist fast greifbar.

Neue Heimat

1995 hatte das Pendeln zwischen Dresden und Wertheim für Tino endlich ein Ende – Sylke Fischer zog mit den beiden Kindern nach Wertheim. Heute haben die ehemaligen Großstädter in Kembach eine neue Heimat gefunden, haben ein Häuschen hergerichtet, ihre Kinder groß gezogen, sind inzwischen stolze Großeltern. Den Schritt, von Dresden nach Wertheim zu ziehen, haben die beiden nie bereut.

Nur mit den Vorurteilen mancher „Wessis“ mussten die „Ossis“ aufräumen. „Dass wir nicht arbeiten können, haben wir aber ganz schnell geklärt“, sagt Tino.

Sylke Fischer ist heute DGB-Vorsitzende im Main-Tauber-Kreis, ihr Mann engagiert sich im Ortschaftsrat. Die beiden sind angekommen.

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