Wertheim

Kleinkunst Kabarettist Michael Altinger eröffnete am Samstagabend die Reihe des „Jahrhundertsommers“ auf der Wertheimer Burg

Ein rundum gelungener Auftakt

Das Experiment Kleinkunst auf der Burg Wertheim kann nach dem Auftritt des Kabarettisten Michael Altinger als durchweg gelungen bezeichnet werden.

Wertheim. Die Corona-Pandemie hat nicht nur schwere Infektionen auf der ganzen Welt ausgelöst und für Isolation gesorgt, sondern die alle Menschen urplötzlich und unmittelbar spüren lassen, was der Gesellschaft verloren geht, wenn keine Künstler mehr auf der Bühne vor Publikum auftreten können.

Fast drei Monate war Michael Altinger eine „Rampensau mit Auftrittsverbot“, wie er selbst sagt. Der auch aus dem Fernsehen („Schlachthof“ im Bayrischen Rundfunk) bekannte Kabarettist hatte seinen ersten Auftritt nach dem Corona-Lockdown ausgerechnet auf der Wertheimer Burg.

Eigentlich wäre er ja im Gewölbekeller von Convenartis zu sehen gewesen, doch Veranstaltungen mit 100 Personen sind noch immer nicht im Innenbereich erlaubt. Dank des Entgegenkommens der Stadt Wertheim konnte sein Auftritt auf die Burg verlegt werden. Im Innenhof sind die 100 Besucher einer Veranstaltung inzwischen wieder möglich.

Und so pilgerten viele Kulturbegeisterte den Berg hinauf, um Kabarett in seiner besten Form zu erleben. „Der Wahnsinn, ich bin das erste Mal in Wertheim und fast ausverkauft“, sagte der Künstler, als er in sein Publikum schaute. Das saß allerdings locker verteilt in dem großen Innenhof der Burg. Wo sich sonst wesentlich mehr Gäste tummeln können, waren es jetzt knapp 80 zahlende Besucher. Die Stuhlreihen waren so aufgestellt, dass immer genügend Sicherheitsabstand eingehalten wurde; zwei Stühle besetzt und dazwischen drei Stühle frei. Das funktionierte perfekt, auch weil sich die Besucher diszipliniert verhielten.

Mit anderen lachen

„Egal wie, Hauptsache wir kommen mal wieder raus und können gemeinsam mit Anderen lachen“, sagte eine Besucherin voller Begeisterung darüber, dass jetzt endlich wieder Kulturveranstaltungen stattfinden dürfen. Und ihre Nachbarin fügte hinzu, dass „so ein Live-Erlebnis viel besser ist, als dieses Sitzen vorm PC“. Sie erkannte allerdings auch die Bemühungen der Künstler an, die mit ihrem Publikum während des Lockdowns über Youtube oder Facebook Kontakt hielten. Doch an ein echtes Auftreten auf der Bühne kommt so eine Übertragung nicht heran, da waren sich alle Besucher am Abend sicher.

Auch Michael Altinger merkte man an, dass er den direkten Kontakt zum Publikum braucht. Erst durch die Interaktion kann er seine wahre Klasse zeigen. Zwar gab es einen roten Faden in seinem Programm – „Schlaglicht“ ist immerhin der mittlere Teil einer Trilogie von seinen Bühnenprogramme – aber die Spontanität kam auf keinen Fall zu kurz. Dabei steigerte er sich teilweise so in die Situation hinein, dass er vergaß, wo er eigentlich im Programmablauf war.

Altinger erhielt 2017 den Bayerischen Kabarettpreis und wer ihn live auf der Bühne erlebt hat, wusste auch, dass diese Auszeichnung verdient war. Trotz seiner Heimat Oberbayern konnte man seine Aussprache und seinen Humor auch im Wertheim gut verstehen. Da konnte ihn auch das Glockenläuten der Stiftskirche nicht aus der Ruhe bringen, die rund zehn Minuten die Glocken erklingen ließ, wie eigentlich jeden Samstag. So etwas kennt der Oberbayer nicht und baute es sofort in sein Programm mit ein. Und sein „junges Publikum, das ihn seit vielen tausend Jahren begleitet“, klatschte begeistert über den Einfallsreichtum des Kabarettisten.

Das „Grill-Evangelium“

Seine Einlassungen zum Thema „Grill-Evangelium am Weihnachtsabend“ oder „Wishmobbing“ schauten dem Volk direkt aufs Maul. Dazu seine unvermeidlichen Ausflüge in die Welt der Musik: „Manchmal ist es wichtig, dass man eine Wahnsinns Gaudi macht“ oder „Da steht ein Lama in der Echokamma“ sorgten für spontanes Mitklatschen. Musikalisch begleitet wurde Michael Altinger wie immer von Martin Julius Faber. Obwohl stets im Hintergrund, gab Faber dem Abend eine besondere Würze.

Mit feinem Gespür für das Publikum zeigte Altinger Dinge des Lebens auf, die dem normalen Menschen so niemals ins Gesicht springen würden. Seine Bemühungen um Nachhaltigkeit, beispielsweise beim Recycling eines alten Laptops als Goldhamsterhütte oder dem Fleischkonsum nur von Tieren, die richtig bösartig waren und damit den Tod verdient haben, ließen viel Tiefsinn erkennen. Kartoffelsalat sei systemrelevant, lernten die Besucher und dass man aus Lämmern und Brandmeldern keine Batterien entfernen kann.

„Das heute Abend war ein guter Start in eine hoffentlich gute Saison“, sagte Altinger zum Schluss seines Bühnenprogramms. Ihm war deutlich anzumerken, und man merkte ihm an, dass er viel Spaß daran hatte, die Leute zu unterhalten.

Die hatten ihre Eintrittskarten fast ausschließlich im Vorverkauf erworben. Die Abendkasse, wie sonst bei Veranstaltungen von Convenartis üblich, wurde fast nicht genutzt. Auch das scheint eine Auswirkung von Corona zu sein, mutmaßten die Veranstalter. Die Menschen entscheiden sich bewusst und im Vorfeld für eine Veranstaltung. Spontan geht fast gar nichts mehr, waren sich die Mitglieder des Kulturkellers Convenartis einig.

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