Wertheim

Prozess Drei Jahre Haft wegen gefährlicher Körperverletzung

Ehemann würgt seine Frau

Archivartikel

Wertheim.Gegen den Mann, der im vergangenen Jahr in der gemeinsamen Wohnung in Wertheim seine Ehefrau gewürgt hatte, verhängte nun das Amtsgericht Wertheim wegen gefährlicher Körperverletzung eine Haftstrafe von drei Jahren. Das Urteil stellt einen Paukenschlag dar, weil die Richterin beim Strafmaß bis an die Grenze des Machbaren ging.

Der Angeklagte ist 28 und seine Frau 20 Jahre alt, beide stammen aus Afghanistan. Im Alter von elf Jahren wurde die Frau, nach eigenen Angaben ohne ihr Wissen, mit dem Beschuldigten verlobt. Ihr Vater bekam dafür ein „Entgelt“. Zu einem späteren Zeitpunkt erfolgte die Heirat nach islamischen Recht.

Beim ersten Verhandlungstermin vor zwei Wochen (wir berichteten) erklärte die Frau als Zeugin und Nebenklägerin, dass sie den Mann weder geliebt noch gemocht habe. Er habe sie oft geschlagen und Geschlechtsverkehr erzwungen. 2016 seien sie über den Iran und die Türkei nach Deutschland gekommen. Die Frau erklärte, dass sie erst hier erfahren habe, dass eine Frau sich solche Art der Behandlung nicht gefallen lassen muss. In der Tatnacht habe sie Geschlechtsverkehr abgelehnt und geäußert, sie werde ihn verlassen, wenn er sie zwinge. Sie schlief mit dem gemeinsamen Kind auf einer Matratze im Wohnzimmer, der Mann im Ehebett. Ohne dass sie aufwachte, habe er das Kind ins Schlafzimmer gebracht und sie dann mit dem Ausruf „Stirb!“ gewürgt. Dabei habe er blaue Einmal-Handschuhe getragen. Laut ihren Angaben habe sie sich gewehrt. Auf ihre spätere Frage, warum er sie töten wolle, habe ihr Mann geantwortet: „Bei einer Trennung verliere ich meine Würde“. Sie habe schwören müssen, dass sie den Vorfall verschweigt und bei ihm bleibt. Danach erst habe er losgelassen. Die Würgeaktion habe mehrere Minuten gedauert. Am Morgen nach der Tat habe sie sich telefonisch ihrer Mutter anvertraut und diese habe dann die Flüchtlingshilfe verständigt. Als der Mann zur Arbeit gegangen war, sei die Betreuerin in die Wohnung gekommen. Tags darauf folgten die Anzeige bei der Polizei und eine Begutachtung der Würgemale im Krankenhaus. Die Betreuerin sorgte dafür, dass die Frau und ihr Kind sicher in einem Frauenhaus untergebracht wurden. Aus Einsamkeit zog die Geschädigte dort weg und zu ihrer Mutter. Schließlich folgte die Rückkehr in die eheliche Wohnung. Die Situation sei „schlimmer als zuvor“ geworden, erklärte sie vor Gericht. Wieder zog sie zu ihrer Mutter.

Der Angeklagte räumte in der Verhandlung das Würgen ein, habe aber angeblich keine Handschuhe getragen. Die Betreuerin erklärte, sie habe sich um die Familie seit der Ankunft in Wertheim gekümmert. Die Frau sei ihr „sehr schüchtern“ vorgekommen aber mit dem Wunsch nach sozialen Kontakten. Dem Mann verschaffte die Betreuerin den Arbeitsplatz und erlebte ihn allgemein als zuverlässig. Seine Gewalt habe sie „total überrascht“.

Der Angeklagte sei planvoll und mit erheblicher krimineller Energie vorgegangen, habe dann aber den Tötungsversuch abgebrochen. Die gefährliche Körperverletzung habe jedoch fast zur Bewusstlosigkeit bei der Frau geführt, so der Staatsanwalt. Die belastenden Merkmale der Tat wertete er jedoch schwerwiegender als die positive Sozialprognose. Deshalb forderte er in seinem Plädoyer eine Haftstrafe von zwei Jahren ohne Bewährung. Die Anwältin der Ehefrau schloss sich der Forderung an.

Dem Verteidiger kam in der Verhandlung bis dahin zu kurz, dass sein Mandant durch sein soziales Umfeld geprägt sei und Gewalt als angewandtem Mittel durchaus gängig sei. Der Anwalt sah in der Tat einen „einmaligem Gewaltexzess“ und nur einfache Körperverletzung. Den Angeklagten nannte er sozial integriert. Er forderte deshalb eine Strafe, die zur Bewährung ausgesetzt wird.

Die Richterin ging beim Verhängen des Strafmaßes bis an die Grenze dessen, was sie allein und ohne den Einsatz von Schöffen verhängen kann. In ihrer Begründung des Urteils sagte sie, dass die Todesdrohung über Stunden hinweg gegenüber den ehelichen Vergewaltigungen eine deutliche Steigerung darstelle. Dass der Verteidiger mit einem Verweis auf das zerrissene T-Shirt des Mannes unterschwellig eine Mitschuld der Frau andeutete, tadelte sie. „Darf man sich nicht wehren, wenn man angegriffen wird?“ Der soziale Hintergrund finde laut Richterin Berücksichtigung, beispielsweise beim Tragen einer Burka in der Öffentlichkeit, nicht aber beim Würgen. Würgen und Umbringen seien auch in Afghanistan strafbar, betonte sie. Mit der verhängten Haftstrafe von drei Jahren ging sie noch über die Forderung der Staatsanwaltschaft. goe

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