Wertheim

Historie Das Haus in der Maingasse 12 erlebt eine wechselvolle Geschichte / Viele Tuchmacher, ein Centgraf und Sattler lebten hier

Das „Drittelhaus“ der Wollweber

Archivartikel

Das Handwerkszeichen auf dem Hausstein in der Maingasse 12 ist entschlüsselt. Die Tuchmacher, auch als Wollweber bezeichnet, bildeten zu ihrer Zeit die steuerkräftigste Zunft in Wertheim.

Wertheim. Der Volkskundler Karl Friedrich Azzola hat im „Wertheimer Jahrbuch“ 1996 das ungelöste Handwerkszeichen auf dem Hausstein von 1589 am Haus Maingasse 12 enträtselt. Es stellt die bei den Tuchscherern und Tuchmachern zum Aufrauen der Tuche verwendete Distelkarde dar. Sie bestand aus einem hölzernen mit Handgriff versehenen Kreuz, auf dem Kardendisteln befestigt wurden. Die von Azzola beigesteuerten zahlreichen Abbildungen machen die einstige Vorgehensweise bei der Bearbeitung der Tuche deutlich.

Die Tuchmacher, auch als Wollweber bezeichnet, bildeten zu ihrer Zeit die steuerkräftigste Zunft in Wertheim. Der bekannteste unter ihnen, der 1591 gestorbene Peter Heußlein, hat sich mit einem anderen Handwerkszeichen, der Tuchschererklammer, an seinen Häusern Münzgasse 2 und Marktplatz 12 verewigt. Welcher Zunftgenosse aber hat das mit der Distelkarde gekennzeichnete Haus Maingasse 12 errichten lassen?

Eine selten glückliche Quellenlage bringt bei der Erforschung der Hausgeschichte bis in das späte 16. Jahrhundert jetzt die Lösung.

Das 1589 angelegte gräfliche Zinsbuch 54 im Staatsarchiv bezeichnet den Wollweber Hans Schieferer als Besitzer dieses Hauses, das hier lediglich als Drittelhaus bezeichnet ist. Dazu muss man wissen, dass es von Alters her einen Verbund mit dem Nachbarhaus Maingasse 10 gab, das die ergänzenden zwei Drittel bildete.

Sogar über den von Schieferer bewerkstelligten Neubau des Hauses liegen Nachrichten vor. Das als Auskunft über Nachbarschaftsstreitigkeiten zuständige Landschiedbuch II enthält entsprechende Vereinbarungen, die am 22. Juni 1589 gerichtlich getroffen wurden. Danach hatte Schieferer im Fundament die alte Flucht beizubehalten, durfte aber für die Obergeschosse einen Übersatz von anderthalb Werkschuhen herausbauen. Des Weiteren wurden genaue Abmachungen mit dem unmittelbar betroffenen Nachbarn von Maingasse 10, Michael Memmel, festgelegt.

Hans Schieferer war wohl bereits seit 1587 hier ansässig. Dass er erst 1591 ins Bürgerbuch eingetragen wurde, hängt mit den wechselvollen Regierungsverhältnissen jener Jahre zusammen, die treffend als „Interregnum“ bezeichnet worden sind. So befand sich unter den nachträglich am 8. Oktober 1591 verpflichteten 118 Neubürgern auch „Hanß Schifferer v. Moßbach“. Als Beruf ist „Knapp“ angegeben. Unterlagen jener Zeit bezeichnen Tuchmacher häufig als Tuchknappen.

Schieferer, der als verheiratet aus dem damals kurpfälzischen Mosbach kam, hat hier noch zwei Kinder taufen lassen. Zu den früher Geborenen gehörten zwei Söhne, Hans und Albert. Hans hatte sich 1605 verehelicht, Albert am 6. Mai 1610. Kurz darauf kam es zu einer gerichtlichen Auseinandersetzung mit der verwitweten Nachbarin Sibylla Memmel.

Der Streit hatte begonnen, weil nach einem Hochwasser das angeordnete Ausschöpfen der Keller von den Töchtern Memmel nicht befolgt worden war. Tuchmacher Schieferer hatte das beim Schultheißen gerügt. Daraus entwickelten sich Beleidigungen, worauf die Schieferer-Söhne Hans und Albert sogar gegen die Töchter Memmel handgreiflich wurden. Um den wahren Sachverhalt zu klären, bot man zahlreiche Zeugen auf. Leider ist der Aktenvorgang unvollständig, so dass der Ausgang des Prozesses offen bleibt.

Des Wollwebers Frau Sophia starb 1624, Hans Schieferer selbst im Jahr 1627. Haus Maingasse 12 ging auf den Sohn Albert Schieferer über. Dessen Beruf ist unklar, doch öffnete sich ihm eine Karriereleiter. In den 1630er Jahren erscheint er als Centgraf. Es ist unklar, ob er das Wertheimer oder das Kreuzwertheimer Centgericht, das zu dieser Zeit tagte, leitete. 1639 wird er zudem gräflicher Oberschultheiß zu Dertingen. Ostern 1643 ist er gestorben.

Mit ihm sind die Schieferer im Mannesstamm hier erloschen. Über Tochternachkommen in der ratsfähigen Familie Rieß, die sich später dem Sattlerberuf zuwandte, vererbte sich das Haus über vier Generationen. Erst 1740 veräußerte es Johann Peter Rieß an den Tuchmacher Johann Michael Schubert, der es 1758 seinem Schwiegersohn, dem Krämer Johann Christoph Langguth überließ. Fast fünfzig Jahre war dieser und seit 1791 seine Witwe im Besitz des Hauses. Mit Schiffer Johann Wilhelm Kreß begannen 1805 rasche Wechsel; ihm folgte 1810 Zinngießer Philipp Friedrich Schärtlein, 1817 Kammacher Johann Christoph Adelmann.

Von dessen Witwe ging 1834 Maingasse 12 in jüdische Hände über. Der Schneider und Kleiderhändler Leopold Wolf Schwerin besaß das Haus bis zu seinem Tod 1887. Hier wurde am 9. Juni 1860 Sohn Jakob Schwerin geboren, der spätere jüdische Religionslehrer in Buchen und Vater von Ludwig Schwerin (1897-1983), Israels bedeutendstem Maler, dessen Wurzeln somit nach Wertheims Maingasse 12 zurückreichen.

Spengler Abraham Strauß, aus Külsheim stammend und mit Babette, geborene Freimark aus Homburg verheiratet, übernahm 1893 das Haus. Unter seinen zahlreichen Kindern, von denen Buchbinder Isaak Strauß 1902 Maingasse 3 kaufte, erbte Modistin Ida Strauß 1907 die Liegenschaft.

Sie hat das Haus 1920 an Steinmetz Melchior Hartmann (I) veräußert, dessen Witwe es 1949 Sohn Melchior Hartmann (II) übergab. Beide „Hartmänner“ stehen als Dirigenten ihrer bei dem Zuzug aus Faulbach mitgebrachten Trachtenkapelle noch in lebhafter Erinnerung. Als 1960 Melchior (II) nach Kißlegg im Allgäu zog, ging das „Hartmannshäusle“ in den Besitz der Eheleute Schreiner Johann Georg Mayer in der Neugasse über.

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