Wertheim

Jubeltag 95. Geburtstag eines waschechten Wertheimers / Im Krieg als Funker gedient / Dokumentation über Kriegsereignisse erstellt

Albrecht Englert steckt Leidenschaft in die Versöhnung

Archivartikel

Wertheim.Dokumente und Bücher sind sorgfältig auf dem Esszimmertisch gestapelt. Die Worte sprudeln nur so aus seinem Mund heraus. Albrecht Englert erzählt. Und er hat viel zu sagen.

Am Sonntag feierte er seinen 95. Geburtstag. Kaum zu glauben, wie exakt er seine Erinnerungen und Gedanken noch formulieren kann. Vieles hat er schriftlich festgehalten. Der Großteil seiner Akten liegt mittlerweile im Staatsarchiv Bronnbach. Nach seinem Ableben soll das Material frei zugänglich sein. So hat er es bestimmt.

Albrecht Englert kommt am 1. September 1924 zur Welt, wächst in der Hämmelsgasse auf. Sein einzig noch lebender Klassenkamerad wohnt in den Vereinigten Staaten: Ralph Brunn, der mit seiner jüdischen Familie in der Nazi-Zeit die Heimat verlassen musste.

Englert wohnt noch heute mit seiner Frau Albertine im Elternhaus. Nach der Volksschule geht er aufs Gymnasium, wechselt in die höhere Handelsschule, absolviert anschließend eine Ausbildung bei der Sparkasse und besucht die Bankfachschule. 1942 wird er zur Wehrmacht eingezogen.

In Schwabach absolviert er eine Ausbildung zum Fernsprecher und Fernschreiber. Aufgrund seiner guten Leistungen öffnet ihm der Kompaniechef eine Offizierskarriere in der Infanterie. Er will aber nicht. Mit allen Mitteln wehrt er sich dagegen und hat schließlich Erfolg.

Kriegseinsatz

Der Kriegseinsatz beginnt für ihn in Südfrankreich bei der 19. Armee. Hier lernt er das Funkerhandwerk und wird zum Morsefunker ausgebildet.

Das Soldatenleben in Frankreich ist zunächst eher geruhsam. Doch dann treiben die alliierten Truppen die deutschen Einheiten Richtung Rhein. Der Rückzug erfolgt über das Rhonetal. Hier kommt es zu schweren Kämpfen mit hohen Verlusten. Englert wird zwei mal verschüttet.

Weil er das Morsen so gut beherrscht – 140 Buschstaben pro Minute kann er verarbeiten –, erledigt er mittlerweile die Kommunikation für höchste militärische Stellen: die Oberbefehlshaber der Wehrmachtsgruppen und das Führerhauptquartier. Sprechfunk gab es zur damaligen Zeit nicht. Über das Elsass, das Allgäu verschlägt es seine Trupp nach Tirol. Hier endet der Krieg für ihn.

Was in seiner Heimatstadt passiert, bekommt er über Funk mit. „Dieser Finger hat alle Brücken von Frankfurt bis Ochsenfurt gesprengt“, sagt Englert und schaut auf seinen Zeigefinger.

Zerstörungsbefehl

Er meint das natürlich symbolisch, denn mit dem Finger morste er den Zerstörungsbefehl der Heeresleitung an die Einheiten vor Ort. Die Order war versehentlich bei ihm ankommen. Er musste sie an die korrekten Stellen weiterleiten: „Ich konnte es nicht unter den Tisch fallen lassen. Die hätten mich aufgehängt.“

Risiken geht er allerdings ein, als er zwei Offizieren das Leben rettet, die wegen defätistischer Äußerungen hingerichtet werden sollen. Den Erschießungsbefehl gibt er mit solch hohem Takt durch, dass die Gegenstelle ihn nicht entschlüsseln konnten, erzählt er.

Relativ rasch kommt er nach Kriegsende in seine Geburtsstadt zurück. Mit einer Finte besorgt er sich Entlassungspapiere. Es geht mit dem Kohlezug nach Würzburg – im Schlepptau einen Kameraden aus Ostpreußen, der nicht weiß, wohin er sonst hätte gehen sollen.

Glaserei übernommen

Nach einem Zwischenspiel als Erntehelfer auf dem Wagenbucher Hof steigt er bei seinem Vater, einem Glasermeister, in die Firma ein und baut eine Vertriebsabteilung auf, die spezielles Glas in Süddeutschland an renommierte Kunden verkaufte. Weil er keinen Nachfolger hat, verpachtet er den Betrieb 1987.

Jetzt macht er das als Kriegshandwerk gelernte Funken zum Hobby. Nach bestandener Lizenzprüfung, die er zusammen mit seiner Frau absolvierte, ist er mit dem Rufzeichen DL1SX unterwegs und kommuniziert mit Leuten aus aller Welt.

Viel Engagement steckt Englert auch in die Dokumentation der Kriegsereignisse rund um die 19. Armee. Tausende Blatt Papier hat er gesammelt, Schriften veröffentlicht, mit Zeitzeugen korrespondiert.

Er hat die Zerstörung Nassigs im Krieg erforscht und dokumentiert. Er setzte sich für die deutsch-amerikanische Freundschaft ein, hält Kontakt zur Tochter des US-Soldaten Forrest E. Peden, nach dem die Kaserne auf dem Reinhardshof benannt war.

Für seine Verdienste erhielt er vor zehn Jahren die bronzene Medaille der Stadt Wertheim.

Der Jubilar ist seit 1940 Mitglied der Rudergesellschaft. Auch bei den Wertheimer Schützen ist er aktiv – seit 1957.

Die Fränkischen Nachrichten reihen sich den Reigen der zahlreichen Glückwünsche ein, wenn auch auf Wunsch nachträglich. Der Jubilar wollte den geplanten Ablauf der Feierlichkeiten am Sonntag nicht wegen einer Veröffentlichung durcheinanderkommen lassen.

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