Werbach

Enge Straßenverhältnisse Verbreiterung der Straße am Ortsausgang von Wenkheim in Richtung Neubrunn erfolgte Anfang der 1930er Jahre

Bürger trugen Felswand per Hand ab

Archivartikel

Der Platz reicht, dass zwei Fahrzeuge am Wenkheimer Ortsausgang in Richtung Neubrunn aneinander vorbeikommen. Sehr breit ist die Straße aber nicht. Doch früher ging es hier noch viel enger zu.

Wenkheim. Wer Wenkheim auf der Lindenstraße (Landesstraße 2297) verlässt und in Richtung Neubrunn fährt, passiert eine hohe Kalksteinfelswand. Bis Anfang der 1930er Jahre verlief dort nur eine einspurige Straße. Auf dieser war es nicht möglich, dass landwirtschaftliche Fuhrwerke oder motorisierte Vehikel aneinander vorbeifuhren. Die Lenker von Fuhrwerken, die bergab oder bergauf unterwegs waren, mussten sich durch Zuruf und Handzeichen verständigen, wer zuerst fahren durfte.

Notstandsmaßnahme

Ab 1929 kam es aufgrund der Weltwirtschaftskrise zur Massenarbeitslosigkeit in ganz Deutschland. Im Rahmen von staatlichen Hilfsprogrammen (so genannte Notstandsmaßnahmen) wurde der Fels abgetragen und als Schotter in Feldwege auf der Gemarkung eingebaut. Die Landwirte von Wenkheim halfen mit ihren Pferde- oder Kuhgespannen beim Abtransport.

Haus der Familie Bravmann

Der Fels wurde in Handarbeit abgetragen. Geräte wie sie heute eingesetzt werden, gab es damals aus Kostengründen nicht. Wie aus historischen Unterlagen zu entnehmen ist, lagen die Stundenlöhne zu dieser Zeit bei 20 bis 30 Reichspfennig.

Fuhr man nach Wenkheim hinein, fiel der Blick auf das Wohnhaus, der jüdischen Familie Bravmann. Die Nationalsozialisten verschleppten Vater und Mutter ins Konzentrationslager, wo sie umkamen. Sohn Manfred Bravmann konnte nach Palästina fliehen. Er kam später öfters nach Wenkheim zurück. In das Haus der Bravmanns wurden die Wenkheimer Juden nach der Pogromnacht 1938 eingesperrt. 1940 erfolgte vom Haus aus die Deportation der Juden nach Gurs in Südfrankreich.

Da nach den Notstandsarbeiten um 1930 an der Einmündung in die heutige Lindenstraße immer noch eine Engstelle war, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg das „Bravmann-Haus“ abgerissen. Das gegenüberliegende Haus, in dem ebenfalls Juden gelebt hatten, wurde schon um 1935 abgerissen.

Die Engstelle war so hinderlich, dass man von Neubrunn kommend nicht in Richtung Werbachhausen abbiegen konnte. Sogar die Panzer der amerikanischen Armee mussten 1945 erst auf die Kreuzung in Richtung Großrinderfeld fahren, um dort zu wenden. Für Lastwagen ist es an dieser Stelle auch heute noch sehr eng.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Neubrunner Steige mit einer Spritzteerdecke versehen worden. In 1990er erhielt die Straße einen Asphaltbelag.