Weikersheim

Handels- und Gewerbeverein Online-Projekt zur lokalen Gewerbegeschichte als Kärwe-Geschenk / „Weikersheim-Wiki“ will Historie modern erschließen

Geschichte und jede Menge Geschichten

Es sind faszinierende Erinnerungsschnipsel, die dem Handels- und Gewerbeverein (HGV) Weikersheim immer wieder zugetragen werden. Eine eigene Hompepage sichert diese Geschichte(n).

Weikersheim. Wer weiß schon noch, dass sich früher im Gasthaus zur Krone wöchentlich der katholische Pfarrer, der evangelische Pfarrer und der Rabbi zum Stammtisch trafen. Gesichert haben hat der Verein diesen interessanten Geschichtsschnipsel auf der eigens gestalteten Homepage www.weikersheimwiki.de.

Ruft man die als Community-Projekt angelegte Seite auf, erscheint eine mit zahlreichen Anklickpunkten versehene Karte der Weikersheimer Innenstadt, dazu ein nach Bildersammlung, Orten, Personen und Straßen geordnetes Suchmenü. Noch mager bestückt sind die ersten drei Punkte, reichlicher sind bereits auf Straßen bezogenen Einträge zu finden.

Dicht gesät sind sie insbesondere entlang von Hauptstraße, Hohenloher Straße und Marktplatz, wo in vielen Häusern über Generationen Handel, Handwerk, Landwirtschaft und Gewerbe angesiedelt waren und teilweise bis heute sind.

Schon die wenigen bisher vorliegenden Einträge zu einzelnen Häusern lassen ahnen, dass hier ein einzigartiges Geschichtsgewebe zusammengetragen werden kann. Das könnte das in Stadtarchiv, Stadtmuseum, Dorfmuseum und in den seit Jahren vom Club w 71 in seinen Kärwe-Fotoausstellungen gesammelte und präsentierte lokale Geschichtswissen aufs Trefflichste ergänzen. Beitragen zu dieser Geschichtssammlung kann jeder, denn der HGV ruft auf, die Wissensschnipsel zu ergänzen – ganz einfach via E-Mail an info@weikersheimwiki.de.

Noch gebe es Bürger, die manches über die Geschichte der Häuser, ihrer Bewohner und Nutzer berichten können, wenn vielleicht auch teilweise nur auf der Basis der Erzählungen früherer Generationen, erläutert Tobias Schröter, Mitglied im HGV-Vorstand und Ideengeber für den modernen Ansatz lebendiger lokaler Geschichtsschreibung: „Die heute 60- bis 80-jährigen haben viel zu berichten – und viele von ihnen nutzen längst schon Computer.“ Sammle man jetzt nicht die Erzählgeschichten, drohe vieles endgültig in Vergessenheit zu geraten.

Schröter selbst, einer der Geschäftsführer der Weikersheimer Orgelmanufaktur, hörte von Andrea Laufkuff, dass es beim „Milch-Wagner“ in der Hohenloher Straße 2 nicht nur Milch und Käse gab, sondern oft auch Geschimpfe zwischen den Geschwistern Fritz und Gertrud Wagner. Dann hatte die mal wieder nicht schnell genug aufgewischt. Auch Heidrun Bergmann erinnert sich an den Laden – und daran, dass es dort auch sonst manchmal mehr gab als gewünscht: statt 100 Gramm Käse schon mal gut die vierfache Menge, gewürzt mit der lakonischen Bemerkung „es iss a bissle mehr worde…“

Von grimmig bis heiter

Es sind regelrechte gewerbegeschichtliche Stapel, über die manches Haus berichten könnte. Gerade im Umfeld der Kärwe, die heuer ihr 600. Jubiläum feiert, dürfte sich der eine oder die andere im Kärwezelt, beim Besuch der Fotoausstellung oder beim Kärweblooz an Anekdoten, Weikersheimer Originale und Hausgeschichten erinnern.

Wer hätte etwa aus dem Stehgreif noch gewusst, dass im Haus Hauptstraße 12 / Wolfgangstraße 2 Café, Haushaltswarengeschäft und Restaurant einander folgten? Frau Geißlinger, bei der man „Haushaltsartikel und alles“ bekommen konnte, habe, wie sich ein anonymer Kommentator erinnert, immer grimmig ausgesehen.

Heiterer dürfte besonders an heißen Sommertagen die Stimmung im diagonal jenseits des Marktplatzes gelegenen Hauses Nummer 3 gewesen sein, denn im Kolonialwarengeschäft Kolb gab’s Eis zu kaufen. Voraussetzung seinerzeit: fürs Eis musste man von man von hinten kommen.

Reichlich Erinnerungen dürfte es geben an den Gasthof zur Sonne – eine echte Institution. Für gutes Essen garantierte hier Inhaber Stellwag, ein Metzgermeister. In den beiden oben gelegenen verbindbaren Sälen traf sich halb Weikersheim bei Versammlungen, Veranstaltungen, Schülerkonzerten, Faschingsfeiern, Theaterstücken, Filmvorführungen und Ballettstunden. Gefeiert wurde dort alles, was es zu feiern gab, auch mit Besuchern aus der Ferne, die in Gästezimmern übernachten konnten. Wohl in den 70ern, so die aktuelle Kenntnislage, wurde der inzwischen baufällig gewordene Gasthof geschlossen. Am Ort folgten dann erst der Obst- und Gemüsehandel Fiedler, dann die Bäckerei Weber und anschließend die AOK.

„Schmackhafte Nebensätze“

Angefangen hat der Verein erst mal mit Herumfragen in eigenen Familien. Anekdotisches, Persönliches, Amüsantes, Wissenswertes, manchmal Triviales förderten schon die ersten Gespräche zutage. Es sind die kleinen, oft würzigen Nebensätze der Geschichte, die sie auch für eine Generation schmackhaft machen, die sich nicht mehr mit Begeisterung auf langatmige historische Texte stürzt.

Da gibt’s etwa das Haus Bäuerlein – Eisenwahren, Kohle, Spielzeug, und davor die Zapfsäule. Am linken Fenster des Hauses Hauptstraße 41 drückten sich Kinder die Nasen platt, wenn da vor Weihnachten eine Spielzeugeisenbahn ihre Kreise zog. Inhaberin Hedwig Bäuerlein nahm kein Blatt vor den Mund: Als ein Laukhuff-Lehrling zum wiederholten Mal nur ein paar Schrauben besorgen sollte, ließ sie dem Chef ausrichten „mir hewwe a halwe Schrauba!“ Dass sie nur ein loses Mundwerk hatte, kann man Hedwig Bäuerlein nicht unterstellen, denn sie stellte sich heroisch vor die Abrissbagger, die den halben, vom Krieg übrig geblieben Gänsturm hätten abreißen sollen, weil den Gemeinderäten das verbliebene Tor zur moderne Zeiten zu klein vorkam.

Mit www.weikersheimwiki.de hat der HGV Stadt und Bürgern ein potentiell nachhaltiges Kärwegeschenk gemacht, wenn – und das ist die Voraussetzung – sich die Bürger darauf einlassen, mitzutun bei der Hebung weiterer historischer Fundstücke. Jeder Beitrag –Erinnerungsschnipsel ebenso wie Bilder oder gesichertes Datenwissen – kann den bislang noch eher beispielhaften Forums-Fundus ergänzen und damit www.weikersheimwiki.de zu einem auch für Neubürger und Gäste spannenden Werkzeug rückwirkender Heimataneignung machen.

Längerfristig strebt der Verein zumindest für ausgewählte Häuser auch eine Verlinkung mit QR-Codes an, um ganz Eiligen die Stadt und ihre Geschichte neu zu erschließen.