Weikersheim

Geschichte Otto Mündlein blickt auf die Anfänge der Weikersheimer Veranstaltung / Willkommene Auszeit nach der mühsamen Ernte

Das lebende Gedächtnis des Kärwe-Fests

Archivartikel

In früheren Zeiten war die Ernte ein echter Knochenjob. War sie vorüber, freuten sich die Weikersheimer über die willkommene Auszeit. Dann hieß es wieder: Es ist Kärwe im Tauberstädtchen.

Weikersheim. So kurz vor der Kärwe schweifen bei manchem die Gedanken rund um das Hochfest zwischen Getreideernte und Weinlese. Otto Mündlein, der 93-jährige ehemalige Vorsitzende des Weingärtnervereins, vertieft sich auch im hohen Alter immer wieder in alte Dokumente: Die Geschichte des Tauberstädtchens liegt ihm am Herzen. „Die Jungen wissen so vieles gar nicht mehr,“ beklagt er – und will die Schätze, die sein Elefantengedächtnis birgt, auf keinen Fall verloren gehen lassen.

„Enorm mühsam war’s“, als die Erträge der meist nur kleinen Flurstücke noch alle von Hand gesät, geerntet und verarbeitet werden mussten, um die Familien zu ernähren, erzählt er. Wenn im Juli und August Weizen und Roggen geerntet wurde, waren die Hände von der Arbeit mit der Sichel schwielig. Der Roggen war fürs tägliche Brot, der Weizen fürs frische Mehl, aus dem besseres Weißbrot, Kärweblootz, Gauloppen (Gugelhupf) und Hefekränze für die Kärwe gebacken wurden. Den Rücken wiederum spürte man nach der Kartoffel- und Rübenernte, die Mensch und Vieh über den Winter bringen musste. Etliches davon hat Mündlein selbst noch erlebt.

Zeit war’s dann für eine Auszeit – und die brachte die Kärwe. Da kam die Familie zusammen, da wurden Nudelsuppe und Sauerbraten mit Knödeln und Gartensalat aufgetischt, Gauloppen und Zwetschgenblootz. Auch draußen wurde gefeiert, die Kärwe samt „Sichelhenke“ und Schützenfest.

Letzteres gehört bis heute zur Kärwe. Denn als der Schützenverein Weikersheim – 1978 umbenannt in „Schützengilde Weikersheim – 1963 wiedergegründete wurde, belebte er eine uralte Tradition neu: Die bislang älteste urkundliche Erwähnung der Schützen stammt aus dem Jahr 1466. Also dem Jahr, als die Georgskirche 47 Jahre nach der Grundsteinlegung eingeweiht wurde. Dass die wohl schon seit langem als „Armbruster“ für die Verteidigung der Heimat aufgebotenen Bürgerschützen da nicht fehlen durften, liegt nahe – und aus Kirchweih-, Schützen- und Erntefest entwickelte sich eine Tradition, die selbst in Kriegszeiten zumindest privat aufrecht erhalten blieb.

Traditionen geboren

Mit den Jahren entwickelten sich rund um die Kärwe immer wieder neue Traditionen. So veranstaltete die Schützengesellschaft, wie eine Zeitungsanzeige aus dem Jahr 1848 belegt, neben dem Scheibenschießen am 11. und 12. September auch am letzten Kärwetag, dem 21. September, einen Schützenball im Gasthaus zum Stern. Ein Jahrzehnt später ergänzte der frisch gegründete Weingärtnerverein das Festangebot um den Weingärtnerball, der noch in den 1930er Jahren im Gasthaus zur Sonne gefeiert wurde.

Für die Weingärtner geriet dieser 20. September 1858, dem Kärwe-Haupttag, zum ganz besonderen Ereignis, wie das Vereinsprotokollbuch dokumentiert. Mit Marschmusik brach der junge Verein, gefolgt vom Schützenverein und vom Turnverein, gleich nach dem Mittagessen im Gasthaus zur Sonne um 1 Uhr zum Festplatz auf, wo sich im Schatten der zehn großen Kastanien, die Graf Carl Ludwig anlässlich seines Jubelfestes 1752 für den Festplatz beim Schützenhaus spendiert hatte, wohl ganze Ort versammelte. Man ließ es sich gut gehen bei Bewirtung, Bierausschank und Musik, bis um 17 Uhr für die „Wengerter“ zum Aufbruch geblasen wurde.

Aus für Weingärtnerball

Dann marschierten sie geschlossen zum Gasthaus zur feierlichen Eröffnung des Weingärtnerballs zurück, der fortan bis Mitte der 1930er Jahre die Tradition ergänzte. Der frühe Ballbeginn nimmt heute ein wenig Wunder, doch damals war es der Brauch. Schließlich erhellte man die Nacht noch nicht mit elektrischem Licht. Landwirte müssen seit jeher am nächsten Tag früh aus den Federn kommen. Die Wiederaufnahme der Balltradition durch die Weingärtnerjugend in den 1950ern endete tragisch. Zum einhundertjährigen Jubiläum des ersten Weingärtnerballs feierte man groß. Doch die heitere Polonaise durch den Sonnensaal, raus aus dem Gasthaus wuselte vielleicht allzu weinbeseelt und zu hurtig ihre Windungen. Jedenfalls erlitt eine Tänzerin einen Herzanfall, erinnert sich Mündlein. Und „das sei’s dann gewesen mit dem Weingärtnerball“, berichtet der Senior.

Zur Tradition bei den Weikersheimer Schützen gehörte bis 1937 auch der Hammeltanz. Zum Schützenfest 1466 stiftete die Herrschaft der Hohenlohe, die als Förderer der Schafzucht den Kärwe-Schafmarkt wohlwollend begleitete, einen Hammel. Der gehörte fortan zum Kärwe-Schützenfest, zog beim Hammeltanz in der Mitte des Kreises aus Schützen zur Musik mit dem eigens bestellten Hammelführer gemessen oder auch bockig seine Runden, immer wieder rundherum. Bis zum Schrillen eines Weckers, der das Mensch-Tier-Duo zum sofortigen Halt zwang. Der Schütze, vor dem das gemischte Doppel dann stoppte, konnte sich glücklich schätzen: Der Hammel war seiner. Auch die Kinderkärwe geht auf die Herrschaft zurück: 400 Kinder aus der Stadt und den hohenlohischen Orten Bronn, Elpersheim, Honsbronn, Nassau, Queckbronn, Schäftersheim und vom Hof Aischland hatte Graf Carl-Ludwig anlässlich seines Jubelfestes 1752 zu einem Fest eingeladen und damit den Grundstein zum Kinderfest am Kärwemontag gelegt.

Bis ums Jahr 1900, so hat Otto Mündlein herausgefunden, feierte man die Kärwe am 20. September, oft eine ganze Woche war Weikersheim in Feierlaune. Dann wurde das Fest auf den zweiten Septembersonntag verlegt, inzwischen ist das Fest, das heuer ohne Festumzug und Vergnügungspark stattfindet, um eine weitere Woche nach vorn gerutscht.

Mündlein, der 1951 die 70 Zentimeter tiefen Löcher für die Festzeltpfosten bei der frisch eingeweihten Stadthalle buddelte, findet es schade, dass 2020 nicht so wie gewohnt gefeiert werden kann. Aber es sei nun mal so. Mitleid hat er vor allem mit den Schaustellern, denen ihr ganzes Geschäft weggebrochen ist. Für die sei’s am schlimmsten. Ihnen und sich selbst wünscht er von Herzen, im nächsten Jahr wieder unbeschwert feiern zu können.