Weikersheim

Wo Erklärungen fehlen, werden Sündenböcke gesucht Evangelischer Kirchenbezirk Weikersheim mit Vortrag zu aktuellem Thema

Bei Verschwörungsmythen eine klare Linie ziehen

Archivartikel

Wie soll Kirche reagieren, wenn Verschwörungstheorien um sich greifen – gerade jetzt in der Corona-Pandemie? Darüber sprach Theologe Hans-Ulrich Probst auf Einladung der evangelischen Kirche.

Weikersheim.„Corona ist die perfekte Zeit für das Erstarken von Verschwörungstheorien“. Menschen, so der Referent, hätten Angst vor sozialem Abstieg oder Arbeitslosigkeit, sie hätten Zeit und sie „vertiefen sich in soziale Netzwerke“. Hans-Ulrich Probst ist Referent bei der evangelischen Arbeitsstelle für Weltanschauungsfragen in Stuttgart und zuständig für die Themen Populismus und Extremismus. Der in Bad Mergentheim aufgewachsene Theologe und Mitglied der evangelischen Landessynode hat die derzeit aktuellen Strömungen analysiert und ihre historischen Zusammenhänge wissenschaftlich untersucht.

Immer wieder im Laufe der Geschichte, so berichtete er im evangelischen Gemeindesaal, hätten Menschen unter zunächst unerklärlichen Ereignissen zu leiden gehabt. Doch wo Erklärungen fehlten, müssten schnell Sündenböcke herhalten – so wie bei der Pest im Mittelalter, als man verbreitete, Juden hätten die Brunnen vergiftet. Bis heute, etwa beim Problem der Migration, habe sich das Muster solcher „Verschwörungsmythen“ nicht geändert: Da werde von einer geheimen Planung durch eine Gruppe von Menschen geredet, die moralisch verwerflich handelten und denen es nur um die eigene Macht und die Kontrolle der anderen gehe. Attraktiv seien solche Theorien, weil es dann keine unerklärlichen Zufälle mehr gebe, sondern man genau wisse, wer sich „gegen mich verschworen hat“.

Heute würden Verschwörungstheorien zur Corona-Pandemie in Internet-Foren, insbesondere bei Telegram, verbreitet. Auch bei den Demonstrationen der Gruppe „Querdenken 711“ seien solche „alternative Fakten“ zu hören. Feindfiguren seien die Berufsgruppe der Virologen, Bill Gates und Vertreter der deutschen Regierungen. Wie eigene wirtschaftliche Interessen damit geschickt verknüpft würden, zeige sich bei den Kanälen von Heiko Schrang, der esoterische Theorien zum Besten gebe, populistische Medien- und Politikkritik betreibe und zugleich zum Kauf seiner Bücher und T-Shirts aufrufe.

Esoterik und rechtes Gedankengut

Ähnlich sei es beim Kochbuchautor Attila Hildmann – dessen Kanal sei „brandgefährlich“, denn er rufe zu Gewalt auf und sei in seiner Corona-Analyse offen antisemitisch. Die Bewegung „QAnon“ sehe Corona nur als vorgetäuscht und propagiere Donald Trump als „messianische Gestalt der Errettung“. Auch bei den derzeitigen Corona-Demonstrationen gebe es immer wieder Verbindungen zu Esoterik, Impfkritik und Reichsbürgerszene. Es bestünden rechtspopulistische Zusammenhänge und die Gefahr der Vereinnahmung durch rechtsextremistische Strömungen.

Demgegenüber, so der Referent, sei Prävention wichtig. Mehrere Elemente seien dafür unverzichtbar. Menschen müssten ermutigt werden zur Selbstreflexion, praktischen Bildung und Medienbildung. „Faktenchecker“ in den Medien seien nützlich zur Information und als Argumentationsstütze. Andersdenkenden solle man klar sagen, dass man nicht ihre Person, wohl aber ihre Meinung ablehne. Als Kirche habe man die Aufgabe, deutlich zu machen, dass man die Welt nicht einfach in Gut und Böse aufteilen könne. Das sei bereits in der frühen Kirchengeschichte in der Auseinandersetzung mit der Gnosis verworfen worden. Es gebe oft keine „einfachen Wahrheiten“. Als Kirche müsse man Gesprächsangebote machen. Dabei sei es wichtig, die Person zu achten, ohne davor zurückzuschrecken, klare Linien zu ziehen. „Wir lassen Hass auf andere Menschen nicht zu“ und beim Zeigen von antisemitischen oder rechtsextremen Symbolen „muss für Christenmenschen ein Maß der Meinungsfreiheit überschritten sein“. peka