Weikersheim

Gnadenhochzeit Rosa und Heinrich Balles feiern außergewöhnliches Jubiläum / 80 Gäste bei der Feier „im Kreis der Familie“

Auch nach 70 Jahren liebevoll zugewandt

Ein außergewöhnliches Ehejubiläum feiern in Schäftersheim Rosa und Heinrich Balles: Sie haben sich vor 70 Jahren das Ja-Wort gegeben. Seit 1988 lebt das Paar in Deutschland.

Schäftersheim. Es dürften schon rund 80 Personen werden, die sich an diesem Samstag, 9. November, zur Feier der Gnadenhochzeit von Rosa und Heinrich Balles einfinden werden, schätzt Larissa Balles, die in Igersheim lebende Schwiegertochter.

Und ganz gewiss werde man das Akkordeon, das Rosa Balles eigens für ihren Schwager hütet, zur Feier mitnehmen. Das ist so Brauch in der Familie, und dem 94-jährigen Jubilar werde es ganz sicher viel Freude machen, einmal wieder gemeinsam mit der Familie zu singen. „Ich kenne ihn eigentlich nur singend“, erzählt die Schwiegertochter.

Die Freude am Gesang hat Heinrich Balles aus seiner Heimat mitgebracht. Heimat – das ist ein Begriff, den die Jubilare im Lauf ihres Lebens immer wieder neu definieren mussten. Da gab es immer die deutschen Wurzeln, auch wenn sie weit von Deutschland entfernt in deutschen Orten lebten, sie bei Odessa, der quirligen Hafenstadt am westlichen Zipfel der Nordküste des Schwarzen Meers, er rund 500 Kilometer entfernt, im zur Kolonie Chortitza gehörenden Ort Rosenthal am Dnjeper, der am Ostzipfel dieser Küste ins Schwarze Meer mündet.

Fast unmöglich, sich auf diese Entfernung zu finden. Die Lebenstragödie der Russlanddeutschen führte sie zusammen: die Deportation der Deutschstämmigen nach Sibirien. Ein Vierteljahrhundert sollen sie dort bleiben, verlangte die sowjetische Führung von den in Viehwaggons Verschleppten. Mit Nichts ins Nichts kamen sie, mussten sich Schuhe aus Birkenrinden flechten, die mit Jutesäcken und Bändern nur notdürftig gegen die Kälte halfen, erinnert sich Rosa Balles. Schon unterwegs musste die 16-Jährige erleben, wie Schicksalsgenossen starben und einfach aus den Waggons geworfen wurden. Die Schwerstarbeit im Wald, anfangs nur mit der Handsäge, überforderte viele.

Rosa hielt durch – und traf irgendwann auf den künftigen Bräutigam, den es in eine gut 50 Kilometer entfernt gelegene andere Kommandantur verschlagen hatte. Sie verloren sich nicht mehr aus den Augen, heirateten 1949 in einer zwangsweise zur Heimat werdenden Fremde.

Gut zwölf Jahre nach der Verschleppung durften sie gehen, hofften, in Königsberg bleiben zu können. Statt dessen wurden sie schon nach ein paar Tagen erneut umgesiedelt, diesmal nach Kasachstan.

Allemal besser als die Waldarbeit in Sibirien war es für Rosa Balles, in der Fabrik zu arbeiten. Auch Heinrich Balles, der sich die harte Zwangszeit in den sibirischen Wäldern oft durch den Gesang erträglicher gemacht hatte, hatte es als Maurer etwas leichter. Und ein Gartenstück gab es auch. Das half, über die Runden zu kommen.

1988 Umzug nach Deutschland

Hier allerdings Apfelbäume zu pflanzen, hielt Heinrich Balles für überflüssig: man war’s ja schon gewohnt, schnell wieder weiter verschickt zu werden. Seiner Frau zuliebe tat er’s dann doch. Die Bäumchen wuchsen, erste Äpfel wurden erntereif, gute Zukost für die drei Söhne.

Auch Kasachstan wurde Heimat. 1988, nach drei Jahrzehnten, bot sich die Möglichkeit zum Umzug nach Deutschland. In Dresden sei es zwar schön gewesen, aber bald zog es die Familie doch zu bereits im Taubertal heimisch gewordenen Familienangehörigen.

Leidenschaftliche Hobbygärtner

Seit 1992 sind Rosa und Heinrich Balles Weikersheimer, erst in Nassau, dann in Schäftersheim, wo sie gemeinsam mit den drei Söhnen ihr Haus bauten. Fremd hätten sie sich hier nie gefühlt. Rosa Balles wäre nie auch nur auf die Idee gekommen, nicht hierher zu gehören. Arbeit gab’s hier für ihn im Wald und auf dem Bau, für sie in der Fabrik und bei mehreren Putzstellen.

Unter anderem in der Nassauer Kirche, bei Privatleuten und in Geschäften sorgte das Paar auch gemeinsam für Sauberkeit. Mit Leidenschaft versorgten sie den neu angelegten Garten – und die Familie mit den Früchten dieser Arbeit. Die Söhne und Schwiegertöchter schwärmen ebenso wie die fünf Enkel von Marmeladen, Säften, Eingekochtem aus dem Balles-Garten. Inzwischen lege sie allerdings keine so großen Vorräte mehr an, berichtet die Jubilarin.

Mit 89 kann sie es sich nun wirklich erlauben, langsamer zu tun, auch wenn den drei Urenkelkindern – das jüngste ist grade mal 14 Monate alt – dadurch so mancher Genuss entgehen dürfte.

Heiter-harmonisch

Eigentlich wollte die 89-Jährige der Reporterin gar nicht so viel erzählen: „Schreiben Sie nicht so viel, da brauchen Sie ja die ganze Zeitung“, mahnt sie, ermuntert stattdessen, doch zuzugreifen bei Kaffee und Kuchen.

Gemeinsam hat das Jubelpaar die von Ortsvorsteher Markus Lang überbrachte Gratulationsurkunde von Landesvater Winfried Kretschmann genau studiert, dankbar die Glückwünsche von Ort und Kommune entgegengenommen, strahlend den Geschenkkorb bewundert. Es ist eine heiter-harmonische Gelassenheit, die dieses einander auch nach sieben Jahrzehnten im Ehestand liebevoll zugewandte Jubelpaar ausstrahlt.

Was ihr Geheimnis dabei sein mag? Rezepte bieten sie nicht, aber dafür eine Lebensgeschichte, die darauf verweist, dass es gut ist, auch unter schwierigen Bedingungen an einem Strang zu ziehen, freundlich zu sein, dankbar für alles, was gut geht – und den Humor nicht zu verlieren. Den Glückwünschen von Familie, Freunden, Nachbarn, Landesvater, Kommune und Ortschaft schließt sich die Redaktion heute sehr gerne an.