Walldürn

1225 Jahre Walldürn Artikelserie der FN zu markanten Ereignissen und Entwicklungen in der Stadtgeschichte aus der Feder von Walter Gramlich (Teil 4)

Stadtbürger stolz auf ihre Privilegien

Archivartikel

Die Stadt feiert Jubiläum: 1225 Jahre alt wird Walldürn 2019. Eine ereignisreiche Zeit. Aus diesem Anlass beleuchten die FN einige markante Punkte und Entwicklungen der Stadtgeschichte.

Walldürn. Die Beiträge stammen von Walter Gramlich. Der frühere Lehrer an der Frankenlandschule ist ein profunder Kenner der Stadtgeschichte. Für die Serie in den FN hat er Unterlagen und Berichte studiert und ausgewertet. Im vierten Teil geht um Walldürn im „Neun-Städte-Bund“ (1346 bis 1525).

Neben acht weiteren kurmainzischen Landstädten ist Walldürn zwischen 1346 und 1525 Mitglied des „Neun-Städte-Bundes, einer landständischen Korporation innerhalb des Mainzer Territoriums. Ausgangspunkt dieser Entwicklung ist ein am 28. November 1346 zunächst elf Städten erlassenes Steuerprivileg. Erzbischof Heinrich III., Graf von Virneburg, befindet sich nämlich in einer schwierigen Lage: Infolge seiner Parteinahme für Ludwig den Bayern hat Papst Clemens V. am 7. April 1346 die Absetzung Heinrichs ausgesprochen und an seiner Stelle den Mainzer Domdekan Gerlach von Nassau zum Erzbischof ernannt.

Vorrechte für Städte

Um sich ihrer Unterstützung zu versichern, erhalten die Städte Aschaffenburg, Miltenberg, Dieburg, Seligenstadt, Amorbach, Buchen, Walldürn, Külsheim, Tauberbischofsheim sowie Heppenheim und Bensheim mit Wissen des Domkapitels ein Privileg. Urkundlich gesteht Erzbischof Heinrich III. von Virneburg neben den anderen genannten Städten auch Dürn als Vorrechte zu: Freizügigkeit und Niederlassungsfreiheit für alle Bürger in anderen Städten und Herrschaftsgebieten, Verzicht des Erzbischofs auf die Erhebung jeder besonderen Schatzung der Bürger, Erhebung besonderer Ausgaben nur mit Zustimmung der Mehrheit des Domkapitels. Als Gegenleistung sollen die Städte an die Zahlung fester Summen – zahlbar am Martinstag – in Form einer Getränke- und Verbrauchssteuer (= ungelt) gebunden sein. Die eine Hälfte dieser Summe soll an das Erzstift gehen, die andere soll die Stadt mit Rat, Wissen und Willen des Amtskellers für gemeinnützige städtische Bauten verwenden.

Dieses Privileg der „Ungeltordnung“ wird nicht an Heppenheim und Bensheim gegeben. So erscheinen nach 1346 die übrigen Städte unter der hervorgehobenen Bezeichnung „unsere obern nun stete“ oder als „novem civitates superiores“ oder als „novem oppida superiora“. Das Privileg bildet in Zukunft das einigende Band, das diese Städte fester zusammenschließt, und es entwickelt sich allmählich gewohnheitsrechtlich ein Recht auf Bewilligung außerordentlicher geldlicher Leistungen.

Der Landesherr erhebt die Steuern nun nicht mehr von den einzelnen Steuerpflichtigen, sondern unmittelbar von der Stadt, der die Umlegung auf ihre Bürger selbst überlassen bleibt. Aus der Höhe des festgesetzten Ungeldes ergibt sich auch die wirtschaftliche Kraft Walldürns im Vergleich zu den anderen Städten des Oberstiftes. Im Gefüge des „Neun-Städte-Bundes“ ist Walldürn die an Vermögenskraft und auch Einwohnerzahl schwächste Gemeinde; ihre Bürger und Bewohner gelten nach der obrigkeitlichen Einschätzung als arm oder größtenteils von nur geringem Besitz. Dass Walldürn trotzdem wirtschaftliche Fortschritte gemacht hat, darauf deuten der Bau eines Pfarrhauses 1432, des Rathauses 1448, die erste Stiftung des Barbara-Benefiziums 1464 sowie der Ausbau der Burg zur Mainzer Kellerei 1492 hin.

Hohe politische Bedeutung

Für ein wirtschaftlich so schwaches Gemeinwesen wie Walldürn wird die Zugehörigkeit zum „Neun-Städte-Bund“ von hoher politischer Bedeutung, zumal dieser allmählich zu einem bestimmenden Faktor im Mainzer Erzstift heranreift. Dabei nutzen die „Neun Städte“ die fortwährenden Streitigkeiten um den erzbischöflichen Stuhl zu Mainz aus, um die Macht der landesherrlichen Beamten zu beschränken und eine möglichst unabhängige städtische Verwaltung aufzubauen. Ausdruck dieser Entwicklung sind die vom Erzbischof als Oberherrn erreichte Zustimmung zur Einsetzung von Bürgermeistern und einem Rat sowie das Versprechen, die hergebrachten Freiheiten der mainzischen Untertanen zu achten.

Für Walldürn lassen das Stadtrecht von 1447 sowie die Stadtordnung von 1492 Rückschlüsse auf die verfassungsrechtliche Entwicklung zu. Da der Rat mit den Schöffen bereits zu einem Gesamtgremium verschmolzen ist, ist aus der obersten richtenden eine oberste verwaltende Behörde geworden. Die Leitung der Stadt Walldürn setzt sich zusammen aus dem Amtskeller, dem vom Landesherrn ernannten Stellvertreter. Er hat sie Oberaufsicht über den Stadthaushalt, nimmt am Regiment der Stadt teil durch seinen Sitz im Rat, vereidigt die Bürgermeister und nimmt Einfluss bei der Besetzung erledigter Schöffen- und Ratssitze. Zusammen mit dem Zentgrafen bilden vier, später sechs Schöffen das Hochgericht. Letztere gehören mit sechs Räten auch dem Gesamtrat an, dem zwei Bürgermeister vorsitzen. Räte und Schöffen werden von der Bürgerschaft gewählt.

Das öffentliche Leben einer mittelalterlichen Stadt wie Walldürn spiegelt sich am deutlichsten in den verliehenen Privilegien, Rechten, Freiheiten, guten Gewohnheiten und Pflichten wider, die zusammen mit den eigenen Beschlüssen und Grundsätzen das Leben der Bürger ordnen. All das ist in Stadtrecht und Stadtordnung festgehalten. So umfasst die städtische Verwaltung alle bekannten Zweige der Verwaltung, um die sich auch die Gegenwart bemüht. Neben einer entwickelten Wehrverfassung und einem leistungsfähigen Finanzwesen ist insbesondere die städtische „Polizei“ reich ausgebildet. Markt und Lebensmittelversorgung, Gesundheit, Bautätigkeit, Feuerwehr, Feld- und Waldschutz, Wasserrechte, Wachdienste, Sperrzeiten, Einhaltung der Feiertage, Erbangelegenheiten oder auch der Schutz der Ehe unterliegen klaren Regelungen und werden auch durch Gemeindeämter und Bedienstete überwacht.

Gehorsam versprochen

All diese Dienste beginnen und enden jeweils an Weihnachten, „Auf dinstag nach sant Lucas tag“ (18. Oktober), legen sie – wie übrigens auch die Bürgermeister – über ihre Amtsführung Rechenschaft ab und versprechen für das kommende Jahr Gehorsam gegenüber den Bürgermeistern sowie die ordentliche Führung der ihnen obliegenden Amtspflichten.

Fasst man die städtischen „Bürgerrechte“ von Walldürn zur Zeit der Zugehörigkeit zum „Neun-Städte-Bund“ zusammen, lässt sich festhalten: Die Oberherrschaft des Erzbischofs und Kurfürsten von Mainz ist in Walldürn unbestritten. Seine Privilegien ermöglichen jedoch nicht nur das Selbstverwaltungsleben der Stadt, sondern auch die Rechtsstellung der Bürger. Sie genießen deshalb ein freieres Recht als die Bewohner der umliegenden Dörfer. Nicht allein die Sicherheit hinter der schützenden Stadtmauer und das Wissen, sich selbst verteidigen zu können, erheben den Bürger Walldürns über den Dorfbewohner, selbst wenn Lebens- und Wirtschaftsformweisen nur wenige Unterschiede aufweisen.

Doch die Dörfer sind feudalem Herrenrecht unterworfen, während den Bürgern einer noch so kleinen Stadt eben eine freiere Gestaltung ihres Zusammenlebens erlaubt ist. In all den sich aus dem Bürgereid ergebenden Rechten, ja selbst in den Pflichten äußert sich deshalb der Stolz des Stadtbürgers auf eine freiere Lebensform- und -gestaltung seines Gemeinwesens.

Entwicklung endet 1525

Diese positive Entwicklung endet 1525: Das Verhalten der „Neun Städte“ wird für den Verlauf des Bauernkrieges im Mainzer Oberstift ausschlaggebend. Mit den Niederlagen der Bauern am 2. Juni 1525 bei Königshofen und kurze Zeit später zwischen Würzburg und Ochsenfurt ist auch ihr politisches Schicksal besiegelt.

Durch die Aufhebung des „Neun-Städte-Bundes“ büßen Stadt und Landschaft ihr Bündnis mit den Bauern mit dem Verlust aller erworbenen und erkämpften städtischen Privilegien, Gnaden und Freiheiten. Ihre Vollendung findet diese Entwicklung für Walldürn in der neuen Stadtordnung von 1527.

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