Walldürn

1225 Jahre Walldürn Artikelserie der FN zu markanten Ereignissen und Entwicklungen aus der Feder von Walter Gramlich (Teil 2)

Stadt trat in das Licht der Geschichte

Die Stadt feiert Jubiläum: 1225 Jahre alt wird Walldürn 2019. Eine ereignisreiche Zeit. Aus diesem Anlass beleuchten die FN einige markante Punkte und Entwicklungen der Stadtgeschichte.

Walldürn. Die Beiträge stammen von Walter Gramlich. Der frühere Lehrer an der Frankenlandschule ist ein profunder Kenner der Stadtgeschichte. Für die Serie in den FN hat er Unterlagen und Berichte studiert und ausgewertet. Im zweiten Teil geht es um die Urkunde der Ersterwähnung im Lorscher Kodex.

Wenn Orte unserer engeren und weiteren Umgebung auf ein urkundlich belegtes Alter von 1225 Jahren zurückblicken können, verdanken sie diese Tatsache zumeist den Aufzeichnungen des Klosters Lorsch bei Heppenheim an der Bergstraße. Lauresham – so der alte Name – nimmt seinen Anfang als Hauskloster einer mit den Karolingern weitläufig verwandten fränkischen Familie.

Die Klostergründer, Williswind, die Witwe des Grafen Rupert, und ihr Sohn Kankor, Graf im Oberrheingau, übertragen das Gut ihrem Verwandten, dem Erzbischof Chrodegang von Metz mit dem Wunsch, dort ein Benediktinerkloster zu errichten. Chrodegang, der schon verschiedene Klöster im lothringischen und oberrheinischen Raum, gegründet hat, schickt nicht nur 16 Benediktinermönche aus seiner Gründung Gorze bei Metz in Lothringen, sondern wird auch selbst Lorschs erster Abt.

Das Vermächtnis der „villa Hagenheim“ (Hahnheim in Rheinhessen) durch Williswind vom 13. Juli 764 an das neue Kloster überliefert das erste gesicherte Datum aus der Geschichte Lorschs.

Ansehen des Klosters stieg rasch

Das Ansehen des jungen Klosters steigt rasch. Von weitreichender Bedeutung erweist sich dabei die Überführung der Reliquien des römischen Märtyrers Nazarius am 11. Juli 765, die erst im Jahr zuvor von Papst Paul I. in den Katakomben gefunden und dem Erzbischof Chrodegang geschenkt wurden. Damit kommen erstmals Reliquien aus Rom in die rechtsrheinischen Lande und werden sogleich Gegenstand großer Verehrung.

Hierin hat auch zu einem großen Teil die dem Kloster in den folgenden fünf Jahrzehnten entgegengebrachte Freigiebigkeit ihren Ursprung. Denn Wallfahrer kommen, und es setzt eine reiche Schenkungstätigkeit „ad sanctum Nazarium martyrem“ ein. Es war die Furcht vor dem Letzten Gericht, die die Gläubigen fortan bewog, für ihr eigenes und das Seelenheil ihrer Verwandten Stiftungen zu machen: Vom kleinen Weinberg bis zu einer ganzen Mark gehen in der Folge Güter in den Besitz des Klosters über.

Nach dem Tod Chrodegangs 766 folgt ihm sein jüngerer Bruder Gundeland als Abt von Lorsch. Streitigkeiten mit Kankors Bruder Thuringbert lassen Gundeland das Kloster 772 unter den Schutz Karls des Großen stellen. Als Königs- und Reichskloster genießt Lorsch, dem bis 772 schon 800 private Schenkungen gemacht wurden, die Gunst der Herrscher, die sich auch in zahlreichen Zuwendungen ausdrückt.

774 wird in Anwesenheit Karls des Großen sowie anderer bedeutender geistlicher und weltlicher Würdenträger der Klosterneubau mit Kirche am heutigen Platz eingeweiht. Bis zum Jahr 800 steigt die Zahl der Schenkungen auf 2600 an. Die enge Verbindung mit dem Königtum führt dazu, dass Lorsch auch Königsgrablege wird: Ludwig der Deutsche, Ludwig der Jüngere und dessen Sohn Hugo sowie Kunigunde, die Gemahlin Konrads I., sind hier bestattet.

Unter den Nachfolgern Gundelands – in dessen Amtszeit fällt die erste urkundliche Erwähnung Altheims 774 - Helmerich (778 - 784), Richbod (784 - 804) und Adalung (804 - 837) dehnt sich durch königliche und private Schenkungen der von Lorsch verwaltete Besitz weiter aus. In besonderer Dichte liegt er im Oberrheingau, im südlich anschließenden Lobdengau und im Wormsgau. Er umfasst zudem das Gebiet der mittleren Lahn, der Wetterau, des Kraichgaus, des mittleren Neckars sowie des Wingartheiba-Gaus (zum Beispiel in Altheim, Buchen, Hettingen, Rinschheim und Walldürn). Der Streubesitz des Klosters reicht von Graubünden bis fast an die Rheinmündung (Arnheim, Nimwegen); Schwerpunkte finden sich auch in den Ardennen, im Unterelsaß, im Breisgau sowie im Ries.

Erste Erwähnung im Kodex

Im „Codex Laureshamensis“, dem Lorscher Kodex, sind all diese Schenkungen – 3836 an der Zahl – protokollarisch festgehalten. Als Urkunde 2843 (Reg. 2486) finden wir auch die Ersterwähnung Walldürns unter seinem alten Namen „Turninu“. Der lateinische Urkundentext, nach mittelalterlicher Sitte mit Abbreviaturen (Kürzeln) durchsetzt, hat folgenden Wortlaut:

„Donatio Reginfridi in sup(ra)dicte marca

Ego in D(e)i nomine Reginfrit premedio ani me mee dono ad s(anctum) N(azarium) m)arty)rem qui req(uiescit) in corp(or)e in monast(er)io Laurish(amensi) ubi uenerabilis Richbodo abb(as) p(otens) esse uidetur quidquid in su pradicte marca et in Heinstete et Turninu et Rin(c)hesheim habere uisus sum in mansis pratis siluis aq(ui)set VII manc(ip ia) stip(ulatione) subnixa

actum in monast(erio) Laurish(amensi) die II id(us) octob(ri)s anno XXVII Karoli regis“

Die Übersetzung lautet:

„Schenkung des Reginfrid in der oben genannten Gemarkung (= Buchen)

Im Namen Gottes und zu meinem Seelenheil mache ich, Reginfrid, eine Schenkung an den hl. Märtyrer Nazarius. Sein Leib ruht im Kloster Lorsch, dessen Vorsteher der ehrwürdige Abt Richbodo ist. Ich übergebe alles, was ich in der oben genannten Gemarkung sowohl in Heinstete, als auch in Turninu, als auch in Rinchesheim an Hofreiten, Wiesen, Wäldern und Gewässer besitze und sieben Leibeigene.

Das wird durch diesen Vertrag bestätigt. Geschehen im Kloster Lorsch am Tag II der Iden des Oktober im XXVII, Jahr des Königs Karl.“

Die Datumsangabe der beiden letzten Zeilen führte in einer Reihe älterer Darstellungen zu der Falschannahme, es handle sich bei der Ersterwähnung um das Jahr 795. Dieser Irrtum ergibt sich jedoch dadurch, dass die Schenkung der Güter in „Turninu“ nur indirekt datiert ist. Die beiden Schlusszeilen des Eintrages geben an, dass sie im 27. Jahr der Regierung Karls des Großen erfolgt ist. Da der Vater Karls, Pippin der Kurze, am 24. September 768 verstorben ist und Karl damals die Regierung zusammen mit seinem Bruder Karlmann übernahm, hat als 27. Jahr seiner Regierung das Jahr 794 zu gelten. Mit dieser im Lorscher Kodex erwähnten Schenkung Reginfrids, über den wir – außer dass er Güter in Turninu (Walldürn), Heinstete (Hainstadt) und Rinchesheim (Rinschheim) besaß, sonst nichts wissen, – tritt Walldürn jedoch in das durch schriftliche Zeugnisse belegte Licht der Geschichte und kann deshalb 2019 die 1225-Jahrfeier seiner urkundlichen Ersterwähnung begehen.

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