Walldürn

Kindergarten Sankt Marien Professorin Eva Rass aus Buchen referierte über Chancen und Risiken in der kindlichen Entwicklung

Nähe und Anbindung in den ersten Jahren wichtig

Archivartikel

Walldürn.Im Kindergarten Sankt Marien referierte Professorin Eva Rass aus Buchen bei einem Themenelternabend über „Chancen und Risiken in der kindlichen Entwicklung“. Nachdem Kindergartenleiterin Monique Jonasch die Referentin begrüßt hatte, erläuterte diese, dass sich das Bild von Kindern in den vergangenen 35 Jahren, basierend auf Forschungen in der Kinderpsychologie, verändert habe. Es habe nach dem Zweiten Weltkrieg einen Paradigmenwechsel gegeben.

In Folge dessen sammelten die Forscher und Kinderpsychologen durch deutlich umfangreichere Beobachtung der Kinder ab Ende der 1940er-Jahre – ab den 1960er-Jahren auch durch Videographie und seit 1992 gestützt durch die Computertomographie – viele neue Erkenntnisse der kindlichen Entwicklung. Somit rückten ganz neue Bedürfnisse des Kindes in den Mittelpunkt der Kinderpsychologie und der Pädagogik. Anders als in den Jahrzehnten zuvor wurde den Forschern bewusst, dass ein Kind beispielsweise keine „Machtspiele“ mit den Erwachsenen spielt und die Erziehungsberechtigten – wie früher häufig angenommen – nicht absichtlich „ärgert“.

Laut Professorin Rass suchen Kinder in Situationen, die sie und ihr Regulationssystem überfordern, Nähe und Anbindung sowie in den ersten Jahren der Kindheit sehr oft Körperkontakt zu ihrer Beruhigung. Erst wenn diese kindlichen Grundbedürfnisse nach Beruhigung, Verständnis und Regulation nicht erfüllt und gestillt werden, entstehen bei den Kindern psychische Probleme.

Jungen benötigen Bewegung

Eine zentrale Aussage des Vortrags lautete, dass heutzutage eindeutig erforscht und nachgewiesen ist, wie unterschiedlich sich Jungen und Mädchen, allein aufgrund ihrer genetischen Anlagen, entwickeln. Vor allem in der Fähigkeit ihrer psychischen Regulation zum Beispiel bei Stress durch Streitigkeiten, Wut, Trauer und dergleichen, hinkt die Entwicklung der Jungen der Entwicklung gleichaltriger Mädchen circa eineinhalb Jahre hinterher. In einem praktischen Beispiel heißt das, dass ein Junge mit sechs Jahren in den Fähigkeiten der psychischen Regulation auf dem Entwicklungsstand eines Mädchens mit viereinhalb Jahren ist.

Deshalb benötigen Jungen zu eben dieser Regulation im Vergleich zu Mädchen oft deutlich mehr Bewegung und auch Unterstützung. Vor diesem Hintergrund ist eine völlig andere Herangehensweise vom Fachpersonal in Kindertageseinrichtungen, Grundschulen und von den Eltern erforderlich. Jungen sollten bei diesem Prozess insofern unterstützt werden, als ihnen das im Vergleich zu Mädchen andere Ausleben ohne Kritik ermöglicht wird.

Für Rass ist es im Kindergarten- und Grundschulalter häufig noch keine Auffälligkeit, wenn ein Junge großen Bewegungsdrang hat und deshalb nicht so lange ruhig sitzen kann. Solche „jungen-typischen“ Eigenschaften sind ihrer genetischen Veranlagung und der Evolution geschuldet. Als eine weitere Kernaussage nannte die Referentin, dass ein Lernen und Üben dieses inneren psychischen Regulationssystems aufgrund unserer Millionen Jahre langen Evolutionsgeschichte ausschließlich in Form von „face to face“, also von Angesicht zu Angesicht, möglich ist.

Das bedeutet wiederum, dass diese emotionale Unterstützung des Kindes nicht per WhatsApp oder SMS – und über Telefongespräche nur begrenzt – funktioniert. Eine Unterstützung kann eigentlich nur im direkten Gespräch mit dem Kind Erfolg haben. Hierzu ist jedoch erforderlich, dass Erwachsene als Bezugspersonen ihre Emotionen zuerst regulieren – also emotional ausgeglichen sind – und erst dann das Kind bei der Regulation unterstützen.

Auch ist es laut Rass für Kinder nicht negativ, sondern eher positiv zu bewerten, wenn sie hin und wieder einige Stunden bis zu der genannten „face-to-face-Lösung“ aushalten müssen und ihre Sorgen nicht sofort etwa per WhatsApp weitergeben können. Diese Regulation kann man nicht erlernen, man muss sie erleben. Und wenn ein Kind diese emotionale Regulation als positiv bei seinen Vorbildern erlebt, so trägt dies ein ganzes Leben lang zur positiven Spannungsregulierung des Kindes und späteren Erwachsenen bei.

Aber auch für die Erwachsenen hatte Rass praxisnahe Tipps parat: So sind in Lebenskrisen oder vorübergehender Überforderung, die völlig normal für jedes Lebensalter sind, eine starke Partnerschaft, falls erforderlich eine gute Therapie, Entspannungstraining, autogenes Training, täglich 20 bis 25 Minuten Laufen, Joggen, aber auch 20 bis 25 Minuten zügiges Gehen als Ausgleich sehr hilfreich und effektiv. Nach einer kurzen Zusammenfassung folgte noch eine angeregte Frage- und Diskussionsrunde.

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