Walldürn

An der Frankenlandschule Kunstworkshop „Demokratie“ mit Gino Kuhn

Kunst als Beitrag zur Aufklärung

Archivartikel

Walldürn.Die zunehmende Spaltung der Gesellschaft, die sinkende Zustimmung zur Demokratie, fehlendes historisches Bewusstsein – angesichts solcher aktueller Diskussionen um die politische Bildung und möglicher Defizite in dieser staatsbürgerlich wichtigen Debatte kommt der Demokratiebildung an den Schulen eine noch bedeutendere Rolle zu. Schulen sind als zentrale Orte des Kompetenzerwerbs von Kindern und Jugendlichen daher gefordert, die Demokratiebildung wieder mehr in den Fokus zu rücken.

In diesem Rahmen und mit dieser Zielsetzung hatte die Frankenlandschule Walldürn den Künstler Gino Kuhn zu einem Zeitzeugenbericht mit anschließenden Workshops zum Thema Freiheit und Demokratie eingeladen. Der 1955 in Walldürn geborene Kuhn war früher auch Schüler der Frankenlandschule.

Nach einer zweijährigen Ausbildung zum Fernmeldehandwerker zog Gino Kuhn 1975 nach West-Berlin um, wo er Kontakte zu einer Fluchthelferorganisation hatte und schließlich auch als Kurier für ausreisewillige Bürger tätig war. Bei einer solchen Fluchthilfe für drei DDR-Bürger wurde er verhaftet und inhaftiert. Wegen „staatsfeindlichen Menschenhandels“ verurteilte man ihn zu sechs Jahren Haft, aus der er 1978 entlassen wurde, nachdem er von der Bundesrepublik freigekauft wurde. Im Westen arbeitete er nun als Bauzeichner und führte viele Jahre ein freischaffendes Planungsbüro in der Architektur mit dem Schwerpunkt „Ökologisches Bauen“.

Voll rehabilitiert

Nach dem Mauerfall wurde Kuhn 1992 vom Bezirksgericht Cottbus voll rehabilitiert. In Bildern und Zeichnungen, die auch schon in mehreren Ausstellungen gezeigt wurden, verarbeitet er seine Hafterlebnisse, insbesondere die entwürdigenden Haftbedingungen in Hohenschönhausen mit Isolationshaft, Folter und Schlafentzug.

Nach der Begrüßung durch Schulleiter Torsten Mestmacher schilderte Kuhn in einem einstündigen Vortrag vor den Schülern der Berufsfachschule Wirtschaft und der Eingangsklassen des Wirtschaftsgymnasiums sehr eindrucksvoll seine Erlebnisse sowie die traumatischen Haftbedingungen und konnte auf diese Weise sehr konkret die Bedeutung von Demokratie, Freiheit und Rechtsstaat in den Blickpunkt rücken. Gino Kuhn appellierte eindringlich an die Schüler, sich für diese Werte einzusetzen und diese nicht für selbstverständlich zu halten, denn sie müssten immer wieder aufs Neue erkämpft werden.

Seine Kunst versteht Kuhn als „Beitrag zur Aufklärung, zum gegenseitigen Respekt und zur Toleranz“, damit anderen Menschen seine Erlebnisse erspart bleiben. Zudem habe sie ihm dabei geholfen, seine Hafterlebnisse zu verarbeiten.

Im Anschluss an den Vortrag nutzten die Schüler die Gelegenheit, unter der fachkundigen Anleitung von Gino Kuhn ihr eigenes Verständnis von Freiheit und Demokratie in Ölgemälden und Tonplastiken auszudrücken und zu verwirklichen. Im Namen der Schüler und der Schulleitung bedankte sich der stellvertretende Schulleiter Frank Stephan bei Gino Kuhn für dessen Besuch und die dabei vermittelten sehr interessanten Anregungen.

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