Walldürn

Land und Leute Annemarie und Otto Neubauer kümmern sich um die Friedenskapelle in der Würzburger Straße

Kapelle mit interessanter Vorgeschichte

Archivartikel

Seit 100 Jahren steht die Friedenskapelle in Walldürn. Grund genug, einen Blick auf die Geschichte des Kleinods zu werfen. Die FN haben sich mit Annemarie und Otto Neubauer unterhalten.

Walldürn. Wer auf der Würzburger Straße nach „Dürn“ hineinfährt, kann die Friedenskapelle eventuell übersehen. Dabei hat das kleine Kapellchen in gleich mehrerlei Hinsicht mehr als nur einen flüchtigen Seitenblick verdient: Zum Einen wurde es vor 100 Jahren errichtet, zum Einen hat es eine interessante Vorgeschichte – und zum Anderen wurde es vor gut 20 Jahren in einer beispielhaften Aktion vollständig neu aufgebaut.

Mit Annemarie und Otto Neubauer, die das Gotteshaus seither mit Hingabe betreuen, sprachen die Fränkischen Nachrichten über jenes denkwürdige Projekt, die Zeit und die Friedenskapelle als Solche.

Wie der inzwischen 80-jährige Otto Neubauer erklärt, kam der ursprüngliche Anstoß vom inzwischen verstorbenen Bertold Wörner, der in direkter Nachbarschaft das Autohaus „Bosch-Wörner“ (heute „Miko-Service“) betrieb. „Während der Romreise des Männergesangvereins ‚Eintracht’ im Jahr 1997 kamen wir auf die Friedenskapelle zu sprechen“, erinnert sich der als Chorsänger aktive Neubauer. Wörner habe seinerzeit den zusehenden Verfall der Kapelle und das traurige Bild am Walldürner Ortseingang gerügt, was auch Otto Neubauer zu denken gab.

„Allein die Tatsache, dass die Kapelle 1919 von Oscar Stalf und seiner Gattin gestiftet wurde, weil sein Bruder und er unversehrt aus dem Ersten Weltkrieg wieder nach Hause kommen durften, macht sie doch erhaltenswert“, sagte er sich damals.

Verheerender Zustand

Als der gelernte Maler wenig später in den Ruhestand ging, erinnerte er sich an den Tipp seines Jahrgangskollegen und fand sich im Sommer 2000 zu den ersten Sichtungen vor Ort ein. „Der Zustand der Kapelle war seinerzeit als verheerend zu bezeichnen – immerhin wurde über 30 Jahre lang keine Maßnahme zur Erhaltung getätigt“, blickt er zurück.

So informierte er sich, knüpfte Kontakte zu Freunden und Bekannte sowie den Behörden. Hier erfuhr er wertvolle Hilfe, aber auch manche strikte Regel: „Das Denkmalamt etwa äußerte klare Vorgaben, was die Fassadenfarbe betrifft“, informiert Otto Neubauer, während seine Frau ein Fotoalbum auf den Tisch legt und den bebilderten Fortschritt der Arbeiten zeigt. „Die Fassade war brüchig, überall wucherte Unkraut, der Boden bestand noch aus den originalen Fliesen von 1919, die allesamt locker waren, und im Altar hauste der Holzwurm, während die Dachschindeln entweder defekt gewesen sind oder komplett fehlten“, fasst er seine damaligen Beobachtungen zusammen und spricht von einem „bedauernswerten Bild“, das die Friedenskapelle vor nunmehr zwei Jahrzehnten abgegeben habe. In relativ passablem Erhaltungszustand befand sich lediglich die wertvolle Bleiverglasung, die als Arbeit verschiedener Künstler aus dem Münchner Raum die Verbundenheit Oscar Stalfs nach München auf sehenswerte Weise dokumentiert: 1907 heiratete Walldürns Ehrenbürger Emma Frey aus der bekannten Lodenmacher-Dynastie. „Alteingesessene Walldürner kannten den 1974 verstorbenen Oscar Stalf noch persönlich und freuten sich daher besonders über unser Vorhaben“, sagt Otto Neubauer.

Über 80 Jahre nach der Stalf’schen Hochzeit kehrte im Sommer 2000 schließlich wieder Leben in das alte Gemäuer ein: Neben Otto und Annemarie Neubauer gehörten auch Ottmar Loitz, Peter Marquardt, Otto Böhrer und Herbert Englert zur Truppe jener fleißigen Handwerker. „Alle leisteten Großartiges, aber vor allem unser Freund und Nachbar Peter Marquardt wuchs förmlich über sich hinaus“, gibt Annemarie Neubauer heute zu bedenken.

Gemeinsam Hand angelegt

Gemeinsam legte man Hand an: Während Spenglermeister Otto Böhrer die Kupferverwahrungen erneuerte, brachte Herbert Englert seine als Schreiner und Zimmermann erworbenen Kenntnisse beim Neueinfassen des „Dreiecks“ über dem Eingang mit ein. Ottmar Loitz stellte das Gerüst, Peter Marquardt begradigte den Boden und Otto Neubauer werkelte „überall, wo es was zu tun gab“, wie er lachend erklärt. Tiefe Dankbarkeit empfindet er zudem gegenüber den örtlichen Handwerksbetrieben Malerschneider, Josef Kreis, Kieser und Farben-Gerold sowie der Höpfinger Dachdeckerei Ott. „Sie alle haben sich eingebracht und spendeten etwa Farben, Metallgitter, Schlösser oder arbeiteten einfach kostenlos, weil es um die Kapelle ging“, freut sich Annemarie Neubauer. Auch Walter Herre als damaliger Leiter der Stadtwerke Walldürn zeigte sich spendabel: „Nicht nur, dass die Bänke zeitweilig in der Scheune der Stadtwerke gelagert werden durften, später wurde uns ein Stromkasten aufgebaut, weil bis dahin kein Netz vorhanden war“, erklärt Otto Neubauer den Fränkischen Nachrichten.

Arbeit hat sich gelohnt

Nach zwei Jahren wurden Farbeimer, Pinsel und Werkzeugkästen beiseite gelegt: Pünktlich zur ersten Walldürner Fahrrad-Wallfahrt erstrahlte die Friedenskapelle im Sommer 2002 in altem neuem Glanz: im „jugendlichen“ Alter von immerhin 83 Jahren.

„Im Nachhinein betrachtet hat sich alles gelohnt“, blickt Otto Neubauer mit gewisser Gelassenheit zurück und spricht von einem Projekt, „das vom ersten bis zum letzten Tag Spaß gemacht hat“. Wäre das anders gewesen, so der Walldürner, hätte er es „gar nicht gemacht“. Freude bereitet seiner Frau und ihm auch die Betreuung des Objekts: „Wir sind nicht jeden Tag da, kümmern uns aber so intensiv wie gern um die Friedenskapelle“, lässt Annemarie Neubauer wissen.

Katze hatte Angst

An das rührige Tun der Neubauers und ihren Helfern erinnert heute eine im Seitenbereich der Kapelle angebrachtes Metallschild. Nur eine Frage bleibt dabei offen: Wie viele Arbeitsstunden wurden investiert? Otto Neubauer schüttelt lachend den Kopf: „Ich habe nichts aufgeschrieben und auch nicht jeden Tag gearbeitet“, stellt er klar.

Eine lustige Anekdote hat er zum Ende des Gesprächs aber noch auf Lager: „Da diverse Teile des Altars vorübergehend in unserem Keller lagerten, bekam unsere Katze es mit der Angst zu tun!“, bemerkt er und schließt die Tür des zwischenzeitlich auf Anstoß von Stadtrat Jürgen Schmeiser beleuchten Gebäudes ab. Auch das Schloss hat einen guten Grund: „Vandalismus ist ein Thema, das tendenziell auch vor heiligen Orten leider nicht Halt macht – da sorgt man besser vor!“, schildern die Neubauers, die von Stadtpfarrer Pater Josef Bregula vor Kurzem ein Dankespräsent für ihr Engagement erhielten.

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