Walldürn

FN-Interview Gespräch mit Margareta Sauer, der Leiterin des Odenwälder Freilandmuseums in Gottersdorf

„Gesamtpaket hat enormes Potenzial“

Das Corona-Jahr 2020 hat auch dem Odenwälder Freilandmuseum in Gottersdorf zu schaffen gemacht. Das wird beim Gespräch mit der Museumsleiterin Margareta Sauer deutlich.

Gottersdorf. Kulturelle Einrichtungen traf die Corona-Pandemie hart. Das Odenwälder Freilandmuseum bildet da keine Ausnahme. Im Interview blickt die Museumsleiterin Margareta Sauer zurück, wirft aber auch einen Blick in die Zukunft.

Frau Sauer, wie war ihre erste Corona-Saison? Wie sehr hat sie die Zeit emotional mitgenommen?

Margareta Sauer: Turbulent und ohne Gleichen war sie, die Saison 2020. Zunächst haben wir mitten im Frühjahrsputz wenige Tage vor der geplanten Saisoneröffnung einen totalen Vorbereitungsstopp einlegen müssen, nichtsahnend, dass dieses Museumsjahr ohne die vorgesehenen Veranstaltungen im herkömmlichen Sinne ablaufen würde. Die größte Belastungsprobe war jedoch in den ersten Wochen mit der stetigen Ungewissheit auszukommen, ob in dieser Saison nun Veranstaltungen und Gruppenbesuche stattfinden dürfen oder nicht. Uns haben unzählige Anrufe und E-Mails von Akteuren, Festbeschickern, Besuchern und Kooperationspartnern erreicht, die wie wir um die Durchführbarkeit der geplanten Veranstaltungen fürchteten.

Und natürlich bereitete auch das absehbare Haushaltsloch große Sorgen. Das Odenwälder Freilandmuseum erwirtschaftet in einem Normaljahr etwa ein Drittel seines Etats selbst. Durch die Lockdown-Situation war von Anfang an klar, dass finanzielle Engpässe entstehen würden und gleichzeitig in nicht in der Etat-Planung vorgesehene Schutz- und Hygienevorrichtungen investiert werden musste.

Glücklicherweise haben wir durch verschiedene Hilfen der öffentlichen Hand wie die Corona-Soforthilfe, durch ein Bundesförderprogramm und durch eine großzügige finanzielle Unterstützung des baden-württembergischen Ministeriums für Forschung, Wissenschaft und Kunst zum einen die ungeplanten Mehrkosten erheblich abfedern und zum anderen ein kleines alternatives, an die Corona-Regeln angepasstes Museumsprogramm erstellen und in die Digitalisierung von Museumsinhalten investieren können. Natürlich haben auch die Stadt Walldürn und der Neckar-Odenwald-Kreis uns in bewährter Weise unterstützt.

Emotional mitgenommen hat mich besonders, dass trotz der unsicheren Gesamtsituation so viele Individualbesucher in den Sommermonaten den Weg in das Freilandmuseum gefunden haben. Im Jahr 2020 hatten wir praktisch nur Individualbesucher, die erfreulicherweise auch unter der Woche für unsere Verhältnisse recht zahlreich in das Museum strömten. Normalerweise dominieren unter der Woche Gruppenbesuche. Dies war in diesem Jahr nicht so.

Die für Pandemie-Verhältnisse recht guten Besucherzahlen zeigen in gewisser Weise auch die Stärken der Freilichtmuseen auf: Weiträumiges Areal mit Museumsgebäuden in ausreichender Anzahl, so dass Gäste sich ohne Probleme bei der Besichtigung der einzelnen Häuser aus dem Weg gehen können. Die sehr attraktive Außenanlage des Museums mit vielen lauschigen Sitzgelegenheiten lud, ohne größere Sicherheitsbedenken wegen Mindestabständen haben zu müssen, zum längeren Verweilen ein. Das zwar sehr pflegeintensive „ländliche Drumherum“ der Museumsgehöfte mit bewirtschafteten Feldern, Obstwiesen, Bauerngärten und Haustieren erwies sich als echtes Pfund. Das „Gesamtpaket Freilandmuseum“ hat im Gegensatz zu einem klassischen „Indoor-Museum“ ein enormes Potenzial für alternative Museumsaktionen unter Pandemiebedingungen.

Die Zuschauer- beziehungsweise Besucherzahlen sind natürlich gesunken. Haben Sie schon einen Überblick?

Sauer: Ja. In der verkürzten Saison von Mitte Mai bis Ende Oktober haben 9767 Gäste das Museum besucht. In einem „Normaljahr“ besichtigen in der Zeit von April bis Oktober circa 20 000 Besucher das Museum. Mit diesem Ergebnis haben wir fast die Hälfte der durchschnittlichen Vorjahreszahl erreicht. Im Vergleich mit den sechs anderen Freilichtmuseen Baden-Württembergs liegen wir im Jahr 2020 prozentual gesehen sogar im oberen Drittel. Der Trend, nicht ins Ausland zu reisen und stattdessen Sehenswürdigkeiten im Inland zu besuchen, war also auch bei uns deutlich spürbar. Es bleibt zu hoffen, dass uns die Museumsbesucher auch im zweiten Corona-Jahr die Treue halten werden.

Es gab ja trotz der Einschränkungen einige wenige Veranstaltungen, etwa Living History-Vorführungen. Wie wurde das angenommen?

Sauer: Den Umständen entsprechend sehr gut. Es waren eigentlich keine Living History-Veranstaltungen im herkömmlichen Sinne. Bei einer Veranstaltung gibt es ein festes Programm mit bestimmen Inhalten, die zu einer bestimmen Uhrzeit gezeigt werden. Das war in der Saison 2020 nicht so. Die Akteure gingen in und vor allem vor den Häusern ganz alltäglichen Tätigkeiten nach, ganz so als ob sie in dem jeweiligen Hof leben würden. Die Besucher konnten an dieser „Alltäglichkeit“ teilhaben und etwa beim Grasmähen, beim Sensendengeln oder beim Kaffeemahlen zusehen. Durch das gute Wetter in den Sommermonaten konnten diese Living History-Aktionen problemlos stattfinden. Die Resonanz der Besucher war sehr positiv.

Gab es Reaktionen der Besucher, als das Museum nach dem Lockdown wieder geöffnet hat?

Sauer: In persönlichen Gesprächen konnte ich immer wieder feststellen, dass die Menschen dankbar für jedes Angebot waren und sich gerne auf die Inhalte des Museums einließen. Die Möglichkeit, sich im Freien aufzuhalten oder in unserem sehr großzügig bestuhlten Biergarten zu speisen, vermittelte eine gewisse Sicherheit, die oft den Ausschlag für einen Besuch des Museums gab.

Niemand weiß, wie es bei der Corona-Pandemie weiter geht. Das erschwert die Planungen für die kommende Museumssaison. Wie gehen Sie das an? Es steht ja alles unter Vorbehalt.

Sauer: Wir planen schon ein Aktionsprogramm für die kommende Saison. Allerdings natürlich nicht im herkömmlichen Sinne, sondern wir versuchen nicht zuletzt anhand der bescheidenen Erfahrungen, die wir in diesem Jahr mit Veranstaltungen unter Pandemie-Bedingungen gesammelt haben, ein alternatives Programm zu erstellen. Ich sag mal so: Der Trend geht zu kleineren und dafür idealerweise mehr Aktionen, die sich unter Wahrung der Sicherheitsabstände durchführen lassen. Das ist nicht einfach, da die Durchführung von Veranstaltungen unter Pandemie-Bedingungen zum einen viel personal- und damit kostenintensiver ist, zum anderen haben wir ein relativ offenes Museumsgelände, das die Kontrolle von Besucherströmen nicht einfach macht.

Als echter Schatz hat sich in diesem Jahr die große, überdachte aber dennoch an den Seiten offene Dreschhalle erwiesen. Es ließen sich in diesem Jahr Aktionen mit fester Bestuhlung gut durchführen. Daher wird die Halle sicher im nächsten Jahr häufiger zum Einsatz kommen.

Sicher ist, dass wir 2021 kein gedrucktes Jahresprogramm herausgeben werden. Dafür sind die Zeiten viel zu unsicher. Je nachdem, wie schnell die Impfstoffentwicklung voranschreitet und wie sich die Infektionszahlen in den nächsten Monaten bis zum geplanten Saisonbeginn im Frühjahr entwickeln, werden wir entweder ein Quartals- oder ein Halbjahresprogramm herausgeben. Das ist suboptimal für das Marketing und die Außenkommunikation, aber das ist in diesem Jahr einfach nicht zu ändern. Mein Eindruck der vergangenen Saison war, dass sich die Menschen sehr gut auf die stetig verändernden Bedingungen eingelassen haben. Wollen wir hoffen, dass dies auch in diesem Jahr der Fall bleibt.

Trotz der Krise wird gebaut. Wie ist der Stand bei der Scheune Lampenhain?

Sauer: Nun, da der Rohbau für den Sanitärbereich der Scheune schon 2019 abgeschlossen wurde, die Fördergelder für das Gesamtprojekt bewilligt und die Gewerke für den weiteren Aufbau bereit vergeben waren, hätten wir das Projekt mit einem halbfertigen Rohbau nur sehr schwer ein weiteres Jahr auf Eis legen können.

Der Aufbau ist im Jahr 2020 weit fortgeschritten, das heißt die Scheune ist in der Außenhaut fertiggestellt und für den Winter wetterfest, die Sanitäranlage wird derzeit fertiggestellt. Dann ist wegen der winterlichen Temperaturen erst einmal Winterpause. Im Frühjahr werden noch kleiner Ausbaumaßnahmen im Inneren stattfinden müssen, aber das Gebäude wird in der nächsten Saison nutzbar sein.

Zum Schluss: Was wünschen Sie sich für die Saison 2021 im Freilandmuseum?

Sauer: Viele, viele interessierte Besucher und verständnisvolle Kooperationspartner, die uns in schwierigen Zeiten die Treue halten. Und natürlich Verständnis für die fehlende Planbarkeit in Bezug auf das Veranstaltungsprogramm 2021.

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