Walldürn

Wallfahrt aus dem Eichsfeld Ende der deutschen Teilung hatte für Katholiken in der Region in Thüringen große Bedeutung

Freier Pilgerweg nach Fall der Mauer

Der Fall der Mauer vor 30 Jahren hatte für die Katholiken im Eichsfeld eine besondere Bedeutung. Das Ende der deutschen Teilung hieß für sie, dass sie wieder ungehindert auf Wallfahrt nach Walldürn gehen konnten.

Walldürn/Küllstedt. Mit dem Bau der Mauer und der Teilung Deutschlands im August 1961 war die Wallfahrt fast zum Erliegen gekommen. Aber eben nur fast: Selbst in den Zeiten der DDR nahmen Pilger aus dem Eichsfeld an der Wallfahrt teil. Die Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten verhinderte allerdings zu Zeiten der DDR, dass die Wallfahrer aus dem Eichsfeld als geschlossene Gruppe nach Walldürn wallen konnten.

Trotzdem nahmen Pilger unter erschwerten Bedingungen, meist waren es Rentner, heimlich an der Fußprozession teil. Damals hatte man Verwandtschaftsbesuche im Westen vorgeschoben und sich dann in Fulda mit den dortigen Pilgern gemeinsam auf den Weg gemacht. Die Ankunft der Fulda-Eichsfelder-Baunataler Fußwallfahrt ist in jedem Jahr einer der Höhepunkte der Walldürner Wallfahrt zum Heiligen Blut.

Nach der Grenzöffnung im November 1989 kommt seit 1990 wieder eine eigenständige Pilgergruppe aus dem Eichsfeld. Der heutige Pilgerführer Hermann-Josef Montag aus Küllstedt erinnert sich im Gespräch mit den FN an die „Anfänge“ der Wallfahrt nach dem Fall der Mauer. Pilgerführer damals war Pfarrer Richard Hentrich, „er war die treibende Kraft“, so Montag im Rückblick. „Ich war damals Fahnenträger.“

Das Ende der DDR kam damals überraschend, so Montag. „Wir waren mit den Kindern in Heiligenstadt im Schwimmbad“, denkt er an den 9. November 1989 zurück. Richtig glauben wollte er es anfangs nicht, so der heute 65-Jährige. „Wir dachten, das ist ein schlechter Scherz.“ Das war es aber nicht.

Das hat der damalige Bauingenieur dann in den kommenden Tagen gemerkt. „Wir hatten damals vor der Pfarrei in Küllstedt eine Baustelle“, sagt Montag, „und mir sind quasi die Leute weggelaufen“, erzählt er schmunzelnd. Natürlich nicht ganz weg – „aber die Arbeiter haben sich ihren Stempel im Pass geholt, sind in den Westen gegangen und haben sich dort umgeschaut.“

Küllstedt ist eine Gemeinde im Süden des Landkreises Eichsfeld in Thüringen – und lag nur rund 20 Kilometer von der damaligen Grenze entfernt. Nach der Maueröffnung ein Katzensprung, wenn man vorher über Jahrzehnte keine Chance hatte, in die Bundesrepublik zu kommen. Zwischen Walldürn und Küllstedt bestehen freundschaftliche Beziehungen. Mehrfach gab es schon gegenseitige Besuche.

Gläubiger Katholik

Hermann-Josef Montag ist gläubiger Katholik, auch in den Zeiten der DDR ist er nicht von seinem Glauben abgekommen. Und da war er nicht alleine, denn in der DDR-Zeit blieb das kirchliche Leben im Obereichsfeld relativ intakt. Es war die größte Region in der DDR mit einer mehrheitlich katholischen Bevölkerung. „Ich war weder bei den Jungpionieren noch bei der FDJ“, sagt er. Für die Kinder sei es normal gewesen, dass sie in den Werktaggottesdienst gingen, „ich war Messdiener“. Fronleichnam etwa wurde am Sonntag danach mit einer Prozession gefeiert. Auf dem Papier garantierte die Verfassung der DDR Religionsfreiheit – diese wurde auch formal gewährt. Doch das Verhältnis von Christen und Kirchen mit der sozialistischen Staatsführung war nahezu über die ganze Zeit schwierig und mit gezielter staatlicher Unterdrückung verbunden. „Es gab Versuche, uns zu unterwandern. Vor allem moralisch. Der lange Arm des Staates war zu spüren“, so Montag, „Viele durften nicht studieren.“ Das war auch bei Montag so. Er absolvierte ein Fernstudium, um zu seinem Beruf zu kommen. „Ich bin zum Ziel gekommen, aber der Weg war nicht einfach.“

Nach dem Fall der Mauer war der 8. Juni 1990 ein besonderer Tag für Hermann-Josef Montag und eine Handvoll weiterer Katholiken aus Küllstedt und dem Eichsfeld: An diesem Freitag nach Pfingsten brachen sie zur Wallfahrt nach Walldürn auf. Erstmals nach dem Fall der Mauer ohne Umwege und nicht heimlich. „Wir waren 23 Personen“, erinnert sich Montag. „Um 5 Uhr sind wir nach einem Morgengebet in Küllstedt losgelaufen. Auf dem Pilgerweg gab es auf dem Hülfensberg später noch eine kurze Andacht. Wir mussten uns beeilen, wir mussten den Zug nach Fulda in Eschwege-West bekommen.“

Ein bisschen mulmig

„Und ein bisschen mulmig war uns auch. Die DDR bestand ja noch, und damit gab es noch Kontrollen. Aber wir haben den Soldaten kurz unsere Ausweise gezeigt, damit war das erledigt.“ Abends sind die Pilger in Fulda angekommen, wo sie schon von den anderen Wallfahrern erwartet wurden. Am nächsten Morgen haben sie am Aussendungsgottesdienst teilgenommen und sich mit den anderen Pilgern auf den Weg gemacht. Was sich heute so profan liest, war damals für die kleine Schar aus dem Eichsfeld ein großes emotionales Ereignis. „Das werden wir nie vergessen.“

Mit der Wallfahrt aus dem Eichsfeld nach Walldürn wird ein altes Gelübde erfüllt. Im Pestjahr 1682 legten die Bewohner von Küllstedt das Gelübde ab „zur Versöhnung des Allerhöchsten eine Buß-Wallfahrt nach Walldürn durchzuführen“. Die erste Wallfahrt ist für den 3. Pfingsttag 1683, das war der 8. Juni, belegt. An dem Tag machten sich 132 Männer und Burschen sowie 61 Frauen und Mädchen auf den Weg nach Walldürn, diese Wallfahrt dauerte damals 18 Tage. Weder Strafen, Gefängnis, Krieg, Hunger und Seuchen konnten die Pilger abhalten, ihren Weg zu gehen.

1706 schlossen sich die Fuldaer Walldürnpilger der älteren Eichsfelder Wallfahrt an. An der Wallfahrt nimmt auch eine große Zahl Pilger aus Unterfranken, Baunatal und aus Orten am Wallfahrtsweg teil. Diese Wallfahrt ist eine der ältesten, die sich nach Walldürn auf den Weg macht. Diese lange Pilgertradition hat sich über viele Generationen erhalten.

Waren es 1990 rund 20 Pilger, die sich auf den Weg machten, sind es jetzt immer 100 bis 120 aus dem Eichsfeld, die zur Gnadenstätte nach Walldürn kommen. Für die Pilger ist die Walldürn-Grotte nahe der Antoniuskapelle die Stelle, wo die Wallfahrt beginnt. In Fulda stoßen sie dann auf die weiteren Pilger, die sich dann gemeinsam als große Fuldaer Fußwallfahrt auf den rund 150 Kilometer langen Weg zum Heiligen Blut nach Walldürn aufmachen.

Die Wallfahrt ist für Hermann-Josef Montag die gelebte Gemeinschaft mit Gleichgesinnten, das Wiedersehen mit Bekannten, Wallfahrern und Gastgebern, das Einordnen der eigenen Anliegen und Sorgen gegenüber anderen Mitpilgern, die in den Fürbitten genannt werden und das Auftanken für den Alltag im Jahr, wie er im Gespräch mit den FN ausführt.

Dank für Wiedervereinigung

„Warum gehen Sie den Weg nach Walldürn immer wieder?“ – wollten die FN weiter wissen. Montag sagt: „Um das Gelöbnis der Vorfahren weiter zu tragen, besonders nach dem Fall der Mauer. Als Dank für die friedliche Wiedervereinigung unseres Vaterlandes und die bekommene Freiheit. Um für die persönlichen Anliegen und Anliegen im Familien- und Bekanntenkreis zu bitten.“ Und abschließend fasst er zusammen: „Wir haben nicht mehr die Sorgen und Nöte der Pest wie im 16. Jahrhundert – die Nöte in der heutigen Zeit sind Andere, aber nicht weniger. Es gibt so viele Gründe zum Danken, Loben und auch zum Bitten.“

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