Walldürn

Land und Leute Andreas Schieser aus Gottersdorf macht seit den 1980er Jahren elektronische Musik

Die Katze hämmert auf die Gitarrensaite

Archivartikel

Andreas Schieser aus Gottersdorf macht seit den 80er Jahren elektronische Musik. Die FN haben ihn besucht und bei der Arbeit mit „Musik aus der Büchse“ über die Schulter geschaut.

Gottersdorf. Immer wieder schlägt die kleine weiße Katze mit ihrer Pfote auf die Gitarrensaite. Immer wieder. Mit stoischer Miene. Allmählich kommen andere Instrumente hinzu: Schlagzeug, Sphärenklänge, Keyboard. Und ohne Unterlass die Katze, die auf die Saite hämmert. „China Cat“ heißen Song und Video, die in einem Kellerraum in einem Einfamilienhaus in Gottersdorf entstanden sind. Bei der Katze handelt es sich um ein Tier aus Keramik, das man für wenig Geld kaufen kann, bei dem Schöpfer von Musik und Video um Andreas Schieser, Audio- und Videokünstler. „Studio Gottersdorf“ nennt er den Ort, wo er komponiert und produziert.

Schiesers Musik stammt, wie er sich auszudrücken pflegt, „aus der Büchse“. Mit Synthesizer, elektronischem Drumset und Computer entstehen in seinem Kellerraum Bands und komplette Orchester. Mit Knöpfen und Reglern zaubert er neue Klänge herbei. Am Computer mischt er sie ab, verfremdet sie, kombiniert sie miteinander.

Ruhig und verträumt

Seine Kompositionen entsprechen überwiegend dem Charakter ihres Schöpfers: Ruhig, verträumt, meditativ, introvertiert, auch wenn sie zuweilen durch schnellere und härtere Rhythmen an Fahrt aufnehmen. Seine Videos führen in die ländliche Einsamkeit Gottersdorfs und in die Idylle des Odenwalds, zeigen Nahaufnahmen von Wiesen und Bäumen oder die Weite des Himmels.

Seine Werke lädt Schieser auf seine Internetseite http://studio.gottersdorf.de hoch. Dort kann jeder die Stücke herunterladen und frei verwenden, ohne GEMA-Gebühren (Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte) bezahlen zu müssen. Oder man kann sie weiterentwickeln, zum Beispiel durch Gesang. Sängerinnen und Sänger denken sich passende Melodiestimmen und Texte zu den von Andreas Schieser komponierten Stücken aus. Sie melden sich bei ihm, kommen ins Studio und singen dazu.

Oder sie bringen Gitarre und ihr eigenes Lied mit. Andreas Schieser sorgt dann für Band- oder Orchesterklänge. So entstanden schon gemeinsame Lieder mit Musikern aus der Region wie Ralf Bundschuh, Juliette Friebel, Andreas Ballweg und Christian Englert. Schieser bearbeitete elektronisch die Musik von Caro Inah, dem Gitarrenduo „Cafe del mundo“ und von der Band „Hangman´s Toyz“.

Kein Honorar

Andreas Schieser verlangt kein Honorar für seine Arbeit. Die Musiker müssen sich allerdings dazu bereit erklären, dass er die gemeinsam produzierte Musik auf seiner Internetseite öffentlich jedem zur Verfügung stellt - mehr nicht. Das ist sein Verständnis von Kulturförderung. „Es geht um Musik. Nicht um kommerziellen Erfolg“, sagt er.

Erfolge, wenn auch nicht wirtschaftlicher Art, kann der Gottersdorfer durchaus vorweisen. So produzierte er im Jahr 1997 seine erste CD mit dem Titel „Miracle of spirit“ und wurde von regionalen Radiosendern eingeladen. Mit dem Titel „The Sequenz“ schaffte er es im Jahr 2000 bei den „Sunhine Live Uptrax“- Charts in die Top 10. Und in diesem Jahr erhielt er mit der Band „Hangman’s Toyz“ eine Einladung von „Radio Regenbogen“.

Die Odenwälder hatten eine sieben Jahre alte Rockballade bei dem Sender eingereicht. „Alles ist aus der Büchse. Das einzige, was echt ist, ist der Gesang“, erläutert Schieser. „Radio Regenbogen“ strahlte ein Interview mit den Musikern aus und natürlich ihren Song. Ein besonderes Erlebnis bescherte dem Gottersdorfer das Weltmusik-Duo „Café del mundo“. Andreas Schieser bearbeitete für das neueste Album der beiden Gitarristen die Stücke „Dance of Joy Clubmix“ und „Beloved Europa“ und kam auf diese Weise in die legendären „Bauer Studios“ nach Ludwigsburg. Viele renommierte Künstler und Produzenten arbeiten mit diesem Tonstudio zusammen.

Zur Musik kam der heute 47-Jährige durch ein Kommuniongeschenk. Er erhielt eine elektronische Orgel. Die Noten warf er bald weg und spielte rein nach Gehör. Er entwickelte eine Faszination für Synthesizer, Keyboard und E-Piano und spielte in verschiedenen Bands. Auch im Musikverein Rippberg war er Mitglied und blies dort 15 Jahre lang das Tenorhorn. Während er mit den Tasteninstrumenten ohne Noten improvisiert, benötigt er am Blasinstrument Noten. Als die ersten auch für Privatleute erschwinglichen Personalcomputer auf dem Markt kamen, legte Andreas Schieser sich einen „Commodore 64“ mit Steckkarte zu und machte damit elektronische Musik. Heute zieht in seinem kleinen Kellerraum ein 32-Zoll-Bildschirm den Blick auf sich. Auf Tischen befinden sich „Music Production Controller“ und verschiedene Synthesizer.

Besondere Leidenschaft

Zu seinem Equipment gehören Kopfhörer, Mikrophone und Lautsprecher. An den Wänden hängen Gitarren. Eine besondere Leidenschaft hat Andreas Schieser für alte elektronische Instrumente entwickelt. So nennt er zum Beispiel Spielzeug-Keyboards aus den 1980er Jahren sowie eine Drum-Machine aus den 1960er Jahren sein eigen.

Musik machen und komponieren ist für Andreas Schieser Erholung. Meist abends taucht der Familienvater ab in sein kleines Studio im Keller, für zwei Stunden. Oder länger.