Walldürn

Dokument in der Zeitkapsel Urkunde gibt interessante Informationen zum Zeitgeschehen

Deutschland hatte noch einen Kaiser

Walldürn.Das Dokument in der Zeitkapsel befasst sich mit der Baugeschichte der Turnhalle, der Geschichte der Stadt Walldürn und den politischen Verhältnissen der damaligen Zeit.

Unter anderem heißt es in der Urkunde:

„Der Turnverein Walldürn eingetragener Verein zum Main-Neckargau (Ostbezirk) X. Turnkreis und zur Deutschen Turnerschaft gehörig, wurde am 20. Juli 1889 mit 30 Mitglieder unter dem ersten Vorstand Herrn Wilhelm Bulster Drehermeister dahier gegründet und hielt unterm 22. Mai 1892 verbunden mit dem Gauturnfest seine Fahnenweihe.

Lange Jahre beschäftigte sich der Verein mit dem Gedanken zur Erstellung eines eigenen Turnheimes da nur im Sommer auf dem Ziegler’schen Bierkeller geturnt werden konnte und für den Winterturnbetrieb kein geeignetes Lokal zur Verfügung stand. Jedoch fehlten hierzu vorerst die nötigen Mittel und seitens der Gemeinde stand dem Turnverein keinerlei Unterstützung hierzu in Aussicht. Aus den Ersparnissen des Turnvereins und durch Ausgabe von Aktien á M 5,- erwarb sich der Verein ein Wiesengrundstück im Gewann Hofacker (am sogenannten Mühlweg) im Jahre 1903 um den Preis von M 650,- welches sich hiernach zu geplantem Turnhallenbau als zu klein erwies.

Es wurde daher dieses Grundstück bald darauf wieder um M 720,- verkauft, welche Summe als erstes Kapital verzinsbar bei der Walldürner Volksbank e. G. m. u. H. angelegt wurde. Unter der Vorstandschaft des Herrn Bezirksrates Theodor Link von hier und mit Unterstützung der Verwaltungsratsmitglieder wurde 1909 auf 1910 die Erbauung einer eigenen Turnhalle in ernsterem Antrieb gezogen durch Veranstaltung einer Lotterie pro Los 50 Pfg innerhalb der deutschen Turnerschaft, durch Versteigerungen von Gegenständen und Sammlung mit der Vereinsschnupftabaksdose bei Turnkneipen sowie Ausgabe von Aktien á M 5,-.

Dadurch erwarb sich der Verein ein Barvermögen von M 6500,- woraus zunächst der jetzige Platz bestehend aus zwei Wiesen von den Landwirten Franz Hennig und Alois Christofel um den Gesamtpreis von M 3600,- angekauft wurden. Die Plananfertigung und Bauaufsicht lag in den Händen des Architekten Herrn Hermann Bonn von hier.

Im Juli 1910 wurden die Arbeiten zum Neubau ausgeschrieben und am 11. August 1910 im Submissionswege wie nachstehend vergeben:

Etwa 14 Tage nach der Vergebung wurde der Bau in Angriff genommen und diesen Herbst noch unter Dach gestellt. Im Frühjahr 1911 sollen die inneren Arbeiten ausgeführt und bis Juli d. Js. vollendet sein, sodaß derselbe seinem Zwecke übergeben und in Verbindung mit dem Gauturnfest die Turnhalle feierlich eingeweiht werden kann. Die Kosten des Turnhallenneubaues belaufen sich ohne Bauplatz auf circa M 20.000,-.

Das oben erwähnte Kapital reichte hierzu bei weitem nicht aus mußte daher hierzu eine Anleihe in Höhe des fehlenden Betrages gemacht werden. Das ununterbrochen beibehaltene Vereinslokal seit Gründung ist das Nebenzimmer der Wirtschaft von Adolf Ziegler hier, welcher auch Besitzer des seitherigen Sommerturnplatzes ist. (Bierkeller).

Die Stadtgemeinde Walldürn unter dem Oberhaupt des Herrn Bürgermeisters Wilhelm Nimis zählt nahezu 4000 Einwohner und gehört zum Kreis Mosbach und Bezirksamt Buchen. Die Industrien sind: Fabrikation von künstlichen Blumen wobei ein großer Teil der Einwohner als Fabrik- und Heimarbeiter Verdienst finden, ferner Zucker- und Wachswarenfabrikation.

Eine alte bedeutende Industrie besteht dahier in der Gewinnung und Bearbeitung von rotem Sandstein und weißem Muschelkalkstein welch’ letzterer zu den hervorragenden Zwecken im Inn- u. Ausland Verwendung findet.

Die seit Jahrhunderten dahier bestehende Stadt- u. Wallfahrtskirche zum heiligen Blut und das damit verbundene Stadtpfarramt steht in Verwaltung und Obhut des Hochwürdigen

Walldürn ist zur Zeit der Mittelpunkt der Eisenbahnen Miltenberg - Seckach und der gegenwärtig im Bau begriffenen Strecke Walldürn - Hardheim die 1911 eröffnet werden soll. Die Wasserversorgung vertritt seit 1893 eine mustergiltige städtische Wasserleitung mit Pumpstation. Für die Straßen- und Hausbeleuchtung sorgt das 1909 erbaute städtische Gaswerk. Gegenwärtig wird auch Walldürn mit geeigneter Kanalisation versehen.

Der Oberste Schutz- und Schirmherr unseres seit 1870/71 geeinigtem neuen deutschen Reiches ist: Seine Majestät Kaiser Wilhelm II. Unser regierender badischer Landesfürst ist: Seine Königliche Hoheit Großherzog Friedrich II.

Die deutsche Reichswährung besteht in:

Kupfer: Ein- u. Zweipfennigstücke.

Nickel: 5 u. 10 u. 25 Pfennigstücke. Silber: ½ Mark, 1 Mark, 2 Mark, 3 Mark, 5 Mark.

Gold: 10 Mark u. 20 Mark.

Papiergeld: (Reichsbanknoten:) 5 M., 10 M., 20 M., 50 M., 100 M. & 1000 M.

Der Turnverein Walldürn legt nun heute Samstag Nachmittag den ersten Oktober des Jahres eintausendneunhundertundzehn diese Urkunde anlässlich der Grundsteinlegung des eigenen Turnhallenbaues feierlichst und unter den üblichen drei Hammerschlägen nieder mit dem Wunsche auf Glück und ferneres Gedeihen des Vereines, zur Pflege der edlen Turnerei und zum Wohle des ganzen deutschen Vaterlandes.

Der Turnrat: Theodor Link I. Vorstand, Buchdruckermeist.; F. A. Lang II. Vorstand, Färbermeister; Heinr. Kast Kassier, Kaufmann; Wilh Klein Schriftführer, Briefträger; August Bauer I. Turnwart, Kaufmann; Vinzenz Aug Löhr II. Turnwart, Friseur; August Klein Zeugwart, Buchhalter; Leopold Dörr Kneipwart und Turnrat, Kaufm.; Alois Buchinger Turnrat, Waldhüter; Joh. Schneider Diener, Bürgermeisteramt Walldürn.“

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