Walldürn

Umfrage beim Blutsfeiertag Nur vereinzelt Pilger in Walldürn / Zeit für Ruhe und Stille / Schießerli gibt es trotzdem / Freude über „Individualpilger“

„Das ist für mich keine Wallfahrt“

Archivartikel

Wo sich sonst Pilger und Touristen ein Stelldichein geben, dominierten am Donnerstag eher vereinzelte zum Heiligen Blut pilgernde Wallfahrer das Bild rund um die Basilika.

Walldürn. Der Große Blutsfeiertag fand coronabedingt in sehr eingeschränktem Maß statt. Aber wie kommt das an; wie steht der „Dürmer“ oder der erprobte Wallfahrer dazu? Die Fränkischen Nachrichten hörten sich vor Ort um.

Mit Wallfahrt groß geworden

„Das ist für mich keine Wallfahrt. Eine Wallfahrt sieht nämlich vor, dass Gläubige in Gruppen zu einem bestimmten Ziel wandern, beten und nach der Wallfahrt die Rückreise antreten“, schildert Norbert Dorner, der als gebürtiger Walldürner mit der Wallfahrtskultur groß wurde und sie stets als „außergewöhnliche Zeit im Jahreskalender“ wahrgenommen hat.

„Wenn das Ganze ein einziges Mal in einer Geschichte von mehreren hundert Jahren letztlich ausfällt, zeigt uns das doch, dass irgendetwas nicht stimmt“, fährt er fort und spricht von „fehlendem Flair in der Innenstadt“ – es sei einfach ganz anders als bisher.

Auf eigene Faust

Das kann auch Franz Nickel bestätigen: Der Schneeberger, der normalerweise ab seinem Heimatort die Kölner Wallfahrer verstärkt, kam am Großen Blutsfeiertag auf eigene Faust nach Walldürn – „aus Tradition“, wie er sagt. „Gefallen tut mir dieser Zustand natürlich nicht, aber man muss grundsätzlich das Beste aus allem machen und sich nicht über die – zugegeben – etwas fremd wirkende Aufmachung ärgern, sondern sich viel mehr über die Möglichkeit zum Gottesdienst in der Basilika freuen“, schildert er.

Unterschied wie „Tag und Nacht“

Dennoch spricht auch er von einem „Unterschied wie Tag und Nacht“, insbesondere im direkten Vergleich des letzten Jahres mit 2020. Gelegentlich sah er sich schon die Fernsehübertragungen auf dem katholischen Fernsehkanal KTV an, doch sei auch das nicht mit einem „Live-Eindruck“ zu vergleichen.

Mit dem Fahrrad reiste Klaus Kolb aus Buchen an: „Es ist sehr schade, dass die Wallfahrt so nicht stattfindet“, lässt er wissen und übt sich im Bezug auf das nächste Jahr in gewisser Skepsis: „Aus meiner derzeitigen Sicht ist die Frage, ob es 2021 eine Wallfahrt zum Heiligen Blut geben wird, mit drei Fragezeichen zu beantworten. Wir können jetzt eigentlich nur abwarten, was noch kommt!“, betont der gebürtige Oberschwabe, der die Wallfahrt nicht zuletzt aus einem persönlichen Grund sehr vermisst: „Ich hatte mich eigentlich mit zwei Bekannten verabredet, die ich letztes Jahr unweit der Basilika kennen gelernt hatte – aber das wird dieses Jahr wohl nichts mit einem Wiedersehen“, bedauert er.

Bereitwillig gibt auch eine Walldürner Geschäftsfrau Auskunft, obwohl sie ihren Namen „lieber nicht“ in der Zeitung lesen möchte. „Dass die Wallfahrt als Solche heuer ausfällt, ist zwas traurig – aber wir freuen uns andererseits sehr darüber, dass trotzdem so viele Pilger einzeln nach Walldürn strömen. Das zeigt doch, wie wichtig ihnen die Wallfahrt und Walldürn sind“, formuliert sie ihre Sichtweise. Achim Dörr vom Wallfahrtsteam, der zufällig unweit des Schlosses angetroffen wurde, skizziert die Lage umso deutlicher: „Wo normalerweise zahlreiche Pilger anzutreffen sind, kehren in diesem Jahr ungewohnte Ruhe und Stille ein. Dafür ist die Freude über einzelne ‚Individualpilger’, die ohne ihre Wallfahrergruppen und etwa mit Wohnmobilen oder dem Fahrrad zu uns kommen, umso größer“, erklärt er. Zwar fehle das typische „Wallfahrts-Ambiente“, doch könne man diese aus gegebenem Grund veränderte Ausgangssituation als „Zeit der inneren Stille“ ansehen, in der man sich umso tiefer auf das Blutwunder besinnt. „Was weiterhin läuft, ist der Verkauf ein Magenbrot, Schießerli und Devotionalien“, stellt er klar und verweist darauf, die Kontakte zu Pilgergruppen insbesondere jetzt zu wahren. Bislang habe man aus deren Reihen „viele persönliche und positive Rückmeldungen erhalten und viel Verständnis signalisiert bekommen“, so Dörr abschließend. ad

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