Walldürn

Kriegsende im Bauland Ereignisse in Altheim wurden von Pfarrer Dr. Ulsamer im Verkündbuch festgehalten

Chronik gibt interessante Einblicke

Altheim.Die Ereignisse beim Kriegsende in Altheim wurden von dem seinerzeitigen Ortsgeistlichen, Pfarrer Dr. Gebhard Ulsamer (von 1939 bis 1952) in seinem Verkündbuch ausführlich beschrieben. Damit gehört Dr. Ulsamer zu den wenigen unerschrockenen Geistlichen, die ihre Beobachtungen aus dieser Zeit aufgeschrieben haben. Nicht alle, haben das getan, denn die Strafen dafür waren hoch. Er nahm das unscheinbare „Verkündbuch“ zu Hilfe, dass für Außenstehende ein „Buch mit sieben Sigel“ war.

Diese wertvolle Chronik ist zusammen mit anderen Kirchenbüchern der Pfarrgemeinde wohl verschlossen und wird als Kostbarkeit im Archiv bewahrt. In diesem Buch sind nicht nur alle Verkündigungen und Gottesdienste aufgelistet, sondern auch alle Ereignisse von Bedeutung festgehalten. Insbesondere werden darin alle Aussagen von Josef Seitz (Jahrgang 1939) und dem verstorbenen Helmut Kempf (Jahrgang 1932), die als Jugendliche das Geschehen erlebt hatten, eindeutig bestätigt.

Termine festgehalten

Während des Kriegs hielt Pfarrer Dr. Ulsamer detailliert alle Gottesdienste und kirchlichen Termine seiner Pfarrgemeinde fest. Dramatischer werden seine Ausführungen gegen Ende März 1945, wenn Ulsamer über die große Offensive der US-Truppen über den Rhein bei Worms berichtet und tägliche Durchzüge von Flüchtlingen, Ausgebombten und deutschen Truppenteilen, aber auch die Verlegung ganzer Lazarette und Krankenhäuser, beobachtet.

Am Donnerstag, 22. März 1945, „kam auch eine Genesenenschwadron von Worms hier an und machte Quartier. Ihre Ankunft war ein Bild des Jammers. Zu Fuß u. zu Wagen kamen sie mehrere Tage hindurch hier an“, so berichtete der Ortsgeistliche. Während die einen noch über die intakte Rheinbrücke fliehen konnten, seien die anderen Truppenteile nach deren Sprengung mit Booten über den Fluss gesetzt und auf eigene Faust weiter durch das von Menschenmassen völlig überflutete Neckartal gekommen.

Der Haupttrupp dieser Lazarettinsassen hatte einen schweren Tieffliegerangriff im Neckartal zu überstehen und beanspruchte nun den „Kronensaal“, den das Jugendheim „Wickernhof“ aus Weingarten bereits komplett belegt hatte. „Dann nahmen sie den eigentlichen Nähschulsaal im Herz-Jesu-Stift, den ebenfalls das Jugendheim innehatte, in Beschlag“, berichtet Dr. Ulsamer.

Auf Bitten des Truppenarztes habe man den hinteren Raum, der als Nähstube diente, als Krankenrevier eingerichtet, während der große Saal die Schwerverwundeten aufnehmen sollte. Die Waschküche des Pfarrhauses, in der bereits der Kessel der Schwesternwaschküche stand, sei als Feldküche mit zusätzlichen zwei Kochkesseln eingerichtet worden.

Aber dieser Spuk wurde jäh beendet, denn als sich am Sonntag (25. März 1945) die Nachricht verbreitete, dass die Amerikaner mit etwa 200 Schwimmpanzern den Rhein überschritten und bereits bei Erlenbach am Main stünden, rückte das Lazarett überstürzt am darauffolgenden Montag in Richtung Mergentheim ab.

Aber die Ruhe war nur kurz, wie Dr. Ulsamer berichtet, denn schon wenige Stunden später stellte ein Quartiermeister vier Pferde in die Pfarrscheune ein, ihnen folgte eine mit Pferden bespannte Feldküche, die aber wegen zu geringer Anzahl an Soldaten nicht kochte. Die drei Soldaten dieser Feldküche hatten eigene Lebensmittel dabei, die sie in der Waschküche des Pfarrhauses zubereiteten. An sie, die aus Mitteldeutschland stammten, hatte Pfarrer Ulsamer gute Erinnerungen, zumal ein katholischer Landwirt aus der Diaspora dabei war, der die Gelegenheit zur Beichte nutzte“.

Danach war das Pfarrhaus ein ständiger Durchgangsort für viele versprengte und flüchtende Menschen. Den Anfang machte ein Westfale mit einer tiefen katholischen Überzeugung aus „dem schwarzen Eck“ bei Münster, ihm folgte ein an doppelter Rippfellentzündung erkrankter Soldat aus Würzburg. „Er hatte schon seit einem halben Jahr keine Nachrichten von seiner Frau und war sehr schwermütig“, beschreibt ihn Pfarrer Dr. Ulsamer. Am Dienstagabend kamen aus Beerfelden „5 Leute vom Arbeitsdienst, 3 Mädel und 2 Arbeitsmänner. Sie übernachteten in der Scheune und wussten nicht wohin sie sollten, weil sie ihre Einheit verloren hatten.“

Mitten in die Kirchenreinigung am Mittwoch der Karwoche platzte eine Festungseinheit des Westwalls aus dem Saargebiet und erst nachdem die beiden Waschkessel nach der Kirchenreinigung frei waren, wurden sie wieder zum Teil einer „Feldküche“. Von 30 Fahrzeugen seien ihnen nach einem Fliegerangriff nur noch zwei erhalten geblieben, berichteten die müden und abgezehrten Soldaten. „Während der Betstunden beichteten einige. Sie alle hofften, hier „ein schönes Ostern zu verleben“, schreibt der Geistliche, um zugleich festzuhalten, dass man am Karfreitagmorgen hörte, dass die amerikanischen Truppen von Hettigenbeuern und Hornbach nach Buchen marschieren würden. „In der Abenddämmerung kam der Postkraftfahrer Ballweg mit dem leeren Postauto“; er sei als Letzter aus Buchen herausgefahren.

Die bange Sorge sei gewesen, ob Altheim verteidigt werde. „Endlich erklärte ein Offizier. Wir haben keine Leute u. keine Waffen zur Verteidigung“, so Dr. Ulsamer und aus Richtung Rinschheim seien Schüsse und das Dröhnen von Panzermotoren zu hören gewesen. Mitten in der Nacht zum Karsamstag sei er aus dem Schlaf gerissen worden: „Heftiger Lärm drang aus dem Hof von Alois Frank, wo eine Gruppe nicht mehr nüchterner Soldaten verlangte, nach Gerichtstetten geführt zu werden. Sie setzten dem A. Frank die Pistole auf die Brust. Da fuhr er“. Ununterbrochen seien Panzermotoren zu hören gewesen. Nachträglich sei zu erfahren gewesen, dass die US-Panzer um 4.30 Uhr ohne einen Schuss abzugeben durch Rinschheim und von dort über den Dörrhof nach Rosenberg gefahren seien. „Bei uns wurde es nach 4 Uhr ruhiger“, so dass der Pfarrer um 6.30 Uhr mit der Karsamstagsliturgie beginnen konnte. „Nur die zwei Ministranten Conrad Schmitt und Helmut Kempf waren anwesend“ , berichtet der Pfarrer und schon während des Gottesdienstes seien die Motoren von Panzern zu hören gewesen, die aus Richtung Walldürn anrückten und den Nordteil des Dorfes umstellten.

Einzelne Gewehrschüsse

„Nach den Weihen begann ich das Amt wie gewöhnlich. Oberlehrer Engert war allein da ohne Sängerinnen. Da hörte man einzelne Gewehrschüsse, Maschinengewehrfeuer und dann in nächster Nähe Granateinschläge“. Die Leute und die beiden Ministranten hätten daraufhin eilig die Kirche verlassen. Pfarrer, Mesner und Organist hätten sich in der Sakristei getroffen und sich von da sich aus dem Gotteshaus entfernt. Da habe Dr. Ulsamer die Schäden an der Kirche bemerkt. „Unterdessen brannte unbeachtet von den Leuten im Dorf das Anwesen des Josef Weber bei der Anhöhe nieder. Zwei SS-Männer waren am Gänsegarten postiert und eröffneten dort das Feuer auf die Panzer, welche diese mit zwei Granaten auf das Anwesen erwiderten, von denen die zweite zündete. Im Ganzen fielen 15 Granaten in das Dorf ohne weiteren größeren Schaden anzurichten“. Pfarrer Dr. Uslamer berichtet weiter: „Nach dem Schweigen der Schützen im Dorf stellte auch der Amerikaner sein Feuer ein. Da traten zwei Männer aus Mannheim an den Pfarrer heran, sie wollten eine weiße Fahne auf dem Kirchturm hissen. Ich gab ihnen den Schlüssel und ein weißes Tuch. Die Männer hießen Alfred Elz und Conrad Michler beide wohnhaft bei Adolf Schweis. Sie hissten das weiße Tuch, das ich dann gegen Abend wieder einziehen ließ durch dieselben. Viele Leute hissten weiße Fahnen, nur das Schulhaus nicht“.

Heftiges Maschinengewehrfeuer und klatschende Einschläge hätten den Einmarsch der US-Soldaten angekündigt. „Am Hause von Oberlehrer Engert wurde der St. Josefsstatue der Kopf abgeschossen und im Pfarrhaus die vordere Wand von einer Gewehrkugel durchschlagen. Der Enkel der Witwe Gagg, Hans, war neugierig und wollte das Einfahren der Panzer sehen. Er ging aus dem Splittergraben und erhielt einen schweren Streifschuss am rechten Oberschenkel. Im Schwesternhaus wurde er zuerst von Schwester Honorata, dann von einem angehaltenen amerik. Arzt verbunden“.

Nachdem Ruhe eingekehrt sei, habe man sich langsam auf die Straße getraut, die voller Panzer, Begleitwagen, Sanitäts- und Trossfahrzeugen war.

Für den Geistlichen „ein gewaltiger Anblick, wenn es nicht der Feind gewesen wäre. Es dauerten einem von Herzen unsere armen abgehetzten wund gelaufenen, schlecht bewaffneten Soldaten, welche trotzdem einer solchen Übermacht Widerstand leisteten“. Fast schon hellseherisch vertraut Pfarrer Dr. Ulsamer seinen Aufzeichnungen an: „Ob nicht beide Armeen einmal ein gemeinsames Ziel verbindet?“

Am Ostersonntag erfolgte dann die Bekanntgabe der ersten Verordnungen der Eroberer. Niemand durfte sich von 18.30 Uhr bis 7 Uhr auf der Straße sehen lassen. Auch durfte man nur einzeln auf der Straße gehen und Tierfuhrwerke waren nicht erlaubt. „Diese Verordnung blieb nicht lange in Kraft. Am Osterdienstag fuhren die Bauern schon mit ihren Gespannen aufs Feld“, so Dr. Ulsamer, der auch festhält, dass nur das nächtliche Ausgehverbot strenger überwacht wurde; „nachts fahren Streifenautos“.

„Eine besondere Note erhielt das Straßenbild durch die vielen ehemaligen Kriegsgefangenen, die jetzt frei zurückwandernden Polen, Russen, Franzosen, Belgier. Einen kleinen Schatten erhielt die Freude der Befreiten als bekannt wurde, dass sie nach Frankreich kommen und wieder in die Armee eingereiht werden. Die meisten „Altheimer Russen“ zogen es daraufhin vor, bei ihren alten Arbeitgebern als freie Knechte zu bleiben. Unter den Zurückwandernden waren viele Katholiken, von denen manche an den Ostertagen die Kirche besuchten“, beschreibt der Altheimer Pfarrer die Ostertage 1945 in der Baulandgemeinde.

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