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Literatur im Schloss Romanautor Raoul Schrott folgt Ferdinand Magellans Spuren mit einem Roman über den Kanonier Hannes aus Aachen

„Schrecklicher als bei jeder Pauschalreise“

Archivartikel

Mit einer Sammlung von Dada-Schriften hat er habilitiert, womit der Lehrberechtigung an einer Hochschule nichts im Wege stünde. Die „venia legendi“, die „Erlaubnis vorzulesen“, braucht ein Schriftsteller wie Raoul Schrott nach den Eindrücken bei seinem Auftritt bei „Literatur im Schloss“ in Bad Mergentheim nicht mehr einzufordern. Er stellte sein neues Buch vor mit einem Titel, der auf einer Bestseller-Liste der längsten Buchtitel der Welt ganz vorne zu finden wäre: „Eine Geschichte des Windes oder von dem deutschen Kanonier der erstmals die Welt umrundete und dann noch ein zweites und ein drittes Mal“. Im Mittelpunkt steht nicht etwa der hinreichend bekannte Generalkapitän Ferdinand Magellan, den Stefan Zweig als Lichtgestalt sah, sondern der blutjunge Kanonier Hannes aus Aachen.

Nachhilfe in Globalisierung

Bevor Raoul Schrott mit dem Lesen des 13. Kapitels über die Ereignisse nach dem Passieren der Kanarischen Inseln begann, gab es Nachhilfeunterricht in Sachen Globalisierung. Mit päpstlichem Segen wurde bereits 1493 die damals bekannte Welt zwischen Spanien und Portugal rund 1000 Meilen westlich der Kapverdischen Inseln, etwa entlang dem 46. Längengrad, aufgeteilt. Auswirkungen hat diese Interessengrenze bis heute, denn die Portugiesen konnten so die östlich dieser Linie gelegenen Gebiete Brasiliens kolonisieren.

Beide Länder konkurrierten um die heute weit verbreiteten Gewürze wie Muskatnuss und Gewürznelken, die ursprünglich nur auf den Molukken, den sogenannten Gewürzinseln zu finden waren. Unklar blieb damals, ob sie nun auf portugiesischer oder spanischer Seite lagen. Weil die Gewürze früher mit Gold aufgewogen wurden, war die strategische Kontrolle über diese Inseln mit unermesslichem Reichtum verbunden. Dabei waren diese für die Ernährung nicht überlebensnotwendigen und auf den ersten Biss nicht schmeckenden Gewürze, so der Autor, hauptsächlich nur profitable Statussymbole.

Bis zum letzten Satz fesselte die Stimme des österreichischen Übersetzers, Lyrikers und Erzählers mit den eher melodischen Klangfarben der Tiroler Heimat. Doch konnte sie auch schneidend-scharf, mit Präzision und sicherem Gefühl für das Sprechtempo die selbstherrlichen Kommandos von Magellan, die Entbehrungen der auf engstem Raum zusammengepferchten Mannschaften, die Unfähigkeit der Kapitäne, Meutereien, die Qualen des täglichen Hungers, des Skorbuts, die unsäglichen Strapazen der Überwinterung mit unzureichender Kleidung und die Naturgewalten vor Augen führen. „Schrecklicher als bei jeder Pauschalreise“ sei es bei diesem „Selbstmordkommando“ zugegangen. Magellan fiel im Kampf gegen Eingeborene 1521 auf der philippinischen Insel Mactan.

Nach der Entdeckung der dann „Magellanstraße“ genannten Passage zwischen dem südamerikanischen Festland und südlichen Inseln blieben die Winde aus, weshalb der „friedliche“ Ozean den Namen Pazifik bekam. Weil es wegen der fehlenden Winde kein Zurück gab, mussten die Schiffe heimlich auf der portugiesischen Hälfte der Welt weitersegeln. Von der Flotte mit fünf Schiffen mit 250 Teilnehmern der Expedition kehrten nur 18 Seeleute mit der „Victoria“ über die Route um das Kap der Guten Hoffnung 1522 nach Spanien zurück.

Raoul Schrott offenbarte dem gebannt lauschenden Publikum noch, dass er zu diesem Buch „wie die Jungfrau zum Kind“ gekommen sei. Ein Filmemacher habe ihn wegen des bevorstehenden Magellan-Jubiläums angesprochen, um die Route um den Globus nachzufahren. Eine Informationsquelle war der Reisechronist Antonio Pigafetta, dessen Aufzeichnungen nicht immer als zuverlässig gelten. Im Zuge seiner Recherchen fand Raoul Schrott heraus, dass ein Österreicher und zwei Deutsche als Kanoniere dabei waren. Mit dem Filmprojekt wurde es nichts, doch die Fahrt führte Schrott dann mit persönlichen Eindrücken von der Seefahrt, die von ihm ungewöhnlicherweise im Roman eingeflochten wurden, in mehreren Etappen auf eigene Faust durch. So besichtigte er unter anderem auch einen Nachbau der „Victoria“. Obwohl von Hannes, dem deutschen Kanonier aus Aachen, nichts in Archiven oder Bordbüchern zu finden ist, erweckte ihn Raoul Schrott mit unbändiger Fabulierlust zum Leben, ohne mit fiktiven Dialogen beim Leser noch mehr Empathie für Hannes und seine Zeitgenossen einzufordern. Diese Schwäche machte der Autor mit detailgetreuen, alle Facetten der deutschen Sprache ausschöpfenden Detailbeschreibungen wett. Mittendrin erzählte Schrotts von eigenen Nachforschungen, die ihn auf die Osterinsel führten. Dort traf er einen Geologen, der für das Aufrichten der Moais, der mysteriösen Steinfiguren, tätig war. Er landete in einem Hotel eines Tirolers, der sich als weitläufiger Verwandter von Georg, dem österreichischen Kanonier von Magellans Expedition, entpuppte. Ab diesem Zeitpunkt gab es für Raoul Schrott bei dem Buchprojekt kein Zurück mehr. Gott sei Dank, kann man als dankbarer Leser des 324 Seiten umfassenden, fantastischen, nicht immer einfach zu lesenden Werks sagen, aus dem der bestens aufgelegte Autor mit hörbarem Genuss noch zwei weitere Passagen zu Gehör brachte.