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Kunsthalle Würth „Von Matisse bis Bourgeois – Musée d’Art moderne de la Ville de Paris“ zu Gast in Schwäbisch Hall

Ein Erfrischungsbad für alle Sinne

Archivartikel

In der Kunsthalle Würth heißt es derzeit: „Von Matisse bis Bourgeois“ – Musée d’Art moderne de la Ville de Paris zu Gast in Schwäbisch Hall

„Drei Personen im Grünen“ (1906) und „Die Badenden“ (1907) von André Derain oder „Badende Frauen“ (1912) des Autodidakten Albert Gleizes sind zeitlose Motive, die farbenfroh das Verhältnis von Mensch und Natur thematisieren. Robert Delaunay lässt 1906 seinen Blick über eine sonnendurchflutete Landschaft mit blauen Kühen („Paysage aux vaches“) schweifen.

Der Maler Raoul Dufy lädt auf „Die Strandterrasse“ (1907) ein und serviert seinen „L’Apéritif“ (1908) im Freien. George Braque konzentriert sich 1911 auf die Interpretation eines Glases „Le Verre“ während Pablo Picasso 1914 zum deftigen Schinken den alten Tresterbrand („Le Vieux Marc“) kredenzt.

Die künstlerische Avantgarde Europas kultivierte das Savoir-vivre (Lebensart) in Frankreich. Nun bieten die Sommergäste, die nach Schwäbisch Hall umgezogen sind, ein Erfrischungsbad für alle Sinne. Ihre Heimstatt, das renommierte Musée d’Art moderne de la Ville de Paris (MAMVP), gegründet 1934, wird zurzeit renoviert. So verbringen zahlreiche Werke von 94 Künstlern die Sommerferien in der Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall – noch bis 15. September. Die Ausstellung „Von Matisse bis Bourgeois – Museum der Moderne Paris zu Gast in der Kunsthalle Würth“ spannt einen weiten Bogen von den spät-impressionistischen Erben Cézannes, Matisse, den Fauves, dem Kubismus und der École de Paris über Dadaismus, Surrealismus, Abstraktion und Informel bis hin zum Nouveau Réalisme und Aspekten der französischen Gegenwartskunst.

Ergänzt durch repräsentative Werke der Sammlung Würth und prächtig in die Architektur der Kunsthalle Würth tut sich ein großartiges Panorama der Klassischen Moderne auf.

Sog der Avantgarde

Die Betrachter spüren den Sog der Avantgarde, die sich zu Anfang des 20. Jahrhunderts auf der Achse Moskau – Sankt Petersburg – Berlin – Dresden (Hellerau) – Paris bewegte. Rhythmisch pulsierend, frei improvisierend, beflügelt von einer genreübergreifenden Ästhetik interagieren die Kunstgattungen. Beispielhaft spiegelt sich das in Werken von Delaunay wie der „Symphonie colorée“ (1915-1917), „Rythme nr.1“ (1938) oder „Rythme couleur“ (1964) von Sonia Delaunay.

Die Faszination für Technik schlägt sich in Perspektivenwechseln nieder, so malt Delaunay den Eifelturm von oben, ein Höhenflug aus dem Blickwinkel eines Fliegers. Andere Impulse schaffen die Ballet russe. Orientalismus à la „Scheherazade“ findet in der Ornamentik von Tapete und Teppich seinen Widerhall. Mit „Odalisque au fauteuil“ („Sitzende Odalisque“) zeigt Henri Matisse 1928 eine Schönheit in Pluderhosen.

Sie sitzt nicht auf dem Sessel, sondern auf einem Kissen am Boden, den Sessel verwendet sie nur, um sich lasziv anzulehnen.

Vaslav Nijinskis „Spectre de la rose“ (1911) ist ein Plädoyer für Duft und Androgynität der Farbe Rosa, Raoul Dufy variiert das Thema 1931 in „La vie en rose“. Schließlich statuiert der Jahrhundert-Tänzer mit „L’après midi d’un faun“ (1912) und „Le Sacre du Printemps“ (1913) ein Exempel und demonstriert quasi als Nebeneffekt wie wirkmächtig (Theater-)Skandale sind.

Eine Lektion für Künstlerkollegen, die von aufrührerischen Geistern wie Kurt Schwitters, Marcel Duchamps, Max Ernst oder Jean Crotti fortgeschrieben wird. Ein Jahrhundert der Kunstavantgarde – im europäischen Kontext ist die Ausstellung auch ein Beitrag zur Festigung der deutsch-französischen Partnerschaft.Dass sie zustande kam ist in erster Linie Fabrice Hergott zu verdanken, der Direktor des MAMVP arbeitet seit vielen Jahren im Kunstbeirat der Sammlung Würth mit.